Die Sache mit der Klorolle

3. März 2014, 16:59
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Müller-Schinwald erzählte, wie seine Tochter im Moskauer Kindergarten Panzer aus Klopapierrollen bastelte

Ob der Blick auf die Krim ein solcher vor die eigene Haustür ist, mag allein schon aus geografischen Gründen dahingestellt sein. Während bereits "die Drähte zwischen Washington und Moskau" glühten, lieferte der ORF die überzeugendste Folge der Diskussionssendung "Im Zentrum" seit Menschengedenken ab. Bestes Anrainerfernsehen sozusagen.

Die Klärung der Frage, welche Kalküle der russischen Machtdemonstration zugrunde liegen, zeitigte eine ganze Reihe von messerscharfen Analysen. Der Politologe Gerhard Mangott vertrat sehr überzeugend die Stimme emotionsloser Vernunft. Der ukrainische Geschäftsmann Rostyslav Tys drückte leicht nachvollziehbar die Angst vor Untätigkeit aus. Es ist immer Laxheit, die einen Aggressor in Sicherheit wiegt und ihn gewähren lässt. Tys' Hinweis auf die Annexionspolitik Hitlers 1938 mag überzogen gewesen sein. Im Kern brachte sie die Sorge nicht nur der nächsten (und nicht ganz so naher) Anrainer auf den Punkt.

Normalerweise kann man sich der Spezies des selbsternannten Russlandkenners kaum erwehren. Russlandkenner nannte man früher einmal "Kremlbeobachter". Kremlbeobachter erweckten den Anschein, über alle Einzelheiten sowjetischer Meinungsbildung im Bilde zu sein. Man glaubte, sie wären bei Sitzungen des Politbüros unter dem Tisch (aus kaukasischer Zeder) gesessen.

ORF-Korrespondent Markus Müller-Schinwald tat nichts dergleichen. Er erzählte, wie seine Tochter im Moskauer Kindergarten Panzer aus Klopapierrollen bastelte. Putins Soldaten begrüßte die Kleine auf der Straße freudig als Friedensengel. Der Mann hatte mit wenigen Strichen ein eindrucksvolles Russland-Bild gemalt. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 4.3.2014)

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