15-Jährige erzählen, Teil II

6. März 2014, 17:05
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Stella, Patricia, Niklas, Riccardo, Louise

Riccardo: "In meiner Welt bin ich normal"

Bis zu vier Stunden täglich stehe ich auf meinen Zehenspitzen. Oft sind sie wund, offen und blutig, aber ich kann und will nicht aufhören. Tanzen bedeutet für mich, frei zu sein. Bereits als Fünfjähriger habe ich mit Propädeutik angefangen, so nennt man auch die Vorstufe zum Ballett. Allerdings habe ich mich dort gelangweilt und es deshalb bald mit Kunstturnen und Eiskunstlauf versucht. Sogar an einem Hip-Hop-Kurs habe ich teilgenommen, aber meine Körperhaltung war für diese Art des Tanzes viel zu steif. Mit zehn Jahren habe ich dann endlich wieder zum Ballett zurückgefunden.

foto: irina gavrich
Riccardo Boero kam aus Italien nach Wien, um hier Ballett an der Staatsoper zu studieren. In seinem Leben dreht sich alles um den Tanz. Er trägt ein Hemd von American Apparel, eine Hose von H&M und Schuhe von Petar Petrov.

Als Bub zu den Klängen klassischer Musik zu tanzen war nicht immer einfach. Ich habe aber eine dicke Haut, und blöde Kommentare sind immer abgeprallt. Überraschenderweise waren es in meiner alten Schule in Italien eher die Mädchen, die mich geneckt haben. "Femminuccia – kleines Mädchen", nannten sie mich, aber ich hab mir gedacht: "Ihr müsst euch ändern, nicht ich mich!" Das ist in Wien ganz anders. Ich habe viele neue Freunde gefunden, und wir teilen eine Leidenschaft: das Tanzen. Das ist jetzt meine Welt. In Italien stand der Ballettunterricht immer an zweiter Stelle, zuerst kam die Schule, jetzt ist es umgekehrt. Alles dreht sich in meinem Leben um den Ausdruck und die Harmonie der fließenden Bewegungen.

Mama und die Astrologin

Nach Wien bin ich durch einen Zufall gekommen. Eine Freundin aus meiner Ballettschule in Asti hatte bei einem Tanzwettbewerb rund um den Musiker Vasco Rossi mitgewirkt und es bis unter die besten zwanzig Teilnehmer geschafft. Gemeinsam sind wir dann zum Finale nach Florenz gefahren. Unsere Tanzlehrerin war auch dabei. Sie war es, die eines meiner Tanzvideos den offensichtlich richtigen Leuten gezeigt hat, denn bald darauf habe ich ein Stipendium für die Ballettakademie der Wiener Staatsoper bekommen.

Dadurch gab es natürlich viele Umstellungen, und es war oft schwer. Nicht selten hatte ich Lust, einfach alles hinzuschmeißen. Das erste Jahr verbrachte meine Mutter mit mir in Wien. Sie war eine große Hilfe. Ich hatte oft Angst zu versagen, es nicht zu schaffen. Es kam sogar so weit, dass Mama bei einer Astrologin anrief, um herauszufinden, wie es weitergehen würde. Als ich am Ende des Jahres in jedem Ballettfach eine Eins bekam und auch viel besser Deutsch sprach, war alles wieder gut. Mittlerweile wohne ich allein im Internat. All das erfüllt mich jeden Tag aufs Neue mit Stolz. (Aufgezeichnet von Evelyn Höllrigl)

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