Medienwettkampf um Pistorius-Prozess

6. März 2014, 17:47
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Der wegen Mordes an seiner Freundin angeklagte südafrikanische Sportstar Oscar Pistorius steht in der Öffentlichkeit wie wenige Beschuldigte vor ihm

Johannesburg - Im Fokus der Weltpresse geht jetzt die erste Woche im Mordprozess gegen den Athleten Oscar Pistorius zu Ende. Die Verteidiger des angeklagten 27-jährigen "Prothesenläufers" hatten in den vergangenen Tagen mit harscher Taktik im Zeugenverhör ihre Version der Ereignisse der tragischen Nacht am Valentinstag 2013 gezeigt: Oscar Pistorius hat eine Freundin Reeva Steenkamp aus Versehen erschossen. Der einstige Sportstar habe sie für einen Einbrecher gehalten.

Der Staatsanwalt hingegen hat sich bisher weniger aggressiv zu Wort gemeldet, doch auch er hat mit seiner Ausgangsthese im Mordfall Pistorius keine Zeit verschwendet: Schon vor Verhandlungsbeginn signalisierte der Ankläger, Pistorius hat seine damals 29-jährige Freundin vorsätzlich getötet. 107 Zeugen stehen auf der Verhörliste.

Am Donnerstag berichtete der erste Augenzeuge vom Tatort. Ohne seine Beinprothesen habe der Angeklagte über der Toten gestanden und geweint. "Ich habe sie erschossen, ich dachte, sie war ein Einbrecher, und ich habe sie erschossen", zitierte der Mediziner Johan Stipp, ein Nachbar, Pistorius. Der behinderte Profisportler habe laut gebetet und Gott angefleht, sie möge nicht sterben.

Über jede Zeugenaussage wird penibel berichtet, die Medien geben dem allgemeinen Posting- Sturm auf Twitter und sozialen Medienplattformen immer mehr Nahrung.

Beobachter können jede Minute auf internationalen Nachrichtenseiten nachlesen, ob Oscar Pistorius seinen Kopf in den Händen hält oder weint. Oder, dass er in dieser Verhandlung überrascht gefasst ist. Seit der Erlaubnis des südafrikanischen Gerichts, zwei einheimischen Fernsehkanälen die Erlaubnis zur Liveübertragung aus dem Gerichtssaal zu geben, kann jedes Wort der Verhandlung verfolgt werden. Der Fall wurde schon lange vor Beginn mit dem O.-J.-Simpson-Fall in Amerika verglichen, die Sensationslust der Presse steht in nichts nach.

Diskussion auf Twitter

Bereits einen Monat vor dem Prozess waren in südafrikanischen Medien die schrecklichen Umstände der Mordnacht und die Spekulationen um das Motiv der Tat nachzulesen. War Oscar - wie er in Südafrika genannt wird - eifersüchtig? Hat der behinderte Leichtathlet seine Prothesen getragen, als er viermal durch die Badezimmertür schoss, weil er angeblich einen Einbrecher dahinter vermutete? Während die Einschusswinkel noch bei den Beweisen der Ermittler eine Rolle spielen werden, debattiert nun auch die Öffentlichkeit auf Twitter mit. Hochgespielt von den Medien: Es ist die perfekte Geschichte für die Presse, denn es geht um eine menschliche Tragödie, Ruhm, Erfolg und Geld - auf einen Schlag gewaltsam verloren.

Die internationale Presse hatte sich über Wochen mit Zähigkeit im Kampf um die 40 Sitze im Gerichtssaal bemüht. Jeder wollte auf der Liste stehen, die das Gericht als Grundlage nahm, Plätze zu vergeben. 40 weitere Sitze gingen an die einheimischen Journalisten. Der Rest der rund 300 Journalisten sitzt in einem Raum neben dem Verhandlungssaal, ausgestattet mit einem großen Bildschirm. Kameracrews drängen sich in den Eingängen und vor der Tür, Satellitenwagen lassen vor dem Gericht kaum Platz entlang der Straßen - sie übertragen die grausamen Einzelheiten der Mordnacht in alle Welt.

TV-Stationen aus Brasilien, Polen und Nigeria bieten sich einen Wettkampf mit den US-Crews und der britischen Boulevardpresse sowie Kollegen aus Italien, Spanien und Australien.

Beschleunigter Prozess

Unzufriedene Chefredakteure aus aller Welt klingelten pausenlos bei der Gerichtssprecherin, um noch mehr Plätze im Gericht zu sichern. Die Bild fehlt eben so wenig wie die britische Sun. Jedes intime Detail wird in Blitzlichtgewittern ans Licht kommen und hat den Fall beschleunigt, denn die Mordrate in Südafrika ist hoch, und Verhandlungen verzögern sich um Jahre.

Allerdings steht nun auch das Gericht im Rampenlicht und wird beobachtet: Die Presse schaut auf jeden Satz der schwarzen Richterin, die möglicherweise einem Präzedenzfall vorsitzt. Gewalt gegen Frauen ist in Südafrika ein massives Problem. (Martina Schwikowski, DER STANDARD, 07.03.2014)

  • Sportstar Oscar Pistorius (links neben Sicherheitsmännern) im Mittelpunkt des Interesses.
    foto: ap/antoine de ras

    Sportstar Oscar Pistorius (links neben Sicherheitsmännern) im Mittelpunkt des Interesses.

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