"Tatort "-Regisseurin Derflinger: "Männerbünde bestimmen"

Chat28. März 2014, 11:42
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Regisseur Derflinger über ihr Leben nach dem Grimme-Preis, warum im Fernsehen Männerbünde bestimmen und Til Schweiger in einem "Tatort" mit ganz vielen nackten Männern spielen müsste

Würde Sabine Derflinger einen "Tatort" mit Til Schweiger drehen, man würde es sofort erkennen. "Unglaublich viel Action" müsste er haben, sagte die österreichische Regisseurin im derStandard.at-Chat. "Am liebsten so wie ein chinesisches Action-Movie. Mit ganz vielen Kampfszenen, die außergewöhnlich durchchoreografiert sind und die die pure Bewegung ins Bild bringen. Und ganz viele nackte Männer! Das bin ich meinem Ruf schuldig."

Derflinger, die soeben mit dem Grimme-Preis für die "Tatort"-Folge "Angezählt" ausgezeichnet wurde, stand User-Fragen Rede und Antwort. Warum in Österreich eine anspruchsvolle Krimiserie wie "Kommissarin Lund" nicht möglich scheint: "Weil es mehr Zeit und Geld für die Entwicklung braucht und kreativen Freiraum für die, die das Format entwickeln." Warum Frauen in Krimis so oft Opfer sexualisierter Gewalt sind: "Das spiegelt die Realität wider. Frauen als Täterinnen gibt es schon auch häufig, aber dann geht es um Beziehungskonflikte und auch um die Tatsache, dass sich ein Opfer befreit." Warum die Frauenquote unter Regisseuren so niedrig ist: "Viele Männerbünde bestimmen, wer wann welchen medialen Auftrag bekommt."

Der Grimme-Preis ist Derflinger eine "große Freude" und sorgt für Schwung bei der Buchungslage: "Die Anfragen kommen schon. Wenn ich mich ordentlich benehme, klappt's vielleicht auch." Ihre aktuellen Projekte verriet sie ebenfalls im Chat: Ab 5. Mai dreht sie die ORF-Serie "Vorstadtweiber", danach "Himmel über Burma", ein Biopic über eine Kärntnerin, die in den 1960er-Jahren eine Schanprinzessin in Burma wurde. (prie, derStandard.at, 28.3.2014)

ModeratorIn: Wir begrüßen die Regisseurin Sabine Derflinger beim Chat und freuen uns auf Ihre Fragen.

Sabine Derflinger: Ich freue mich auch, hallo!

UserInnenfrage per Mail: Gratulation zum Grimme-Preis. Was bedeutet die Auszeichnung für Sie?

Sabine Derflinger: Große Freude. Es bedeutet, dass, was beim Publikum ankommt, obwohl es anspruchsvoll und vielleicht etwas harte Kost ist, auch bei einer Jury landet.

ModeratorIn: Erhöht sich nach solchen Preisen die Auftragslage?

Sabine Derflinger: Ich hoffe schon. Die Anfragen kommen schon. Wenn ich mich ordentlich benehme, klappt's vielleicht auch.

Edmund Waringham: Wie stehen Sie als filmschaffende zu der geplanten Festplattenabgabe? Und wie sehen Sie das Problem vom nichtvorhandenen Angebot an Streamingdiensten in Österreich?

Sabine Derflinger: Ich begrüße alle Veränderungen, die die finanziellen Möglichkeiten zur Realisierung von Fernseh- und Filmprojekten verbessern. Freilich ist es eine Katastrophe, dass das Angebot an Streaming-Diensten noch nicht vorhanden ist. Aber alles ist im Aufbruch und in der Entwicklung. Vielleicht brauchen wir nur etwas Geduld.

UserInnenfrage per Mail: Ist es ein Unterschied, ob man einen österreichischen oder einen deutschen "Tatort" dreht?

Sabine Derflinger: Vom Produktionsbudget her kaum. Von den Drehbedingungen auch nicht. Es gibt jeweils erfahrene Teams. Der Unterschied mit den Schauspielern ist, dass die deutschen Schauspieler alle Wohmobile besitzen und man sie ständig suchen muss.

ModeratorIn: Welche Folgen hatte die Ausstrahlung der „Tatort“-Folge „Angezählt“? Gab es Rückmeldungen aus der Szene?

