"Hem geben, hem nehmen": Deutsches Türkisch, türkisches Deutsch

Glosse12. März 2014, 05:30
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Türkische Einwanderer und insbesondere deren Kinder haben - willentlich oder nicht - eine neue Form des Türkischen und Deutschen kreiert. Der spielerische Umgang mit Lehnwörtern ist dabei besonders wichtig

Es musste schnell gehen, also tippte ich in mein Telefon: "Hem geben, hem nehmen", und schickte die SMS an meinen austro-türkischen Kollegen, der sofort verstand, obwohl obiger Satz im Grunde willkürlich ist. Ich hätte genauso gut und im Sinne der Linguisten und Sprachschützer schreiben können: "Hem vermek, hem almak" (Sowohl geben als auch nehmen oder gar im biblischen Sinne: Geben ist seliger denn Nehmen). Aber ich tat es nicht, und der Empfänger verstand es ohnehin, ohne nachzufragen.

Soziolekt nennen Sprachwissenschaftler derlei Erscheinungsformen, und wie mir scheint, tun sie das gerne mit einer Prise Verachtung. Sprachhygiene und die Konservierung alter, aber eben sterbender Lokaldialekte treiben sie an, und daher sehen sie moderne Soziolekte als etwas Schlechtes an. Aus Deutschland stammt der Begriff des "bilingualen Analphabeten", und er wurde dort von Sprachwissenschaftlern, aber auch von der Mehrheitsgesellschaft bereitwillig aufgenommen. Die scheinbare Fähigkeit, sich in einer Sprache korrekt auszudrücken und sich nicht aus dem Wortfundus der anderen zu bedienen, wurde als Ideal etabliert. Jene, die das nicht vermögen, kommen eben in die Schublade der "bilingualen Analphabeten". So weit die Theorie.

Akademiker mischen auch gern

Sprachwissenschaftler und die Mehrheitsgesellschaft mögen in der Theorie recht haben, aber in der Praxis ist es so, dass die beiden Herren, die sich scheinbar im deutsch-türkischen Kauderwelsch unterhalten haben, (angehende) Akademiker sind, der eine ist Journalist, der andere Kameramann und Cutter-Genie. Sie bedienen sich bewusst eines Soziolekts und teilen das Bedürfnis anderer nach Sprachhygiene eben nicht. Und so antwortete mir der Kollege mit "Ya birak, Tirk!" (Lass es sein, Türke!). Wobei das Wörtchen "Tirk" nicht für das kurdische Wort für Türke steht, sondern für die pejorativ-tirolerische Bezeichnung für Türken. Hilfe, noch mehr Mischmasch.

Die Verwendung von Soziolekten oder, besser gesagt, der spielerische Umgang mit zwei oder mehr Sprachen erfordert etwas, das angebliche Analphabeten nicht haben können: Sprachsicherheit. Daher sind etwaige Lese- und Schreibschwächen von migrantischen Schülern natürlich bedauernswert, aber eben nicht abhängig vom Gebrauch diverser Soziolekte und Sprachspielereien. In diesem Sinne wünsche ich den Sprachnostalgikern und Lingualhygienikern ein herzliches "Haydi ciao" (hygienisch nicht einwandfreie Abschiedsfloskel mit türkischen und italienischen Versatzstücken). (Rusen Timur Aksak, daStandard.at, 12.3.2014)

  • Vielen Kinder, die zweisprachig aufwachsen, fehlt die Sprachsicherheit
    foto: dpa/arne dedert

    Vielen Kinder, die zweisprachig aufwachsen, fehlt die Sprachsicherheit

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