Flüchtlinge in Ceuta: "Wir bewegen uns wie Schatten"

Reportage4. März 2014, 17:54
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Tausende Flüchtlinge aus Afrika harren zum Teil seit Jahren an der Grenze zu den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla aus. Beim jüngsten Massenanstrum auf den bis zu sieben Meter hohen Zaun scheiterten am Dienstag an die 1500 Menschen

Ceuta/Fnideq - Knapp vor dem Ziel ist Aufgeben keine Option. Eineinhalb Jahre harrt der Malinese Mohamed L. (25) schon im Bergland unweit von Fnideq, einer Grenzstadt in Nordmarokko aus: "Der höchste Zaun ist kein Hindernis. Das schreckt niemanden ab."

Fast wie zur Bestätigung kam am Dienstag die Meldung, dass in der Früh bis zu 1500 afrikanische Flüchtlinge versucht hätten, über den bis zu sieben Meter hohen Grenzzaun in die spanische Enklave Ceuta zu gelangen. Es war der größte Massenansturm seit Jahren - doch laut spanischer Polizei ist es keinem einzigen Flüchtling gelungen, die mit rasiermesserscharfem Stacheldraht gespickte Hürde zu überwinden.

Vor fast drei Jahren war Mohamed L. im eskalierenden Konflikt mit Tuareg und Dschihadisten geflohen. Sein Traum ist die Fremdenlegion. Unter der Bedingung "keine Kamera" führt er in den Wald nahe der Stadt. Hunderte seien es, die etwa drei Kilometer vom mit Rasiermesser scharfem Nato-Draht versehenen doppelten Grenzwall der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta auf ihre Chance warten, das EU-Territorium zu erreichen.

Couscous und Kleintier

Es sind wohl weit mehr, die in menschenunwürdigsten Behausungen aus löchrigen Plastikplanen überleben. Nur wenig Schutz vor Regen bieten sie, Erkältungen enden tödlich, sagt L., "mangels Geld für Medizin". Wärme spendet ein kleines Feuer. Auf dem wird das Wenige, was sie haben, gekocht: Reis, Couscous, und was an Kleintier in die Fallen ging. Hunger ist ständiger Begleiter. Es wird gejagt und gebettelt. Arbeit sei in Marokko unmöglich, zeige man sich öffentlich, folgten Festnahme und Abschiebung: "Wir bewegen uns wie Schatten."

Anders als am Monte Gurugú unweit der zweiten, spanischen Nordafrika-Exklave Melilla lebt man hier in kleinen Gruppen und nicht nach Religion oder Nationalität getrennt. Es wird Wache gehalten, das Nötigste stets griffbereit, um wegzulaufen: "Weniger als fünf Minuten reichen, dann sind wir wie vom Erdboden verschluckt", sagt der Malinese.

Christen verfolgt

Laut El País sollen um Ceuta und Melilla mehr als 30.000 Menschen auf den großen Sprung ins erträumte, bessere Leben warten. Da Brüssel an die Partnerstaaten Nordafrikas die Aufgabe delegierte, die Migration zu bremsen, sieht man in Fnideq selbst keinen einzigen Menschen dunkler Hautfarbe. Sie wagen sich maximal an die Stadtgrenze. Wo einzelne Geschäfte, Bäcker und Gemüsehändler nur muslimischen Migranten Nahrung spenden. Christen, die Ceuta erreicht haben, erzählen von Verfolgung und Gewalt.

Wie Gordon G. (32) aus Liberia. Er verließ seine Heimat vor elf Jahren: "Guinea, Mali, Mauretanien und Algerien waren die Hölle" Er ist zuversichtlich Asyl zu erhalten. Die Wunden des Nato-Drahts sind zu tiefen Narben an seinen Händen verheilt. Dabei soll dieser nur der "Abschreckung dienen", wie Premier Mariano Rajoy vom konservativen Partido Popular (PP) zuletzt auf EU-Kritik hin argumentiert hat.

