Liebestrank - Operndoping

Blog6. März 2014, 14:36
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Der Schriftsteller Ilija Trojanow über Gaetano Donizettis "L'Elisir d'amore"

1. Gruppendynamik

Eine der faszinierendsten Aufgaben im Filmgeschäft dürfte das Casting sein. Nicht nur wegen der Frage, wer eine bestimmte Figur am besten verkörpert, sondern auch wie die unterschiedlichen Schauspielerinnen und Schauspieler zusammenwirken, wie sie sich gegenseitig motivieren und animieren werden. Die vielbeschworene Chemie. Auch in der Oper dürfte das Besetzen der Rollen eine besondere kreative Herausforderung darstellen. Wie wichtig die gefällten Entscheidungen sein können, zeigte sich neulich in der Wiener Staatsoper.

foto: wiener staatsoper / michael pöhn

Anfänglich stand der Tenor herum, als wartete er auf einen Bus. Mal stampfte er mit den Füßen auf, mal verschränkte er die Arme — drei Schritte vor, zwei Schritte zurück. Der Bus hatte wohl Verspätung, denn auch die Sopranistin stand herum und trompetete ihr Missfallen heraus. Schließlich hatte sich das halbe Dorf versammelt, zwei Damen saßen auf einer Bank, dahinter die restlichen Ungeduldigen. Das war wenig ergiebig, denn das Thema der aufgeführten Oper ist nicht die Unpünktlichkeit öffentlicher Verkehrsmittel in der italienischen Provinz.

Statt eines Busses wurde ein Wagen herbeigekarrt, dem entstieg der fahrende Quacksalber Doktor Dulcamara, Berühmt durch seine Taten/Durch seine Wunderkuren/Bekannt in ganz Europa/Selbst bei den Mulatten. Was folgte, war ein eindrückliches Beispiel gruppendynamischer Energie. Ein Ruck ging durch das ganze Ensemble, selbst das Publikum richtete sich auf und lauschte mit Nachdruck. Der Humor linkischer Gesten beschwingte, die deftige Präsenz des Scharlatans setzte alle unter Strom, sogar der vor der linken Hausfassade herabhängende Galgen gewann an dramatischem Gewicht. Im Wechselspiel zwischen Sprechen und Singen, Raunzen und Grunzen wurde der Witz Donizettis ansteckend spürbar. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass an diesem Abend der Bassbariton Erwin Schrott die Aufführung von L'Elisir d'amore rettete.

foto: wiener staatsoper / michael pöhn

2. Quacksalberei

Wieso ist der Quacksalber ein derart erfolgreicher Typus des komischen Fachs? Dabei ist er ein Unheilsbringer für all jene, die nur über die Bildung des Aberglaubens verfügen und sich keine richtige medizinische Behandlung leisten können. In den Slums von Bombay sterben jährlich unzählige Menschen, weil sie von Quacksalbern wirkungslose Pillen angedreht bekommen, denen sie bar Alternativen ihr Leben anvertrauen. Eigentlich ist dieser Betrüger nahe am Totschlag gebaut. Und doch amüsiert er eifrig im bürgerlichen (Musik)Theater als Aufschneider, der nach eigenem selbstgefälligem Bekunden „Freude und Glück destilliert". Vielleicht weil das Publikum in jenem Elysium der Gesundheitsversorgung weilt, zu dem Quacksalber keinen Zutritt erlangen?

Highlight: Erwin Schrott, auf gut deftig gesagt: a echte Rampensau.

Coda: Am Ende streckt die unsichtbare Souffleuse einige Scheine dem Quacksalber entgegen, damit auch sie ein Fläschchen von dem Liebestrank ergattere. Der nächste, zwingend folgerichtige Schritt wäre, das offenkundig wirksame Mittel am Ausgang gegen Bezahlung an das Publikum zu verteilen. Operndoping rundum. (Ilija Trojanow, derStandard.at, 6.3.2014)

  • Trojanows Operama
Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab. 
"L'Elisir d'amore" von Gaetano Donizetti Staatsoper Wien, 3. März 2014. Premiere
    bild: oliver schopf

    Trojanows Operama

    Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.

    "L'Elisir d'amore" von Gaetano Donizetti 
    Staatsoper Wien, 3. März 2014. Premiere

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