Ein Buschfeuer in Gouloumbou: Schönheit und Stille

3. März 2014, 15:05
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Der österreichische Filmemacher Michael Glawogger berichtet von seiner Reise für das Projekt "Film ohne Namen" - Diesmal aus Gouloumbou im Senegal

Als das Feuer sich gelegt hatte, wurde es auf eine Art still, wie er es noch nie erlebt hatte. Davor war der Ast eines glosenden Baumes abgebrochen und zu Boden gekracht, Partikel verkohlter Blätter und Gräser aufwirbelnd. Aus einem anderen, größeren Baum waren Flammen gezüngelt – sein Stamm war zur Hälfte aufgerissen, als hätte er eine riesige Wunde. Jeder Windstoß ließ die Flammen auflodern und trug Ascheflocken, die den Boden wie ein feiner Teppich überzogen hatten, mit sich. Es knisterte, es zischte, in einiger Ferne ein Prasseln. Viele kleine Geräusche wurden zu einem. Und dann kam diese Stille.

Einen Augenblick später nahmen die Lebewesen wieder Besitz von dem Landstrich, der gerade gebrannt hatte. Eine Ziegenherde kam gelaufen und ging unerschrocken und vor sich hin schreiend durch den verbrannten Busch. Die Kühe nahmen es gelassen. Sie machten den Eindruck, alles gelassen zu nehmen. Aber vielleicht ist die Kuh innerlich sehr aufgewühlt und unruhig und zeigt es nur nicht. Blau schillernde Vögel flatterten in ihr Territorium, das sie kurz hatten verlassen müssen, zurück, und weiße Reiher landeten auf dem Rußteppich, dass es um sie herum dunkelgrau staubte. Die Termitenhügel standen wie Häuser in dieser Landschaft – sie waren das Einzige hier, das trotz des Feuers seine Farbe behalten hatte.

Die Kraft der Zerstörung hing in der Luft

Er stand da und fand schön, was er sah. Diese Landschaft war schön. Es war schöner als der schönste Sonnenuntergang, den er je gesehen hatte. Schöner als die tieforangen bis knallroten Sonnenuntergänge Arizonas, schöner als die pastelligen Sonnenuntergänge hier in Afrika, die die Sonne weich und groß erscheinen lassen. Es war schöner als eine unberührte, verschneite Winterlandschaft, schöner als der Blick über ein nebelverhangenes Tal, schöner als ein Palmenstrand am Meer und schöner als ein Himmel voller Schäfchenwolken über Schafen. Wobei – Schäfchenwolken über Schafen, dabei kann man sich etwas denken. Nicht besonders viel zugegebenermaßen, aber immerhin. Hier hingegen hing die Kraft der Zerstörung in der Luft, und doch hatte man das Gefühl, als käme sie gegen die Kraft des Lebens nicht an.

Als ein Windstoß in die Glut fuhr, blieb er stehen und wagte nicht, sich zu bewegen.

Kleine Flammen zuckten wieder hoch, dort, wo es eigentlich schon aufgehört hatte, zu brennen: Auf der einen Seite, die an eine Asphaltstraße grenzte, und auf der anderen, wo ein planiertes Feld lag, ohne Stroh oder Gräser, die das Feuer hätten weitertragen können. Doch ein kleiner Korridor aus hohem Buschgras, das am Straßenrand unversehrt geblieben war, genügte, um es so aufflackern zu lassen, dass es über die zweispurige Straße hinweg auf die andere Seite sprang und dort, vom Wind genährt, in neuer, noch heftigerer Intensität weiterbrannte. Das Feuer nährte sich wie ein wildes Tier.

