Rondo-Geburtstag: Große weite WWWelt

6. März 2014, 16:55
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Vor 15 Jahren kauften wir die ersten Flugtickets im Internet. Heute überfliegen wir den Globus virtuell, haben aber nichts lieber als Strandurlaub

Jede gute Geschichte über Entdeckungsreisen beginnt mit einer Wette. Etwa jener des Phileas Fogg, der die abstruse Idee hatte, in achtzig Tagen vom nebligen London einmal um die Welt zu reisen, nur um schnellstmöglich wieder in der englischen Nebelsuppe zu landen. 126 Jahre nach Jules Vernes Roman, an einem Novembertag im Jahr 1999, trafen eher Wetten wie diese den Zeitgeist: "Du gehst zu Fuß ins Reisebüro und ich per Wählleitungsmodem ins Internet - schauen wir mal, was uns schneller nach London bringt!"

An die Themse wollten die beiden wetteifernden Studenten zur grauslich-grauesten Zeit aus einem Grund: Anstelle von Heißluftballons gab es jetzt Billigairlines. Und ganz egal ob diese im Winter nach Wladiwostok oder im Sommer in die Sahara flogen - für neue Entdecker war es nur billig, und es war ihnen auch recht, diesem Angebot zu folgen.

Eine dieser Linien, die britische Gesellschaft EasyJet, war zudem einer neuen Logik gefolgt: Damit ihr bald noch mehr Sparfüchse ins Netz gingen, wagte sie selber den Schritt ins Netz: als erster europäischer Sparflieger, bei dem jeder ab April 1999 Flüge online buchen konnte - in Echtzeit.

Die Realität sah freilich anders aus: Wir verbrachten zwar echt viel Zeit online, allerdings ohne Echtzeit-Buchung. Immer wieder verabschiedete sich der Browser oder der Server. Nur wer Flugbuchungen zu Fuß erledigte, konnte tatsächlich rasch Haptisches in Händen halten. Zwei Tickets von British Airways zum Beispiel.

"EasyJet kennen s' halt net im Reisebüro", kommentierte das der Gewinner der Wette lapidar. Die Autorität einer analogen Auskunft hatte noch einmal über das digitale Desaster obsiegt. Kein Wunder, hatte doch selbst Sir Stelios Haji-Ioannou, der Gründer von EasyJet, damals über seinen neuen Buchungskanal gesagt: "Internet? Das ist doch nur was für Nerds. Unser Business wird damit nie Geld verdienen!"

Ein Urlaubstag für die Planung

15 Jahre später - der eine Student sitzt jetzt als Reiseredakteur im Büro, und der andere reist auch täglich ins Büro - schaut die Sache freilich anders aus: Geht es nur darum, einen Flug plus Unterkunft zu buchen, erledigen das schon bis zu 70 Prozent der Europäer über flotte Breitbandanschlüsse. Andererseits werden immer noch bis zu 90 Prozent aller Pauschalreisen im Reisebüro gebucht. Eine Gemeinsamkeit haben die digitalen und die analogen Bucher aber: Gute neun Stunden, also einen ganzen Urlaubstag - falls nicht eh in der Arbeit recherchiert wird - verbringen sie durchschnittlich im Netz, um sich vor einer Buchung Infos über ihren Urlaub zu besorgen. Hat's die Autorität der Agenten im Reisebüro angegriffen? Mitnichten.

Glaubt man nämlich einer Studie, die Karmasin Motivforschung Anfang 2014 durchführte, sind gerade die jungen Reisenden geradezu abergläubisch, wenn es um die Glaubwürdigkeit der Reisebüros geht: Noch immer geben 73 Prozent der heimischen unter 27-Jährigen diesen Ort als ihre verlässlichste Quelle für Reiseinfos an. Und auch was sie dort wissen wollen, hat in den letzten 15 Jahren nicht unbedingt revolutionäre Umwälzungen erfahren: "Wo, bitte, geht's zum Strand", fragt dieselbe Altersschicht zu zwei Dritteln und pfeift im Urlaub mehrheitlich auf Abenteuer - all-inclusive kulinarischer Natur.

Die Entblößung der Erde

Eine augenfällige Veränderung gab es allerdings in den letzten 15 Jahren für Reisefreudige durch das Internet: Wer heute die sprichwörtliche Stecknadel im Heuhaufen sucht, findet sie garantiert daheim per Computer - selbst wenn der Heuhaufen in Iowa oder Indonesien liegt. Die visuelle Verfügbarmachung der großen weiten Welt durch kartografische Dienste wie Google Maps und Earth, zusammen mit bebilderten Reiseblogs und Fotodiensten à la Flickr, brachte also nicht nur eine totale Entblößung der Erde, sondern auch eine Art Demokratisierung ins Volk der digitalen Nomaden: Da muss die Uno erst gar nicht von einer Milliarde real Reisender im Jahr 2012 berichten - ob es uns etwa im hintersten Eck des brasilianischen Regenwaldes gefällt, darüber konnten wir virtuell über Google Earth Verreiste schon ein Jahr vor diesen Zahlen diskutieren.

Bleibt uns, noch eine Wette zu formulieren, die mindestens 15 weitere Jahre spannend sein kann: "Wetten, die Welt da draußen wird immer mehr sein als die Summe verpixelter Ansichten!" Als das RONDO einer Reportage über eine reale Bootsfahrt auf dem brasilianischen Amazonas einen Bericht über Googles virtuelle "Street View" im selben Gebiet zur Seite stellte, erreichte die Redaktion eine E-Mail mit einer kritischen Leserfrage: "Glauben Sie wirklich, die digitalen Reisenden in ihren Wiener Wohnzimmern wissen jetzt, wie gut es im Regenwald riecht?" Nein, glaubten wir nicht. Das stand in der Reisereportage. (Sascha Aumüller, DER STANDARD, Rondo, 7.3.2014)

  • EasyEverything hieß eine Internetcafékette (heute EasyInternetcafé), sind ist ebenfalls ein Kind des EasyJet-Gründers Stelios Haji-Ioannou. Die Aufnahme von 1999 zeigt begeisterte Internetsurfer in London.
    foto: epa/matthew fearn/

    EasyEverything hieß eine Internetcafékette (heute EasyInternetcafé), sind ist ebenfalls ein Kind des EasyJet-Gründers Stelios Haji-Ioannou. Die Aufnahme von 1999 zeigt begeisterte Internetsurfer in London.

  • Billigairines haben ihren Aufstieg der Internetbuchung zu verdanken. Dennoch begann vor 15 Jahren jeder Flug mit einem Rausfliegen aus dem Netz.
    illustration: dennis eriksson

    Billigairines haben ihren Aufstieg der Internetbuchung zu verdanken. Dennoch begann vor 15 Jahren jeder Flug mit einem Rausfliegen aus dem Netz.

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