Sabine Derflinger: Die Polizei hat die Anzahl der Mitarbeiter, die gegen Frauenhandel ermitteln, erhöht. Die Zuhälter, die ich kennengelernt habe, haben sich nicht bei mir gemeldet.

ModeratorIn: Kann man mit Film etwas bewirken?

Sabine Derflinger: Ja. Es kann öffentlichen Diskurs geben. So wie eben auch bei "Angezählt". Die Menschen können einen neuen Blick auf eine bestimmte Sache bekommen. Und wenn bloß unterhalten wird, dann ist das ja auch eine Wirkung.

ModeratorIn: Schauen Sie selbst regelmäßig den „Tatort“, und wer ist Ihr Lieblings-Kommissar?

Sabine Derflinger: Ich bin mit "Tatort" sozialisiert und habe als Kind immer geschaut. Heute schaue ich in Zusammenhang mit den Projekten, die ich selbst realisiere. Der Lieblingskommissar ist immer der, mit dem ich gerade drehe.

ModeratorIn: Wie würde ein „Tatort“ von Sabine Derflinger mit Til Schweiger ausschauen?

Sabine Derflinger: Unglaublich viel Action. Am liebsten so wie ein chinesisches Action-Movie. Mit ganz vielen Kampfszenen, die außergewöhnlich durchchoregrafiert sind und die die pure Bewegung ins Bild bringen. Und ganz viele nackte Männer! Das bin ich meinem Ruf schuldig.

UserInnenfrage per Mail: Welche Krimis außer dem "Tatort" schauen Sie sonst noch im TV?

Sabine Derflinger: Ich schaue eher Krimiserien auf DVD. Zum Beispiel "Kommissarin Lund".

ModeratorIn: Gibt es darunter einen Favoriten?

Sabine Derflinger: Ich habe eher Favoriten im Serienformat. Zum Beispiel "Breaking Bad", "House of Cards" - ganz toll ist natürlich "True Blood"! Toll inszeniert und schöne Atmosphäre - wunderbare Unterhaltung.

Bambi, die Sau: Ich wünsche mir Josef Hader als Tatort-Kommissar. Wie würden Sie einen Tatort mit ihm inszenieren?

Sabine Derflinger: Das kann ich ohne den Josef Hader nicht beantworten, denn der würde die Figur sicher gerne mit mir gemeinsam entwickeln wollen. So viel vielleicht: Ich würde die Tatsache, dass der Josef Hader vom Land kommt, in den Vordergrund stellen.

UserInnenfrage per Mail: Im Tatort sind immer noch meist Frauen die Opfer, sexualisierte Gewalt ist eines der Haupt-Verbrechen und die Täter sind in den meisten Fällen Männern. Wie bewerten Sie das?

Sabine Derflinger: Das spiegelt die Realität wider. Frauen als Täterinnen gibt es schon auch häufig, aber dann geht es um Beziehungskonflikte und auch um die Tatsache, dass sich ein Opfer befreit. Tatsächlich ist es so, dass Frauen als Täterinnen seltener gezeigt werden und damit bestehende Wertvorstellungen einzementiert werden. Das umzudrehen würde mir bestimmt Spaß machen.

ModeratorIn: Wieso muss im Fernsehkrimi der Mörder immer gefasst werden?

Sabine Derflinger: Das ist eine Geschichte, die meiner Meinung nach mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden ist. Seit der Nachkriegszeit sind im deutschen Sprachraum die Bösewichte weniger im Kino als im Fernsehen gezeigt gewesen. So auch am Sonntagabend, wo Kommissarinnen Bösewichte eingefangen haben und einfangen und so wieder die Welt in Ordnung bringen, damit am Montag alle beruhigt zur Arbeit gehen können. In den letzten Jahren gab es natürlich Ausreißer, aber grundsätzlich ist das so geblieben.

ModeratorIn: Ganz oft werden im "tatort" kinder ermordet. wieso müssen so viele kinder im krimi sterben?

Sabine Derflinger: Weil das die größtmögliche Empathiefähigkeit der Zuschauer ermöglicht und weil es das Schlimmste ist, und so ein Krimiformat hat ja immer auch kathartische Wirkung.

Sabine Bürger: Lesen Sie selbst auf Twitter oder in Internetforen mit, wenn Sie den Tatort schauen? #SecondScreen

Sabine Derflinger: Nein.

Bambi, die Sau: Schimanski oder Börne?

