Camerata im Konzerthaus: Die Revolutionen und ihre Folgen

6. März 2014, 17:00
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Neben dem heldischen Elan beeindruckte auch die mädchenhaft-märchenhafte Finesse, die tänzerische Eleganz

Wien - Europa, das war lange ein Kontinent im Krieg. Vor gut 200 Jahren marschierte gerade Napoleon mit seiner Armee hier ein - jener Mann, dessen Großmannssucht auch Geisteskapazitäten und Künstler dieser Zeit enttäuschte, die ihn zuerst bewundert hatten. Beethovens dritte Symphonie war ihm erst gewidmet gewesen; nur ein halbes Jahr nach der Uraufführung (April 1805) war Napoleon der Hausherr von Schönbrunn - und seine Offiziere saßen im Publikum der Fidelio-Premiere im Theater an der Wien.

25 Jahre später schrieb Chopin sein Klavierkonzert in f-Moll - in aus seiner Sicht vorrevolutionären Zeiten. Der polnische Novemberaufstand machte den in Europa konzertierenden Starpianisten kurz darauf zum (unglücklichen) Wiener: Chopin haderte mit Musikverlegern ("Sie drucken nur Strauß"), verzweifelte nächtens im Stephansdom und fühlte sich angefeindet. Im Juli 1831 floh er ins geliebte Paris.

Revolutionär war es auch, was Philippe Herreweghe auf dem Gebiet der Barockmusik vollbracht hat - ironischerweise wurde die Musikgröße aus Gent dafür vom belgischen König in den Adelsstand erhoben. Beethovens Eroica präsentierte der 66-Jährige zusammen mit der flammend wie auch feinfühligen Camerata Salzburg im Konzerthaus vielschichtig: Neben dem heldischen Elan beeindruckte auch die mädchenhaft-märchenhafte Finesse, die tänzerische Eleganz. Die Streicher waren im Verhältnis 7:6:5:4:3 besetzt, die Trompeter musizierten auf historischen Instrumenten, der Paukist schlug die leisen Schläge mit dem Zeigefinger. Wundervoll auch der Wechsel von kompakter Kraft und schattenhaftem Huschen in der Coriolan-Ouvertüre.

Mit feinfühligster Virtuosität interpretierte Alexander Lonquich Chopins zweites Klavierkonzert, alles Drängen war stets in das feine Tuch des Maßhaltens eingefasst. Im Zweifelsfall wählte er die elegante Lösung; die Verzierungen im Mittelsatz waren Kunstwerke des Filigranen. Chopins Impromptu in Fis-Dur als Zugabe auf einem zauberhaft intonierten Steinway. Toll. (Stefan Ender, DER STANDARD, 7.3.2014)

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