"Es herrschen immer noch viele Stereotype vor"

Interview6. März 2014, 05:30
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Denise Roza tritt mit ihrer NGO Perspektiva für mehr Rechte von Menschen mit Behinderung in Russland ein. Sie meint, dass die Paralympics in Sotschi bereits Positives bewirkt haben. Einen Boykott sieht sie eher kritisch.

STANDARD: Aufgrund der Krimkrise sagen viele Politiker ihre Reise zu den Paralympics in Sotschi, die am Freitag eröffnet werden, ab. Ist das für Sie als Kämpferin für Behindertenrechte in Russland nachvollziehbar?

Roza: Das muss jeder für sich entscheiden. Ich denke aber, es ist wichtig, dass möglichst viele Menschen zu den Paralympics kommen und es viel Berichterstattung gibt. Bei diesem Ereignis geht es ja nicht nur um Medaillen, sondern um viel mehr. Berichte über die Athleten können Menschen mit Behinderung international dazu ermutigen, an sich selbst zu glauben.

STANDARD:  Hat die Tatsache, dass die Paralympics in Sotschi stattfinden, für Menschen mit Behinderung in Russland im Vorfeld etwas bewegt?

Roza: Die Paralympics haben auf jeden Fall Medienaufmerksamkeit gebracht. Und in den letzten fünf, sechs Jahren gab es mehrere Veränderungen – aber Russland ist ein sehr großes Land, in dem 14 Millionen Menschen mit Behinderung leben.

STANDARD: Was hat sich in den letzten Jahren konkret getan?

Roza: Russland hat 2012 die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert, wodurch sich Politiker mehr mit der Situation befassen. Wir nehmen auch verstärktes Medieninteresse wahr, wodurch die Mehrheitsbevölkerung mehr positive Bilder von Menschen mit Behinderung sieht. Auch mehr Arbeitgeber zeigen Interesse. In der Sowjetunion waren Menschen mit Behinderung unsichtbar. Es gab keine Barrierefreiheitsgesetze, es war schwierig, einen Rollstuhl zu bekommen und ein aktives Leben zu führen. Aber es gibt immer noch Leute, die sagen, Menschen mit Behinderung gehören in eigene Schulen.

STANDARD: Ist Sotschi nun außerordentlich barrierefrei?

Roza: Die Menschen genießen in Sotschi jetzt wohl mehr Barrierefreiheit – zumal es dort auch keinen Schnee gibt, der für Rollstuhlfahrer eine zusätzliche Schwierigkeit darstellt. Eine Stadt barrierefrei zu machen ist nur der erste Schritt. Barrierefreiheit macht keinen Sinn, wenn man nirgends hinmuss. Zumindest in den Städten gibt es jetzt aber ein paar barrierefreie Schulen.

STANDARD: Wie viele Menschen mit Behinderung in Russland haben einen Job?

Roza: Offiziell sind 2,5 Millionen der 14 Millionen Menschen mit Behinderungen im Erwerbstätigenalter, davon hat rund ein Drittel einen Job. Das glaube ich aber nicht ganz. Wir gingen bisher davon aus, dass vier Millionen im erwerbsfähigen Alter sind. Wir sind in Russland die einzige NGO, die für inklusive Arbeit arbeitet. Als wir damit vor acht, neun Jahren angefangen haben, hatte die Regierung daran überhaupt kein Interesse; im Zuge eines Barrierefreiheitspakets (das 2011 geschnürt wurde, Anm.) hat sie dann aber auch für Programme dafür Geld lockergemacht.

STANDARD: Arbeiten nun auch Menschen mit Behinderungen im öffentlichen Sektor?

Roza: Wenn, dann sind sie vor allem für Behindertenbelange zuständig. Die meisten Regierungsgebäude sind inzwischen aber mit einem Rollstuhl befahrbar. Vor ein paar Jahren war das noch nicht so. Auch Theater und Museen versuchen es – aber das passiert vor allem in Moskau, andere Städte sind noch hintennach.

STANDARD: 2015 sollen 45 Prozent der Öffis in Russland barrierefrei sein – ein erreichbares Ziel?

Roza: Ich denke nicht. In Moskau werden zwar alle Busse barrierefrei, und die neuen Straßenbahnen sind es auch – aber das ist Moskau. Ein junger Kollege im Rollstuhl, der in Kaliningrad lebt, sagte dazu einmal: „Ihr macht euch Sorgen um Gehsteigkanten? Ihr solltet all die Schlaglöcher bei uns sehen. An denen komme ich nicht einmal vorbei." Dabei ist Kaliningrad auch eine große Stadt.

STANDARD: Verändert sich auch das Bewusstsein der Menschen mit Behinderung selbst?

Roza: Es passiert etwas, aber nur langsam. Die Menschen könnten noch mehr für ihre Rechte eintreten – und brauchen da noch mehr Unterstützung. Es gibt zum Beispiel nur sehr wenige Rechtsanwälte, die sich mit Behindertenrechten befassen. Wir versuchen da ein Netzwerk aufzubauen. Menschen Gebärdensprache beizubringen ist ein Riesenthema in Russland. Die Gebärdensprache ist erst seit 2013 offiziell anerkannt. Es braucht auch viel mehr Orientierungstrainings für Blinde. Und viele Menschen haben noch Angst, dass Sonderschulen schließen – weil sie fürchten, dass Mainstreamschulen die Kinder dann nicht aufnehmen.

STANDARD: Wenn Sie auf die 20 Jahre des Kämpfens für Behindertenrechte in Russland zurückblicken: Was war die größte Veränderung?

Roza: Das Verhalten der Menschen in Russland, vor allem der Jüngeren. Bei Älteren herrschen immer noch viele Stereotype vor, weil sie zum Teil noch keine Möglichkeit hatten, Menschen mit Behinderungen zu treffen. Einmal hat jemand den Katalog unseres Behinderten-Filmfestivals in die Hand genommen und beim Anblick der Bilder zu weinen angefangen – aus Mitleid. Es gehen einfach noch immer zu wenige Kinder mit Behinderung in Mainstreamschulen. Wenn man miteinander aufwächst, ist alles anders. (Gudrun Springer, Der Standard, 6.3.2014)

Denise Roza, 47, geboren in Chicago, lebt seit 20 Jahren in Russland, wo sie 1997 die NGO Perspektiva gegründet hat, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen einsetzt. Roza war vergangene Woche zu Gast bei der Zero Project Conference zum Thema Barrierefreiheit in der Wiener Uno-City.


  • Denise Roza gründete 1997 die NGO Perspektiva in Russland, die für Behindertenrechte kämpft.
    foto: cremer

    Denise Roza gründete 1997 die NGO Perspektiva in Russland, die für Behindertenrechte kämpft.

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