Sabine Derflinger: Schimanski. Das war Kult.

ModeratorIn: Warum?

Sabine Derflinger: Er war politisch inkorrekt. Damals war das etwas Neues.

UserInnenfrage per Mail: Momentan steigen die neuen „Tatort“-KommissarInnen inflationär. Finden Sie, das Format „Tatort“ wird langsam zu sehr ausgereizt?

Sabine Derflinger: "Tatort" ist der letzte Rest "ursprünglichen Fernsehens", will sagen: Menschen schauen gemeinschaftlich und besprechen sich den nächsten Tag darüber, und daher wird dieses Format jetzt benutzt, um alles da reinzupacken. Den klassischen Krimi, die Krimikomödie, Actionkrimi, Sozialdrama. Dafür braucht es viele Kommissare.

Sabine Bürger: Ich schau in letzter Zeit immer weniger zu und lese immer mehr mit ;-)

Sabine Derflinger: Warum?

msk_at: Warum gibt es kaum Tatort-Kommissare mit intaktem Familienleben. ist der Beruf des Poliziesten wirklich so ein Familien-Killer?

Sabine Derflinger: Im wirkichen Leben haben die Kommissare sehr wohl Familien. Bei meiner Zahnoperation bin ich zufällig neben einer Kommissarin aus Berlin gelegen. Eine beeindruckende Frau mit wilder Löwenmähne. Dann kam ihr Mann zu Besuch, ebenfalls Kommissar in Berlin, leidenschaftlicher Segler und Musiker. Dann kam der Sohn. Hat neu ein Polizeikommissariat übernommen, und dann besprachen die drei die Verbrecher, die er fangen musste und die die Eltern schon von früher kannten.

ModeratorIn: Warum ist in Österreich eine Serie wie „Kommissarin Lund“ nicht möglich?

Sabine Derflinger: Weil es mehr Zeit und Geld für die Entwicklung braucht und kreativen Freiraum für die, die das Format entwickeln.

ModeratorIn: Wo fehlt dieser kreative Freiraum?

Sabine Derflinger: Vor allem in der Entwicklung, aber auch in der Umsetzung. Im deutschsprachigen Raum sind Senderstrukturen sehr komplex und verhärtet und bieten keinen Platz für Innovation. Wahrscheinlich bräuchte es ganz neue Strukturen. Ob die innerhalb der bestehenden Anstalten entwickelt werden können, weiß ich nicht.

UserInnenfrage per Mail: Auf Ihrer Homepage habe ich gelesen, dass Sie auch Werbespots machen. Welche stammen von Ihnen? Und: Machen Sie das gerne und aus Überzeugung ist das sozusagen ein Brotberuf?

Sabine Derflinger: Bis jetzt habe ich nur "Social Spots" gemacht. Die waren unbezahlt. Mein Brotberuf ist im Moment das Fernsehen.

Sabine Bürger: Weil es mit dem Tablet im Ohrensessel auch bequem ist und mich kluge Wortmeldungen zwischendurch interessieren.

Sabine Derflinger: Interessanter Aspekt einer zusätzlichen Kommunikation. Ich bin da in meiner Rezeption wahrscheinlich klassischer.

ModeratorIn: Arbeiten Sie mit Social Media? Facebook? Twitter?

Sabine Derflinger: Sowohl als auch.

Bambi, die Sau: Wieso sind eigentlich die Mörder meistens Ungustln? Ich hätte gerne mehr freundliche, sympathische Mörder.

Sabine Derflinger: Es gibt zwei Methoden, den Mörder zu etablieren: den klassischen Bösewicht, der böse, böse, böse sein kann oder glamourös böse. Oder jemanden, der einem ganz nahe ist, wo das Böse sehr überraschend ist. Ja, das ist natürlich besonders spannend. Die Ungustln als Bösewichte haben natürlich ihre kathartische Wirkung.

UserInnenfrage per Mail: Wie fanden Sie „Janus“?

Sabine Derflinger: Liegt bei mir gerade zu Hause. Schau ich mir übers Wochenende an.

ModeratorIn: Es gibt immer wieder Diskussionen über Interventionen von Redakteuren in die Arbeit der Filmschaffenden. Wie erleben Sie das?

