Die Kälte, die aus der Sonne kommt

8. März 2014, 14:00
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Die meisten Klimaanlagen arbeiten elektrisch - In Singapur befindet sich die größte solare Kühlanlage der Welt - Das Know-how dafür stammt aus Österreich

"Machen Sie sich keine Sorgen. Solare Kühlung", sagt er, "das versteht fast niemand." Setzt sich seine dunkel verspiegelte Sonnenbrille auf und klettert hinaus aufs Dach, wo er zwischen 390 Großflächen-Sonnenkollektoren einen uneingeschränkten Blick aufs nordöstliche Singapur hat. Downtown sieht man von hier zwar nicht mehr, aber die äquatoriale Hitze, die ist überall.

Harald Blazek, zuständig für Strategic Business Development beim Grazer Unternehmen Solid, ist Asien-Delegierter im Namen der Sonne. Seine Mission ist es, das Prinzip der solaren Kühlung in der Welt zu verbreiten, denn im Gegensatz zu Photovoltaik und zu Warmwassergewinnung über Solarthermie ist das Chillen mit Sonnenkraft bis heute weitestgehend unbekannt. Die neue Solaranlage auf dem Dach der Eliteschule United World College (UWC) in Singapur soll das ändern. Mit 3872 Quadratmetern Kollektorfläche und einer Wärmeleistung von 2,7 Megawatt ist dies die größte Anlage dieser Art - und zwar weltweit.

Der Hauptunterschied zur Kompressionskältetechnik, wie sie in jedem Kühlschrank und auch in den meisten Klimaanlagen zu finden ist, liegt darin, dass in einer solaren Kälteanlage der Kältemitteldampf nicht mechanisch verdichtet, sondern über Absorption verflüssigt wird. Durch Wärmezufuhr - in diesem Fall über die Sonnenkollektoren, die die Anlage mit 60 bis 100 Grad heißem Wasser versorgen - wird das Kältemittel danach wieder aus der Lösung ausgetrieben und kann im Kondensator anschließend wieder verflüssigt werden. Der Vorteil: "Bei solarer Kühlung benötigt man im Durchschnitt um rund 80 Prozent weniger Strom als bei einer herkömmlichen Kühlanlage", erklärt Blazek.

Weniger Verschleiß

Ein weiterer, weitaus gewichtigerer Vorteil jedoch sei die Lebensdauer eines solchen Systems: "Bei Kompression unterliegen die mechanischen Teile einem gewissen Verschleiß, wodurch die Anlage regelmäßig gewartet, repariert und irgendwann ausgetauscht werden muss. Bei Absorptionskältemaschinen hingegen arbeiten wir praktisch nur mit Flüssigkeiten und Wärmetauschern. Da wird nichts kaputt."

Die Sonne knallt ganz schön runter. Doch der buchstäbliche Schein trügt, denn anders, als man vermuten würde, ist die Sonneneinstrahlung nicht viel höher als in Österreich. "Wir sind hier fast am Äquator", meint Blazek, "und das bedeutet, dass die Sonne täglich um 18 Uhr untergeht. Aufgrund der Luftfeuchtigkeit ist das Licht viel diffuser als bei uns und daher auch weniger ertragreich. Nicht zuletzt ist der Himmel wegen des tropischen Klimas häufig bewölkt." Letztes Jahr, so Blazek, habe es in Singapur weniger Sonnenstunden gegeben als in Wien.

Interessant im Vergleich zu Österreich ist jedoch, dass die Orientierung der Kollektoren hier nach allen Himmelsrichtungen erfolgen kann: "Abhängig von der Jahreszeit steht die Sonne untertags einmal im Norden und einmal im Süden", erklärt der Solid-Projektleiter. "Zur Sommer- beziehungsweise Wintersonnenwende beträgt die Abweichung vom Zenit bis zu 23 Grad. Daher kann man den gewünschten Energieertrag je nach Ausrichtung der Module perfekt steuern. Diese Freiheit hat man in Europa nicht."

Die Kollektoranlage auf dem Dach des UWC-Campus, auf dem an einem normalen Wochentag bis zu 2500 Schüler lernen, deckt 100 Prozent des Warmwasserbedarfs und etwa zehn Prozent der gesamten Kühllast ab. Doch das Wichtigste ist das Abfangen der Spitzen. "Wenn es am heißesten ist und höchster Kühlbedarf besteht, hat man zugleich den größten Output", sagt Blazek. "Damit können wir das öffentliche Stromnetz zu Spitzenzeiten etwas entlasten. Mit mehreren Anlagen dieser Art könnte man dazu beitragen, dass die in manchen Gegenden bei Überbelastung auftretenden Blackouts reduziert werden."

Solid plant und produziert am Hauptsitz in Graz und in zwei Tochtergesellschaften in Singapur und Phoenix, Arizona, einen Großteil der globalen Solarkühlung. Laut Internationaler Energieagentur (IEA) existieren weltweit rund 700 Anlagen dieser Art. Die 15 größten, die mit 5,7 Megawatt rund 30 Prozent der weltweit installierten solaren Kälteleistung produzieren, stammen von Solid. (Wojciech Czaja aus Singapur, DER STANDARD, 5.3.2014)


Die Reise wurde unterstützt von Swiss.

  • 390 Großflächenkollektoren fangen die Sonnenwärme ein und treiben damit ein energiesparendes Kühlsystem an.
    foto: reuters/tim chong

    390 Großflächenkollektoren fangen die Sonnenwärme ein und treiben damit ein energiesparendes Kühlsystem an.

  • Harald Blazek, Asien-Delegierter im Namen der Sonne.
    foto: woj

    Harald Blazek, Asien-Delegierter im Namen der Sonne.

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