"Wir sind geschaffen, um Geschichten zu lieben"

Interview4. März 2014, 18:06
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Die Verfilmung des Jugendbuchbestsellers "Die Bücherdiebin" beschwört die lindernde Kraft des Lesens - Autor Markus Zusak wollte ein Ermächtigungsbuch schreiben

Ihr erstes Buch stiehlt Liesel Meminger am Grabe ihres Bruders – es ist ein Brevier für Bestatter. Sie kann es noch nicht lesen, doch Bücher haben damit ihre Aufgabe bekommen: Handreichung zu sein für das Leben mit dem Tod. Liesel, im Film dargestellt von Sophie Nélisse, ist die kleine Tochter einer deutschen Kommunistin (Heike Makatsch). Die Mutter verschwindet 1939 spurlos; Liesel kommt zu Pflegeleltern in einer Kleinstadt nahe München. Die Geschichte nimmt ihren Lauf – und Liesel bald Zuflucht bei der Literatur.

Pflegevater Hans Hubermann (großartig: Geoffrey Rush), ein einfacher Mann mit großem Herzen, er bringt ihr das Lesen bei, führt sie augenzwinkernd hin zur Kraft der Sprache. Fortan stiehlt Liesel Bücher, wo immer sie sie zwischen die Finger bekommt: aus dem Berg verkohlter Bände nach der Bücherverbrennung im Ort, aus der Bibliothek des Bürgermeisters, dessen Frau Liesel heimlich gewähren lässt. Liesel verschlingt Geschichte um Geschichte, um zu ertragen, was eigentlich nicht zu ertragen ist. Hier ist Literatur der Arzt – und nicht der Schmerz.

Die Geschichte der "Bücherdiebin" basiert auf dem gleichnamigen Jugendroman des Australiers Markus Zusak. 2005 erschienen, wurde das Buch zum Bestseller und ist mittlerweile in 15 Sprachen übersetzt. Markus Zusak, der deutsch-österreichische Wurzeln hat, sagt, dass er ein Buch über Ermächtigung schreiben wollte. Bei der Drehbuch-Adaption hatte Zusak seine Finger nicht im Spiel.

STANDARD: Was regt die kindliche Imagination mehr an - die intensiven Bilder im Kino oder Literatur?

Zusak: Bücher sind sicher schwieriger zu erschließen – aber der Eindruck ist nachhaltiger. Warum viele Menschen Bücher besser finden als deren Verfilmungen: Weil sie sich mehr anstrengen beim Lesen und ihre eigene Version der Geschichte bekommen. Daran reicht nichts heran. Die Eindrücke, die dabei entstehen, sind intensiver. Und: 580 Seiten gegen einen Zweistundenfilm – das ist fast nicht zu machen. Es geht um die Zeit, die man beim Lesen hat, um die Geschichte sich entwickeln zu lassen."

Die von Zusak beschworene Kraft der Lektüre - sie wird in diesem Film zelebriert. Die Traumwelt als Zufluchtsort, Eskapismus durch Geschichten – Kinder und Jugendliche dafür zu begeistern, ist gewiss nicht falsch. Denn wer noch Fantasie hat, ist nicht tot. Das wusste schon Momo. Leider kann der Film die Stärken des Buches nicht ganz ausspielen. Was im Buch differenziert bis lakonisch daherkommt, ist im Film mitunter platt und pathetisch.

STANDARD: Man hat den Eindruck, dass Liesel im Film mithilfe des Lesens der bedrückenden Realität entfliehen will. Inwiefern sollte Literatur diese Funktion für Heranswachsende haben?

Zusak: Ich habe eigentlich nicht daran gedacht, dass Liesel durch das Lesen der Realität entflüchtet – aber viele Menschen haben es offenbar so verstanden. Das ist ok. Wir alle lesen, um unterhalten zu werden. Die Idee war: Hitler zerstört die Menschen mit Wörtern – und Liesel stiehlt sich die Worte zurück. Sie schreibt ihre eigene Geschichte damit – inmitten dieser verheerten Umgebung. Es ist eine Ermächtigungsgeschichte. Ich habe die Idee, dass wir alle aus Geschichten bestehen. Das ist das, was uns zu Menschen macht. Auch wenn wir keine Geschichten lesen. Sobald wir Menschen treffen, hören wir Geschichten. Geschichten sagen uns, wer wir sind. Kinder verstehen das – auch wenn sie es nicht in Worte fassen können.

