Grabbeigaben einer Mumie liefern 4.000 Jahre altes Käse-Rezept

5. März 2014, 15:36
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Deutsche Forscher konnten einer bronzezeitlichen Grabbeigabe noch nach Jahrtausenden Informationen entlocken

Dresden/Peking - Anstatt wie üblich Proteine und Fette aus den Zellen von Fruchtfliegen oder Fadenwürmern zu analysieren, wurden Dresdner Forscher zuletzt mit einer ungewöhnlichen Untersuchung beauftragt: Die Probe war etwa 4.000 Jahre als und stammte vom ältesten bisher bekannten Milchprodukt, von dem Überreste erhalten geblieben sind.

Das Fundstück, eine Art Käsebröckchen, lag als Grabbeigabe auf der mumifizierten Leiche einer Frau aus dem Gräberfeld Xiaohe in der westchinesischen Region Xinjiang. Aufgrund des extrem trockenen Klimas in der Wüste Taklamakan, in dem sich dieses bronzezeitliche Gräberfeld befindet, waren die Käse-Überreste ausreichend erhalten.

Kefir-ähnlich

Wie die Forscher um Andrej und Anna Shevchenko vom Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden bei ihrer Analyse herausfanden, wurde der Käse wie Kefir aus Milch hergestellt, die mit einem Gemisch aus Bakterien und Hefe zum Gären gebracht wurde - nicht mit Lab, einem Enzymgemisch aus dem Labmagen junger Wiederkäuer. 

"Die Herstellung dieses Kefir-Käses ist einfach, er wird nicht schnell ranzig oder verdirbt - der Käse hat die besten Voraussetzungen dafür, in Massenproduktion hergestellt zu werden", sagt Shevchenko. Durch die Fermentation mit sogenannten "Kefirknollen" (einem Gemisch aus Bakterien, Hefen, Eiweißen und Lipiden) entstehen Produkte, die kaum Laktose enthalten und damit auch gut geeignet für in Asien lebenden Bevölkerungsgruppen sind, in denen Laktoseintoleranz deutlich weiter verbreitet ist als unter Europäern.

Archäologisches Kochbuch gewinnt an Umfang

Gerechnet hatten die Forscher mit einem für sie so ungewohnten Projekt nicht. "Die Archäologie hatten wir eigentlich nie auf dem Schirm. Da sind wir einfach durch eine Mail-Anfrage des chinesischen Archäologen Yimin Yang hineingerutscht", sagt Anna Shevchenko. Inzwischen ist es aber schon der zweite Auftrag dieser Art. Ebenfalls untersucht wurden 2.500 Jahre alte Grabbeigaben, die bei Ausgrabungen auf der chinesischen Begräbnisstätte Subeixi gefunden wurden. "Bei diesem Projekt haben wir die Protein-Rückstände aus einer getöpferten Tonschale analysiert und konnten danach das prähistorische Rezept eines Sauerteigbrots rekonstruieren".

Nach ihrer Pionierarbeit gehen die Forscher davon aus, dass die Proteinanalyse nicht nur in der biomedizinischen Forschung einsetzbar ist, sondern auch in der Archäologie eine vielversprechende Methode sein könnte. Während man sich dort bereits DNA und Fetten gewidmet hatte, wurden Proteine eher ignoriert, weil davon ausgegangen worden war, dass diese völlig abgebaut würden. Doch zeigen die aktuellen Ergebnisse, dass Proteine viele Informationen in Molekülform beinhalten, was Hinweise auf die Verarbeitungsvorgänge liefern kann, die die Menschen vor Jahrtausenden anwandten. (red, derStandard.at, 5. 3. 2014)

  • Auf Brust und Hals dieser bronzezeitlichen Mumie wurden ungewöhnliche Grabbeigaben gefunden: Käsebröckchen. Denen ließen sich auch lange nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums Informationen entlocken.
    foto: y. liu, y. yang

    Auf Brust und Hals dieser bronzezeitlichen Mumie wurden ungewöhnliche Grabbeigaben gefunden: Käsebröckchen. Denen ließen sich auch lange nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums Informationen entlocken.

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