Das, was gerade geschah, war nicht geplant

Die Menschen, die das Feuer gelegt hatten, um wie jedes Jahr ihr Umland zu roden und fruchtbar zu machen, bekamen es mit der Angst. Die Straße hier war die Trennlinie zum Gebiet des nächsten Dorfes. Das, was gerade geschah, war nicht geplant gewesen. Schnell liefen Männer und Jugendliche zusammen, brachen Äste mit großen, grünen Blättern von Büschen und schnitten mit Macheten Buschgras, das sie zu handlichen Büscheln zusammenfassten. Mit den Ästen versuchten sie, das Feuer an den Rändern zu bremsen, und wenn sie spürten, dass der Wind sich – wenn auch nur für einen Moment – drehte, dann entzündeten sie die Buschgrasbündel und bekämpften so das Feuer mit Feuer. Ein Mann in einem grünen Gewand, das ihm bis zu den Waden reichte, stand mit seinem Handy am Ohr und einer steinzeitlich wirkenden Hacke, die er über seine linke Schulter gehängt hatte, auf der Straße und telefonierte mit dem Chef des nächsten Dorfes, um ihn vor dem nahenden Feuer zu warnen, während sein Sohn, das Gesicht mit einer Hand schützend, mit einem Ast auf die Flammen einschlug. Doch der Rauch wurde so dicht, dass bald nur mehr das Weinrot seines FC Barcelona-Trikots mit dem Namen Fabregas zu sehen war. Und da wurde es auch ihm zu heiß, und er musste die Flucht ergreifen. Auf der Straße, über die dichte Rauchschwaden zogen, gaben Bus- und Lastwagenfahrer Gas, um schnell an der kritischen Stelle vorbeizukommen. Sie verschwanden im dicken, weißen Rauch. Die Eselfuhrwerke blieben stehen und warteten die Entwicklung des Geschehens ab. Es waren die Esel, die nicht durch den Rauch wollten, soviel man auch auf sie einschlug.

Nach zehn Minuten war der Kampf verloren, und das Feuer breitete sich in Richtung des nächsten Dorfes weiter aus. Der Mann im grünen Gewand kehrte in sein Dorf zurück und legte sich vor sein Haus, während die Frauen hinten bei der Kochstelle mit großen Stielen auf Jams und Getreide einschlugen. Die meisten hatten ein Kind auf den Rücken geschnallt. Hinter den strohgedeckten Hütten ging die pastellfarbene Sonne unter. Kinder trieben alte Fahrrad- und Autoreifen vor sich her, und junge Männer fuhren mit Motorrädern staubaufwirbelnd über den offenen Platz, auf dem ein großer, malerischer Baum stand. Etwas weiter östlich gab es einen zweiten Platz mit einem Brunnen. Barbusige Frauen zogen lachend gelbe Plastikkanister mit Wasser hoch, während ein kleiner Esel in wilder Lebensfreude sinnlose Runden lief. Es war wie ein naives Gemälde. In jedem Hotelzimmer, in dem er in der letzten Zeit übernachtet hatte, gab es solche Bilder – die meisten zeigten Frauen mit umgeschnallten Kindern beim Jams stampfen.

Es war dunkel geworden

Der Mann im grünen Gewand machte ein nachdenkliches Gesicht, als er ihn nach seinen Kindern fragte. Er wusste nicht, wie viele es waren. Seine Frauen kamen ihm zu Hilfe, und man einigte sich auf neun. Aus der neu gebauten Moschee hörte man ein gleichmäßiges Murmeln. Eine ältere Frau röstete Erdnüsse in einem Topf, zwei andere kochten Reis. Dann wurde es finster. Das ganze Dorf bestand aus einem Clan, einer großen Familie. Sie aßen alle gemeinsam und verschwanden bald in ihren Hütten. Es war zu dunkel geworden, um sagen zu können, ob es schön war. Nur die Feuerstelle und der Busch hinten an der Straße glosten noch vor sich hin.

Da war sie dann wieder, diese Stille. Sie kam, als der Tag sich gelegt hatte. Die Menschen raschelten in ihren Betten, und irgendwo pinkelte jemand gegen etwas, das wie Blech klang. Jemand lachte, und ganz weit entfernt schrie ein Kleinkind seine Empörung über das Dasein in die Nacht hinaus. Ob es eine Ratte war, die mit ihren kleinen, zarten Füßen über den Lehmboden lief, oder ein Huhn, war nicht auszumachen. Vielleicht gab es auch verwehte Geräusche von Sex oder den Hauch einer geflüsterten Unterhaltung. Er glaubte, brennenden Tabak zu hören. Oder eine Schlange, die über den staubigen Boden glitt – schön. (Michael Glawogger, derStandard.at, 3.3.2014)

  • Ein kleiner Korridor aus hohem Buschgras, das am Straßenrand unversehrt geblieben war, genügte, um das Feuer so aufflackern zu lassen, dass es über die zweispurige Straße hinweg auf die andere Seite sprang.
    foto: michael glawogger

    Ein kleiner Korridor aus hohem Buschgras, das am Straßenrand unversehrt geblieben war, genügte, um das Feuer so aufflackern zu lassen, dass es über die zweispurige Straße hinweg auf die andere Seite sprang.

  • Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.
    foto: liz pompe

    Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.

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