Heimwehkrank im Land der Lieder

3. März 2014, 17:16
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Mit Lust überfordert Intendantin Karin Beier in ihrer ersten Spielzeit das Publikum - Etwas Besseres kann der Hansestadt gar nicht passieren

Heimweh und Verbrechen - die Haare, an denen dieses Begriffspaar als hintergründiges Leitmotiv der ersten Premieren von Karin Beiers Hamburger Intendanz herbeigezogen scheint, sind kürzer als auf den ersten Blick vermutet. Unter dem zwischen diesen beiden thematischen Stützen aufgespannten Schirm lassen sich bequem die unterschiedlichsten Geschichten versammeln.

Jene vom griechischen Armeekommandeur zum Beispiel, der für die Lizenz zum Kriegführen seine Tochter schlachtet, um nach zehnjährigem Auslandseinsatz dafür von der Gattin geschlachtet zu werden, was wiederum den gemeinsamen Sohn auf den Plan ruft, die Mutter zu schlachten. Gesehen in den Rasenden, der spektakulären, manchmal nur spektakelnden Antrittsinszenierung der Hausherrin.

Oder die Geschichte des vom Thron vertriebenen Herzogs Prospero, dem ein Unwetter die einstigen Widersacher vor die Füße spült und der nun darangehen könnte, die Messer zu wetzen, um alte Rechnungen zu begleichen. Stattdessen kommt alles wieder in ein irgendwie versöhnliches Lot. Leider ist die polnische Regisseurin Maja Kleczewska beim Versuch, Shakespeares Sturm postdramatisch, postkolonial oder auch bloß postcastorfisch aufzubrezeln, saftig baden gegangen.

Sogar Die Ballade vom Fliegenden Holländer passt geschmeidig ins Passepartout. Die Geschichte von holländischen Siedlern am Kap der Guten Hoffnung spielt in einer Zukunft, die verdächtig einer blondbezopften Vergangenheit ähnelt. Der überwiegend als Opernregisseur tätige Sebastian Baumgarten bastelt aus Texten von Heine, Wagner und Edward Fitzball einen Comicstrip, der vor allem als rasant inszeniertes Futter für die Augen sattmacht.

Schließlich Karl Jaspers. Der Philosoph auf der Theaterbühne? In seiner 1909 veröffentlichten Dissertation Heimweh und Verbrechen sann Jaspers über die Gründe nach, warum zum Beispiel unbescholtene, vollkommen harmlose Kindermädchen, von ihren Eltern aus wirtschaftlicher Not in fremde Dienste gegeben, die ihnen anvertrauten Kinder umbrachten. Und kam aufs - Heimweh.

Bei seiner Rückkehr ans Schauspielhaus, wo er in den 1990ern zu einem der prägenden Regisseure des Gegenwartstheaters avancierte, denkt Christoph Marthaler im gleichnamigen Theaterabend auf seine Weise über Jaspers, übers Heimweh und ein klein wenig auch übers Verbrechen nach: so diskret, so verzweifelt bemüht, jede platte Eindeutigkeit zu vermeiden, als würde er am liebsten das unsichtbare Theater erfinden - in dem man nur noch die perfekt intonierten Lieder und die süßen Melodien hörte, die immer vor der harmonischen Auflösung in der Luft zerplatzen und sich in Anna Viebrocks suggestiven Raumfantasien verlöre.

So langsam dämmert den Hanseaten, wen sie da an ihr stolzes Schauspielhaus geholt haben: eine Theatermacherin, die nicht entfernt daran denkt, leicht Wiedererkennbares zu servieren. Karin Beier scheint fest gewillt, es sich und ihrem Publikum nicht leicht zu machen. Das kann noch richtig lustig werden. (Oswald Demattia aus Hamburg, DER STANDARD, 4.3.2014)

  • Christoph Marthaler denkt szenisch über Karl Jaspers nach: Ueli Jäggi in "Heimweh und Verbrechen" auf einer Anna-Viebrock-Bühne.
    foto: walter mair

    Christoph Marthaler denkt szenisch über Karl Jaspers nach: Ueli Jäggi in "Heimweh und Verbrechen" auf einer Anna-Viebrock-Bühne.

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