Griechenland: TV-Mann gründet Partei für EU-Wahl

Blog6. März 2014, 13:42
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Realpolitik statt Doku-Soap: Der langjährige Fernsehmoderator Stavros Theodorakis will mit einer vagen linksliberalen Partei alle Enttäuschten in Griechenland vereinen

Moderatoren von TV-Gesellschaftssendungen verspüren im Vorfeld dieser Europawahl offenbar einen unwiderstehlichen Drang zu Parteigründungen und großen Systemänderungen. Nach Nikolai Barekow in Bulgarien, der einige Jahre lang das Volk in seiner Sendung "Bulgarien ohne Zensur" vor Mikrofon und Kamera treten ließ und nun mit gleichnamiger Partei auf den Wahllisten für das Europaparlament stehen wird, hat auch Kollege Stavros Theodorakis in Griechenland den Sprung von der Doku-Soap zur realen Politikinszenierung getan.

Seine Sendung bei Mega TV und zuvor beim mittlerweile geschlossenen Staatssender ERT heißt "Protagonistes" – also das Volk als Hauptdarsteller –, seine neue Partei aber To Potami, der Fluss – eine auch im meerumspülten Griechenland große Metapher: Das Meer ist schön blau und groß und eine Sechs-Stunden-Angelegenheit von Ebbe und Flut; der Fluss aber nimmt alle mit, die wollen (oder auch nicht), Rückkehr nicht geplant, Ziel eher unklar. "Fluss, nimm mich mit, nimm mich mit auf deinen Wellen", singt etwa Nana Mouskouri. "To Potami" ist der Titelsong eines 2006 erschienen Albums von Nikos Portokaloglou, "Der Fluss" heißt auch ein früher Episodenfilm des Regisseurs Nikos Koundouros aus dem Jahr 1960. Man sieht: Eine Partei mit gleichem Namen hat noch gefehlt.

Vorstellung der Partei

Theodorakis hatte nicht sehr viel mehr zu bieten als ein Parteilogo (blaue Welle, roter Kreis) und seine eigene Person, als er am Dienstag in Athen To Potami vorstellte. Politische Ideen beziehe seine Bewegung von der Linken und den liberalen Gruppen, erklärte er, und To Potami sei für die EU. Wer im Fluss mitschwimmt zu der Europawahl Ende Mai, wird noch bekanntgegeben. Theodorakis, Jahrgang 1963, will selbst nicht nach Straßburg, sondern nach der nächsten Wahl ins griechische Parlament. Dafür stehen seine Chancen vielleicht ganz gut.

Denn ebenso wie der gleich alte Barekow in Bulgarien profitiert Theodorakis von der Abneigung der Wähler gegenüber den Parteien. Der TV-Moderator, der von sich selbst sagt, dass er früher der Linken angehörte, war jahrelang gleichwohl brav im Fahrwasser der jeweils amtierenden Regierung von Nea Dimokratia oder PASOK geschwommen. Im Jahr 2012 wurde er für sein Kaffee-Interview mit dem Führer der Faschistenpartei Chrysi Avgi, Nikos Michaloliakos, arg kritisiert (Theodorakis trank aus einer Tasse mit dem Chrysi-Avgi-Hakenkreuz, was noch das kleinere Übel war gegenüber den negationistischen Tiraden des Parteiführers).

Vergangenen Februar, wenige Tage bevor er Mega TV für sein Parteiprojekt verließ, legte sich Theodorakis mit der Justiz an, die mit Verweis auf laufende Untersuchungen ein Sendeverbot für Protagonistes erteilte; Theodorakis wollte dem Tod von zwölf Flüchtlingen im Jänner bei Farmakonisi nahe der Insel Kos nachgehen und den Vorwürfen gegen die griechische Küstenpolizei.

Viele Unentschlossene

In der griechischen Parteienlandschaft, durch die sich der Fluss nun schlängeln wird, könnte Ex-TV-Mann Theodorakis einiges umbauen: To Potami wird dem Linksbündnis Syriza, der mit Abstand größten Oppositionskraft, Stimmen abnehmen, schätzen Wahlforscher. Einige Wähler der scheinbar unrettbar verlorenen PASOK mögen sich ebenfalls To Potami anschließen; und auch jene, die 2012 DIMAR, dem einstigen Koalitionspartner Demokratische Linke, ihre Stimme gegeben hatten. Denn Unentschlossene gibt es viele in der griechischen Wählerschaft: mehr als 30 Prozent laut einer neuen Umfrage. (Markus Bernath, derStandard.at, 6.3.2014)

  • TV-Moderator Stavros Theodorakis will etwas in Bewegung bringen.
    foto: webtv

    TV-Moderator Stavros Theodorakis will etwas in Bewegung bringen.

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