Fasten: Appetit auf Nahrungskarenz

5. März 2014, 06:52
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Aschermittwoch ist traditionell der Beginn der Fastenzeit: Über Schlacken, den Sinn von Entgiftung und die euphorisierende Wirkung von Nichtessen

Trotz unterschiedlicher Ansichten sind sich Fachleute zumindest in einem Punkt einig: Angebote mit überzogenen Heilsversprechen sind zu hinterfragen, Crashdiäten abzulehnen. Auch Detox-Kuren, die eine Entgiftung des Organismus versprechen, sollte man genau ansehen: "Den Begriff der Entgiftung sollte man nicht überstrapazieren", erklärt dazu Wolfgang Marktl, Doyen der österreichischen Kurmediziner und Präsident der Akademie für Ganzheitsmedizin. Der Körper brauche eigentlich nichts zur Entgiftung, denn diese sei letztlich eine normale Leistung des Körpers, die er in gesundem Zustand auch gut allein erledige. Die Hauptarbeit läuft dabei über Niere und Leber.

Schaden anrichten

Der oberösterreichische Ernährungswissenschafter Christian Butscher geht einen Schritt weiter und stellt nicht nur die Entgiftungsangebote infrage: "Im Grunde genommen braucht der Mensch überhaupt nicht zu fasten. Im Gegenteil: Man kann damit sogar enormen Schaden anrichten." So würden beispielsweise schädliche Stoffwechselprodukte und andere mit der Ernährung aufgenommene Gifte über die Leber neutralisiert und dann im Fettgewebe gespeichert.

Beim Fasten, also bei einer Nahrungskarenz, verliere der Körper zunächst vor allem Wasser und Eiweiß, dann baue er schließlich Fettreserven ab. "Und dabei werden auch die gespeicherten Toxine, die sonst keine Probleme verursacht hätten, frei und gelangen wieder in den Organismus", konstatiert Butscher. Auch mit der von etlichen Fastenmethoden angepriesenen Reinigung des Darms kann der Ernährungswissenschafter nicht viel anfangen: "Unser Dickdarm erneuert sich selbst komplett alle paar Tage. Wozu brauche ich also einmal im Jahr zusätzlich eine teure Darmkur in einem Fastenhotel?"

Giftige Stoffe

Waltraud Bittner, Gründerin der Österreichischen Gesellschaft für Gesundheitsförderung (GGF) und Fastentrainerin, sieht das naturgemäß anders: "Fasten ist Gesundheitsvorsorge. Wir nehmen heute mehr denn je Schadstoffe über die Ernährung auf, die dann im Körper gespeichert werden - nicht nur im Fettgewebe." Eiweißspeichererkrankungen, Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, Kreislauferkrankungen und Verdauungsstörungen seien primär ernährungsbedingt, daher sollte man den Organismus wenigstens einmal im Jahr einer Reinigung unterziehen. Bittner bezeichnet die im Körper gespeicherten Giftstoffe analog zum Dreck in den Hochöfen als "Schlacken", die weggeputzt gehörten.

Doch geht es der Fastentrainerin nicht nur um Physiologisches: "Fasten hat auch eine psychische Komponente, ist eine Anti-Stress-Kur, bei der die Seele ebenfalls gereinigt wird." Die Umstellung von Ernährung und Lebensstil während des Fastens berge "den stärksten Impuls für eine anhaltende Veränderung" Richtung gesündere Lebensmittel und ruhigere Lebensführung auch nach der Fastenzeit. Ähnlich sieht es auch Marktl. Doch er hält Fasten ebenfalls aus physiologischer Sicht für interessant: "Der Organismus wird in die Lage versetzt, Reserven aufzubrauchen, und damit wird eine Regulation in Gang gesetzt, die heute oft fehlt."

Fachkundige Anleitung

Allerdings warnt der Kurmediziner vor Alleingängen: Fasten sollte von einer Person mit entsprechendem Fachwissen begleitet und an die individuellen Bedürfnisse und körperlichen Voraussetzungen angepasst werden.

Die Methode selbst - Fasten nach Buchinger, Kneipp, F.X. Mayr, Basenfasten (siehe Kasten) und anderes - sei laut Experten nicht so entscheidend. Neben der entsprechenden Schonkost sei vor allem das Rundherum wichtig. Kreislauf, Verdauung und Leber müssen angeregt werden, um auch den Biorhythmus zu verbessern, entsprechende Bewegung, gegebenenfalls unterstützt durch Yoga und Meditation, ist dabei unerlässlich ebenso wie viel Flüssigkeit zu trinken. Fasten dürfe jedenfalls nicht zu einer Hungerkur werden. Denn bei einer zu extremen Nahrungskarenz werden neben Flüssigkeit, Eiweiß und Fettreserven auch Muskulatur und andere Körperzellen abgebaut, was gefährlich werden kann.

Euphorie ausnutzen

Und noch eines sollte man bedenken: Wenn beim Fasten Energiereserven abgebaut werden, wehrt sich der Körper automatisch gegen diesen Fettabbau: "Das führt zu einem Stresszustand. Der Körper signalisiert, dass Reserven abgebaut werden, und bremst. Deshalb geht eben auch das Abnehmen nicht so schnell", macht Marktl entsprechende Hoffnungen zunichte. Und Butscher setzt nach: In diesem durch Nahrungskarenz ausgelösten Stresszustand würden weitere lebenserhaltende Notsysteme des Organismus aktiviert. So schütte der Körper jede Menge Botenstoffe aus, die die Stimmung stimulieren: Endorphine, Dopamin, Serotonin, weshalb viele Fastende eine euphorisierende Wirkung erleben - ungeachtet des Erfolgs der Kur. (Andreas Feiertag, DER STANDARD, 4.3.2014)

Wissen: Säure und Basen

Basenfasten gründet auf der Annahme, dass über die Verdauung entstandene Säuren nicht komplett ausgeschieden werden. Wissenschaftlich ist dies nicht belegt, denn im Säure-Basen-Haushalt sorgen Puffersysteme dafür, dass Säuren unschädlich gemacht werden. Die meisten organischen Säuren (aus Obst und Gemüse) werden im Stoffwechsel zerlegt. Schwefel- und phosphorhaltigen Verbindungen (aus Fleisch, Milch und Hülsenfrüchten) erzeugen Säuren. Eine Azidose, die Übersäuerung, kann durch Ernährung aber nicht ausgelöst werden, sondern ist meist Folge einer Erkrankung wie Niereninsuffizienz oder Diabetes.

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Apropos Fasten

  • Verzicht als Abwechslung: Fasten ist en vogue.
    foto: fotolia

    Verzicht als Abwechslung: Fasten ist en vogue.

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