Weltkulturerbe vor dem Untergang

8. März 2014, 18:00
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Klimaforscher Ben Marzeion von der Universität Innsbruck hat Prognosen erstellt, wie sich der Anstieg der Meeresspiegel in den nächsten 2000 Jahren auswirken wird

"Wenn wir den Klimawandel nicht begrenzen, werden die Archäologen der Zukunft einen großen Teil unseres Kulturerbes in den Meeren suchen müssen." Das sagt Klimaforscher Ben Marzeion, der gemeinsam mit seinem Kollegen Anders Levermann den zu erwartenden Meeresspiegelanstieg in den nächsten 2000 Jahren am Computer modelliert hat.

Standen bisher vor allem die vom Klimawandel verursachten Veränderungen der Natur und die Folgen für Sektoren wie die Landwirtschaft im Mittelpunkt des Interesses, so hat das Forscherduo erstmals den Fokus auf das kulturelle Erbe der Erde gelegt. Konkret: auf die über 720 Kulturdenkmäler der Unesco-Liste.

Um zuverlässige Prognosen erstellen zu können, berücksichtigen die beiden Klimaforscher nicht nur die wahrscheinlichsten Szenarien für den Klimawandel, sondern auch den regional unterschiedlichen Anstieg der Meere, der erst mit einer gewissen Verzögerung nach dem Anstieg der Temperaturen kommen wird. "Wenn große Eismassen abschmelzen und das Wasser sich über die Meere verteilt, beeinflusst das auch das Gravitationsfeld der Erde", sagt Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Bei einer globalen Erwärmung um drei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts könnten längerfristig bereits bis zu zwölf Länder der Welt mehr als die Hälfte ihrer derzeitigen Landfläche, rund 30 Länder ein Zehntel ihrer Fläche verlieren, schreiben die Forscher im Fachblatt "Environmental Research Letters". Würde dieser Meeresspiegelanstieg heute passieren, wären mehr als 600 Millionen Menschen betroffen und müssten sich eine neue Heimat suchen.

Vor allem in Südostasien, wo viele Menschen an den Küsten leben, wird sich der Meeresspiegelanstieg besonders stark auswirken. Aber auch die Vereinigten Staaten, etwa der Bundesstaat Florida, gehören zu den betroffenen Gebieten. "Diese langfristigen und gewaltigen Veränderungen an den Küsten werden auch das kulturelle Gefüge entscheidend verändern", sagt Marzeion, der an der Universität Innsbruck forscht.

Freiheitsstatue und Oper von Sydney bedroht

Die Wissenschafter haben ihre Prognosen, die vom Wissenschaftsfonds FWF mitfinanziert wurden, aber auch mit den Standorten des Weltkulturerbes verglichen - und kamen zum Schluss, dass langfristig 136 von 700 gelisteten Kulturdenkmälern betroffen sind: Sie würden auf lange Sicht unter dem Meeresspiegel liegen. Zu den betroffenen Weltkulturerbestätten gehören etwa historische Stadtzentren in Brügge, Neapel, Istanbul, St. Petersburg oder Stätten in Indien oder China. Aber auch die Freiheitsstatue vor New York oder die Oper von Sydney stünden langfristig vor dem Untergang.

"Unsere Analyse zeigt, wie ernstzunehmend die langfristigen Folgen für unser kulturelles Erbe sind, wenn wir den Klimawandel nicht begrenzen", sagt Anders Levermann. Dabei sei noch gar nicht berücksichtigt, dass Gezeiten und Sturmfluten schon sehr viel früher Folgen für diese Kulturstätten haben könnten. (tasch, DER STANDARD, 5.3.2014)

  • Schlechte Aussichten für die Freiheitsstatue: Ihr wird das Meer in nicht allzu ferner Zeit bis an den Sockel reichen.
    foto: reuters/carlo allegri

    Schlechte Aussichten für die Freiheitsstatue: Ihr wird das Meer in nicht allzu ferner Zeit bis an den Sockel reichen.

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