Pflegemutter Rosa (stark: Emily Watson) zeigt sich im Film bald hartherzig und verhärmt, bald menschlich und mutig. Sie hat kein Verständnis für Liesels Leserei. Doch als es darauf ankommt, den Juden Max im Keller ihres Hauses zu verstecken, zögert sie nicht. Wie es überhaupt nur so wimmelt von guten Deutschen in diesem Film. Da werden selbstlos Juden geschützt, kleine Akte des Widerstands im Alltag gesetzt - und der erste richtige Nazi, der im Film auftaucht, ist ein hadernder Jungspund aus der Nachbarschaft, dem sein Auftritt reichlich peinlich ist. Die einzigen Toten, die man sieht, sind ausgebombte Deutsche in den Trümmern ihrer Häuser. Der letzte Freund, der Liesel am Ende bleibt (weil alle anderen tot sind), ist der Jude Max.

Die Darstellung des Nazismus in diesem Film geschieht mehrheitlich mit den Mitteln Holzschnitt und Holzhammer. Da gibt es Kameraschwenks vom Hitlerbild auf die streng frisierte Lehrerin mit den kalten Augen, um deren Bösartigkeit zu illustrieren. Das ist recht platt. Angereichert ist die Geschichte mit üppigem Kitsch, sprachlich wie musikalisch. Als sich Hans Hubermann für den Nachbarn einsetzt und von den SSlern eins auf die Nase kriegt, da fragen die Kinder, was er denn falsch gemacht habe. Die Antwort: "Er hat die Menschen an ihre Menschlichkeit erinnert." Da vibriert das Pathos. Oder wenn Liesel ihren Freund Rudi naseweis belehrt: "Wenn das Leben dich bestiehlt - dann musst du dir etwas zurückstehlen." So reden Kinder eher doch nicht.

STANDARD: Brauchen Kinder ein Happy End? Der Nationalsozialismus hatte bekanntlich keines. Lässt sich diese Zeit überhaupt kindgerecht darstellen, ohne sie zu verfälschen?

Zusak: Das lässt sich nicht allgemein beantworten – es hängt vom Buch ab. In jedem Fall muss sich das Ende wahr zur Geschichte verhalten. Der Tod hat Liesels Geschichte erzählt – der Tod war das natürlichste Ende. Man muss das Buch zuklappen und sich denken: das ist das Ende, das passt. 

Der lakonische Witz des Todes, der Liesels Geschichte erzählt (Stimme: Tod-Profi Ben Becker), wirkt immerhin ansatzweise. Einmal fragt er sich, ob nicht schon einmal jemand beim Hitlergruß ein Auge verloren hat: Man musste doch nur zur falschen Zeit in die falsche Richtung schauen. (Lisa Mayr, derStandard.at, 5.3.2014)

Info

"Die Bücherdiebin", ab 13. März im Kino. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Markus Zusak, die Hauptrollen spielen Geoffrey Rush, Emily Watson, Sophie Nélisse und Heike Makatsch, Regie führte Brian Percival.

Website zum Film

Die Bücherdiebin

  • "Bücherdiebin"-Autor Markus Zusak.
    foto: 20th century fox

    "Bücherdiebin"-Autor Markus Zusak.

  • Im Keller, in dem der Jude Max den Krieg überlebt, ist es kalt. Wärme spenden in Brian Percivals Jugendbuchadaption nicht zuletzt die Bücher.
    foto: 20th century fox

    Im Keller, in dem der Jude Max den Krieg überlebt, ist es kalt. Wärme spenden in Brian Percivals Jugendbuchadaption nicht zuletzt die Bücher.

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