Hart, hart, hart

6. März 2014, 18:10
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Während der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte wurde Pop endgültig als Ware durchdekliniert - Tolle Musik gibt es trotzdem weiterhin

Vor 15 Jahren wurden die Charts unter anderem von Britney Spears mit Baby One More Time und Christina Aguilera mit Genie In A Bottle regiert. In Deutschland sang Stefan Raab vom Maschendrahtzaun. Die Berliner Ballermann-Rocker Scooter plärrten Megafonbefehle in die Großraumdiscos: Fuck The Millennium! Der Preis für den heftigsten Ohrwurm ging 1999 an Emilia. Wenn man jetzt schreibt, dass sich das Lied Big Big World nannte, ist älteren Hörern der Tag verdorben.

Ach so, die Loveparade erlebte 1999 natürlich ihren Höhepunkt: N-ts, N-ts, N-ts - und jetzt die Fliegeralarmsirene! Modern Talking gab es auch wieder, Cher fragte uns, ob wir Strong enough wären. Auf MTV und Viva wurde noch Musik gepielt. Die Teletubbies begeisterten nicht nur Vorschulkinder, sondern auch früh am Morgen heimkehrende Raver. Mehr Niveau setzte es von Moby, der Why Does My Heart Feel So Bad? zum Welthit machte. Der Rest wurde von den Backstreet Boys, Take That oder New Kids On The Block regiert. Robbie Williams war mit Millennium der König des Universums, aber nur in Europa. Das machte ihn bald sehr traurig.

Pop als Leistungssport O 15 Jahre RONDO später hat sich im Pop nicht viel verändert. Die wesentlichen Big Players sind noch immer dabei. Beyoncé hat nach ihren damaligen Erfolgen mit Destiny's Child mittlerweile die Rolle der Königinmutter im Pop eingenommen. Miley Cyrus, die vor 15 Jahren in die Volksschule kam und in ihrer Freizeit ganz toll Britney Spears verehrte, hat sich auch erbarmt. Britney Spears darf auf Mileys aktuellem Album als Grande Dame des Görenpop die reife Bitch geben. Gemeinsam mit Zeitgenossinnen wie Christina Aguilera oder P!nk hat Britney Spears nach Kleinmädchenpop mittlerweile alles bis hin zu pornografischen Bühnenshows durchdekliniert.

Heutzutage ist Pop ein Leistungssport, der in Casting-Shows verhärtet wurde. Als wunderbar oberflächlich glänzende Reibefläche für Marketingträume geht er nicht einmal noch als Illusion von Jugendkultur durch. Schon gar nicht als möglicher Gegenentwurf zu Erwachsenenwelten. Alles ist Arbeit, nichts macht Spaß. Das Geschäft ist hart, hart, hart. Disziplin gilt als Maxime. Wer sich nicht einfügt, der zerbricht. Über das tragische Schicksal einer Amy Winehouse können Profis wie Beyoncé oder Madonna, Miley Cyrus oder Taylor Swift, Katy Perry oder die noch immer umgehende Madonna nur den Kopf schütteln. Ausnahmen wie mit einem Anteil am realen Leben versehene Stars wie Adele als letzter Rettungsanker im Marktsegment Welthaltigkeit und Authentizität bestätigen die Regel.

Wir müssen es noch zur Sprache bringen: die Musikindustrie stirbt. Das historisch mit ungefähr 20, 25 Jahren schmale Zeitfenster, in dem Musiker einzig dank der Ausübung ihres Berufs als Musiker leben konnten, ist das letzte Jahrzehnt endgültig geschlossen worden. Die Verkäufe von Tonträgern und legalen Downloads gehen zurück, die Preise für Konzerttickets steigen. Klug ist es, neben dem Absingen gefällig arrangierter Lieder in jeweils aktuellen Sounddesigns auch noch in Hollywood zu wildern - oder eigene Duftmarken und Modeakzente zu setzen. Die letzte Schlacht der Popmusik wird auf den Wühltischen der Kaufhausketten entschieden. Ach ja, zum Kindermenü beim Fastfood-Clown erhält man derzeit als Geschenk eine DVD mit Hollywood-Animationsklassikern wie Der gestiefelte Kater gratis dazu. Good old Hollywood is dying, good old Hollywood is dead.

Wenn man keine Hitparadenmusik hören will, tut sich allerdings noch immer ein Wunderreich auf. Der "Underground" lebt. In ihrer Freizeit vom Prekariat produzieren junge Leute noch immer tolle, aufregende Musik. Kaufen tut das natürlich niemand, aber es macht Spaß. Die glücklichsten der neuen jungen Produzenten und Beat-Bastler werden dann von Beyoncé dazu eingeladen, Remixes ihrer Songs zu basteln. Das ergibt eine schöne Rentenvorsorge. Eigeninitiative zählt. Und macht bitte bloß nicht euer Hobby zum Beruf! (Christian Schachinger, DER STANDARD, 7.3.2014)

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15 Jahre Rondo

  • Gemeinsam mit Zeitgenossinnen wie Christina Aguilera oder P!nk hat Britney Spears nach Kleinmädchenpop mittlerweile alles bis hin zu pornografischen Bühnenshows durchdekliniert.
    foto: ap/tony avelar

    Gemeinsam mit Zeitgenossinnen wie Christina Aguilera oder P!nk hat Britney Spears nach Kleinmädchenpop mittlerweile alles bis hin zu pornografischen Bühnenshows durchdekliniert.

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