"Es war hart. Die gesamte Reise", sagt auch Kabái H. (21), Muslim aus Mali. Ende Dezember des Vorjahres setzte er in einem Spielzeug-Schlauchboot nach Ceuta über. Er saß nur ein Monat in Marokko fest. Seither ist er im Auffanglager CETI, das aus allen Nähten platzt, interniert. Wie man am CETI in Melilla betont, seien dort mehr als 1300 Menschen (ausgelegt ist es auf maximal 500) untergebracht, nach dem Massenansturm am 1. März, als 214 Migranten den Wall bezwangen. Darunter die erste Frau, Mireille (15) aus Kamerun, die mit gebrochenem Schlüsselbein beim vierten Versuch die Zäune überwand.

Blutende Hände

Alleine in Melilla versuchten 2014 mehr als 4000 Menschen die Grenze zu überwinden, mehr als 600 mit Erfolg. Sie küssten den Boden und hoben euphorisch die blutenden Hände zum Victory-Zeichen. Auf das iberische Festland gerlangen allerdings die wenigsten. Asyl ist meist eine Illusion. Im Schnitt wurden 2012 und 2013 nur knapp 15 Prozent von etwa 3000 gestellten Anträgen positiv bewertet. Viele werden abgeschoben. Mitunter aus Ceuta und Melilla ohne Prüfung ihres Status direkt nach Marokko, klagen NGOs wie Andalucia Acoge.

Angst herrscht selbst unter der Grenzpolizei, die die Guardia Civil stellt. Der gemeinsame Gegner schweißt Marokkaner und Spanier zusammen. Verletzte gibt es stets auf Seiten der Grenzwachen gemäß der Innenministerien in Madrid und Rabat zu beklagen. Dabei beansprucht Marokko die Exklaven und eine Handvoll Eilande in Küstennähe für sich. Was zuletzt in der "Petersilien-Insel-Krise" 2002) fast zur militärischen Eskalation führte. Spanien, im Besitz beider Städte seit Jahrhunderten, hat dafür freilich kein Verständnis.

Die Truppenkontingente werden drastisch aufgestockt. Dabei sind die Kontrollen am Übergang selbst lax. Junge Marokkaner springen vor der Polizei über den mit etwa drei Metern niedrigen Zaun, nachdem sie Säcke mit Plunder darüber geworfen haben. Das wird augenzwinkernd toleriert. Bei der Einreise nach Ceuta wird kaum gefilzt. Dabei ist das nahe Rif-Gebirge weltweit größter Haschisch-Produzent. Der Fokus gilt denen, die illegal hineinkommen.

Rekordarbeitslosigkeit

Die Stimmung der Bevölkerung Ceutas ist angespannt. Grenzen zum Rassismus werden im Gespräch nicht seltener überschritten als reale von Migranten. Die Krise hat eine Rekordarbeitslosigkeit von mehr als 40 Prozent verursacht. Das schürt Ängste um das bisschen Wohlstand: "Nur einer von zehn, die kommen ist ein bedürftiger Flüchtling", echauffiert sich Rafael Ferrón, vom Duty-Free-Shop am Hafen. "Alle lassen uns im Stich", klagt Javier Morales über Madrid und Brüssel. Der Mitfünfziger ist Jurist der Stadtverwaltung und empört über die schwedische EU-Kommissarin für Inneres, Cecilia Malmström: "Sie hat keine Ahnung was hier vor sich geht", ist er überzeugt. Wie auch davon, "dass die forcierte Überwachung der Seegrenze durch die europäische Indalo-Mission den Migrationsdruck an den Exklaven verstärkt".

Vergangenen Montag traf Malmström auf Innenminister Jorge Fernández Díaz (PP), um "Erklärungen für den Einsatz von Gummigeschossen" in Ceuta Anfang Februar einzufordern. Mindestens 15 Migranten waren am Strand von El Tarajal an der Grenze ertrunken. Abgebrannte Kerzen und vertrocknete Blumen erinnern im Kies an die mangels Papieren in namenlosen Gräbern Bestatteten. "Anstürme weiter dennoch weiter zunehmen", ist sich Morales sicher. (Jan Marot, DER STANDARD, 5.3.2014)

  • Immer wieder versuchen Flüchtlinge, bei Ceuta den sieben Meter hohen, mit rasiermesserscharfem Draht gespickten Grenzzaun zu überwinden.
    foto: ap/jesus blasco de avellaneda

    Immer wieder versuchen Flüchtlinge, bei Ceuta den sieben Meter hohen, mit rasiermesserscharfem Draht gespickten Grenzzaun zu überwinden.

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