VegetarierInnen, die tote Tiere essen

Leserkommentar3. März 2014, 12:24
342 Postings

Wie eine Falschmeldung über eine Studie über Vegetarier ihren Lauf nahm

In Boulevardmedien wie "Bild", "Heute" und "Österreich", im "Kurier", aber auch in Qualitätsblättern wie den "Salzburger Nachrichten" waren während der letzten Tage Überschriften und Schlagzeilen wie "Vegetarier gehen öfter zum Arzt" oder "Vegetarier haben öfter Krebs" zu lesen. Laut einer Ifes-Studie aus dem Jahr 2013 leben in Österreich 760.000 Menschen fleischlos, also vegetarisch.

Gute 80.000 davon leben vegan, also verköstigen sich rein pflanzlich. Dies wäre also eine Neuigkeit mit einer gewissen Brisanz. Vielleicht interessanter als die eigentliche Meldung ist jedoch die Geschichte, wie die Arbeit einer Forscherin, die zum Ergebnis kommt, dass die vegetarische Ernährung die gesündeste ist, zum Anlass für genau gegenteilige Zeitungsmeldungen wird.

Eine unglückliche Verkettung diverser Umstände

Die Grazer Forscherin Nathalie Burkert analysiert Daten aus der Österreichischen Gesundheitsbefragung 2006/07. Diese Gesundheitsbefragung stellt eine Sammlung von Antworten (Selbsteinschätzung) von Menschen zu gesundheitlichen Themen dar. Es werden ca. 15.000 Menschen befragt, darunter 0,2 Prozent VeganerInnen, 0,8 Prozent VegetarierInnen und 1,2 Prozent FischesserInnen. In der Grazer Studie werden sie zu 2,2 Prozent VegetarierInnen zusammengefasst. Dass VegetarierInnen keine toten Tiere (auch keine Fische) essen, ist anscheinend nur ein Detail am Rande.

Zur gleichen Zeit führt sie eine zweite Studie mit denselben Rohdaten einer größeren Grundgesamtheit durch (Wiener klinische Wochenschrift, February 2014, Volume 126, Issue 3-4, pp 113-118) und kommt zu der Schlussfolgerung, dass die vegetarische Kost sowie eine obst- und gemüseerhöhte Kost am besten abschneiden. Außerdem empfiehlt sie Gesundheitsförderungsprogramme, um den Fleischkonsum zu reduzieren.

Der Pressedienst der Uni veröffentlicht die Daten der ersten Studie in einer plakativen Form. Ein gewisser Herr Knop macht eine zweite polemische Pressemeldung, die viele (auch deutsche Medien) wiedergeben. Ergebnis: "Vegetarier sind kränker und haben öfter Krebs".

Reaktion der Forscherin

In einem Interview mit der "Welt" sagt die Forscherin eindeutig, dass sie die Presseaussendung in dieser Form nicht korrekt findet, weil sie Ergebnisse falsch wiedergibt. Sie räumt in der Originalstudie (Seite 7) ein, dass diese Schlussfolgerung nicht gezogen werden dürfe, weil die Kausalitäten nicht geklärt sind. Sind VegetarierInnen öfter krank oder steigen Menschen aufgrund von vorhandener Krankheit auf vegetarische Kost um?

Vieles spricht für Letzteres, da Ärzte bei Krebs oder Herzinfarkt häufig den Verzicht auf rotes Fleisch empfehlen. Dies würde auch den hohen Anteil an Fischessenden unter den Veggies erklären. Trotzdem: Die Zeitungsente macht ihren Lauf. Es wirkt fast schon so, als würden sich alle freuen, dass vegetarisch nun doch nicht gesünder ist.

Und jetzt?

Fakt ist, dass wir in Österreich mehr als doppelt so viel Fleisch essen, wie die ÖGE empfiehlt. Die weltweit größte Ernährungsorganisation American Dietetic Association (ADA) sowie die Grazer Forscherin empfehlen, den Fleischkonsum zu reduzieren, und bewerten die fleischlose Kost als positiv. Tausende Menschen sterben jährlich an Herzinfarkt, Krebs und Schlaganfall, weil sie nicht vegetarisch lebten.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Berichte der letzten Tage nicht vermehrt helfen, das Gewissen zu beruhigen, während zum Fleisch um vier Euro pro Kilo gegriffen wird. Vegetarisch wäre ja ungesund ... (Leserkommentar, Felix Hnat, derStandard.at, 3.3.2014)

Felix Hnat ist Umweltökonom und Obmann der Veganen Gesellsachft Östereich. Er ist Veranstalter der "Veggie Planet" Messe in Salzburg und hat seit zwölf Jahren kein Fleisch mehr gegessen (auch keinen Fisch).

Vegane Gesellschaft Österreich
Felix Hnat auf Facebook

Nachlese: Artikel zur Studie auf derStandard.at

Share if you care.