Sabine Derflinger: Unmöglich, projektgefährdend. In einer Art allgemein akzeptiert, die es wieder abzuschaffen gilt. Da sind alle Filmschaffenden, insbesondere Drehbuchautoren und Regiesseure, aufgerufen, sich das nicht länger in dieser Selbstverständlichkeit gefallen zu lassen, weil dadurch die Qualität unserer Arbeit eingeschränkt wird und wir unseren Beruf nicht mehr so durchführen können, wie wir ihn müssen. Das ist eine Unart, die sich eingeschlichen hat.

UserInnenfrage per Mail: Was halten Sie von Netfix & Co, wie verändern diese Plattformen das Fernsehen?

Sabine Derflinger: Ich finde alle Alternativen gut, die neuen medialen Inhalt produzieren können. Das bedeutet Bewegung und Entwicklung und Vielfalt.

ModeratorIn: Die Filmschaffenden klagen über zu wenig Geld. Gleichzeitig kommt es immer wieder zu internationalen Erfolgen. Jammert die Branche aus Gewohnheit?

Sabine Derflinger: Nein. Zu den internationalen Erfolgen kommt es trotz Geldmangels, und viele internationale Erfolge sind möglich, weil in der Vergangenheit österreichischer Film gefördert wurde und RegiesseurInnen im Fernsehen gut arbeiten konnten. Das heißt, es ist eine Ernte von etwas, das stattgefunden hat. Wenn jetzt eingespart wird und nichts stattfindet, werden wir die Missernte erst später einfahren. Deshalb der Aufschrei jetzt. Denn es geht um die Zukunft des österreichischen Films, und die steht dann auf dem Spiel.

ModeratorIn: Der neue Kulturminister plant "erhebliche Verbesserungen in der Künstlersozialversicherung". Worin sollten diese bestehen?

Sabine Derflinger: Es muss eine Entlastung geben für die Künstler, die unregelmäßig verdienen, die aber abgabemäßig so behandelt werden, als ob sie immer das Gleiche verdienen. Wie genau die Verbesserungen ausschauen, weiß ich jetzt nicht. In jedem Fall geht''s darum, KünstlerInnen aus ihren prekären Lebenssituationen herauszuholen.

UserInnenfrage per Mail: Welcher Privatsender macht Ihrer Meinung nach das beste Programm?

Sabine Derflinger: Servus-TV ist interessant.

ModeratorIn: Dschungelshow?

Sabine Derflinger: Nein, schaue ich nicht. Machen würde ich''s auch nicht wollen. Mir hat "Taxi Orange" damals gefallen. Das war interessant, ein Novum. Heute sind diese Formate für mich abgegessen und abgehakt. Da kommt nichts Neues mehr.

ModeratorIn: Woran arbeiten Sie zur Zeit?

Sabine Derflinger: "Vorstadtweiber", eine neue Serie für den ORF. Drehbeginn ist 5. Mai. Danach "Himmel über Burma", ein Biopic über eine Kärntnerin, die in den 60er-Jahren eine Schanprinzessin in Burma wurde. Bis die politischen Ereignisse diese Episode ihres Lebens wieder beendeten.

ModeratorIn: Wieso ist die Frauenquote unter Regisseuren und Autoren so niedrig?

Sabine Derflinger: Viele Männerbünde bestimmen, wer wann welchen medialen Auftrag bekommt. Viele Frauenentscheiderinnen sind ihrem eigenen Geschlecht gegenüber ungleich kritischer und fördern Frauen schlichtweg nicht. Familiäre Verpflichtungen, mangelnde Kinderbetreuungseinrichtungen und historischer Aufholbedarf, will sagen, Frauen müssen erst lernen, dass sie die Welt gestalten dürfen. Als Autorin und als Regiesseurin ist eine Frau Bestimmerin und Gestalterin, und dafür sind wir oft nicht sozialisiert. Trotzdem denke ich, wir sind in einer Art Aufbruchstimmung, die selbstverständlich von Rückschlägen begleitet ist.

Geoffrey of Monmouth: Wie würden Sie jemanden wie mich, der seit den 90ern nie "Tatort" schaut, da ich es damals als langweilig empfand, davon überzeugen, dass sich ein Blick mal wieder lohnt?

Sabine Derflinger: Mit einem knackigen Trailer!

ModeratorIn: Wir danken für Ihr Interesse und Sabine Derflinger fürs Kommen.

Sabine Derflinger: Herzlichen Dank für die Einladung und die spannenden Fragen!

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