In Georgien werden böse Erinnerungen wach

4. März 2014, 23:23
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Beim Einmarsch der russischen Armee in Georgien im Sommer 2008 hat die EU erst zugeschaut, beraten und dann einen Friedensplan aufgesetzt, an den sich Moskau bis heute nicht hält. Nun gilt ein Nato-Beitritt Georgiens als denkbare Antwort auf die Krim-Krise

Irakli Garibaschwili war gerade in Washington, als ihn ein Déjà-vu-Gefühl einholte. Der junge georgische Premier hatte alles schon einmal gesehen: einen kühl entschlossenen Putin, den einstimmig angenommenen Aufmarschbefehl aus der russischen Parlamentskammer, die Soldaten, die eine Bevölkerung vor Extremisten "beschützen" wollen.

Im August 2008 war die russische Armee in Georgien einmarschiert, fünf Tage dauerte der Krieg; am Ende hatte Georgien seine zwei Separatistenprovinzen Südossetien und Abchasien an Russland verloren. Die Nato solle Georgien endlich den "Membership Action Plan" (MAP) geben, den Fahrplan zum Beitritt in das Atlantische Bündnis, das forderte Garibaschwili vergangene Woche in einer Rede bei einem Washingtoner Thinktank.

Georgien in die Nato?

Das denken auch die Kritiker von Barack Obama, die den US-Präsidenten in der Krim-Krise für zu weich halten. "Wenn ich Obama wäre, würde ich Georgien in die Nato aufnehmen", erklärte der republikanische US-Senator Lindsay Graham dieser Tage einem US-Sender. Die blaue Nato-Flagge mit dem stilisierten Kompass im Hinterhof Russlands, das Atlantische Bündnis im Kaukasus und mit noch einem Anrainerstaat mehr am Schwarzen Meer wäre ein ziemlicher Schlag für den Kreml. "Putin steht auf der falschen Seite der Geschichte", sagt Lindsay, "lasst ihn dafür zahlen."

Beim Nato-Gipfel in Bukarest im April 2008 war der früheren Sowjetrepublik Georgien der Beitritt zugesichert worden - allerdings ohne Datum. Der Beschluss in Bukarest galt als einer der Gründe für Putins Krieg gegen den kleinen, nach Westen orientierten Kaukasusstaat. Mit der Besetzung und Abtrennung der zwei georgischen Separatistenprovinzen Abchasien und Südossetien schob Moskau seine Macht im Kaukasus weiter vor und schuf zwei permanente Militärbasen und politische Unruheherde, die einen Nato-Beitritt Georgiens für die anderen Mitgliedsländer der Allianz wenig erstrebenswert erscheinen lassen: Georgien in der Nato wäre, wie an der Tankstelle zu rauchen.

Unberechenbarer Präsident

Anders als nun in der Krim-Krise waren die EU und die USA beim Kaukasuskrieg 2008 zu Beginn zurückhaltend mit Drohungen gegen Moskau. Der damalige georgische Staatschef Michail Saakaschwili schien vielen im Westen unberechenbar, die Schuld am Ausbruch des Kriegs in der Nacht zum 8. August gleichermaßen verteilt zwischen Georgien und Russland.

Erst als die russischen Truppen auch in Abchasien einrollten, wo es keine Kämpfe zwischen Georgiern und Separatisten gab, und sich am 10. August anschickten, über die Separatistenprovinzen hinaus den Rest Georgiens zu besetzen, kam die Krisendiplomatie in Gang.

Die USA ließen Nicolas Sarkozy den Vortritt, dem damaligen französischen Staatschef und EU-Ratspräsidenten. Während Saakaschwili gehofft hatte, die Amerikaner würden in irgendeiner Weise militärisch intervenieren, setzte Sarkozy einen Friedensplan mit sechs Punkten auf. Damit verhinderte er wohl den Weitermarsch der russischen Truppen in die georgische Hauptstadt Tiflis.

Nicht aber Moskaus Sieg: Während die EU-Außenminister berieten, wurden die südossetischen Dörfer von georgischen Einwohnern "gesäubert". Russland zog sich nicht wie vereinbart auf die früheren Linien zurück, und die politischen Sanktionen von EU und Nato waren bald verraucht. (Markus Bernath, DER STANDARD, 5.3.2014)

  • Trauer am Grab eines im August 2008 im Georgien-Krieg getöteten Osseten.
    foto: ap/karpov

    Trauer am Grab eines im August 2008 im Georgien-Krieg getöteten Osseten.

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