Köstlicher Höllenkrach zweier verstimmter Saxofone

3. März 2014, 08:05
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"Begin the Beguine" im Akademietheater uraufgeführt - In dem Stück kann man noch einmal einige der klassischen Cassavetes-Zutaten bewundern

Wien - Zwei ältere Männer biegen in die Zielgerade ein. Sie wollen, ehe sie den Löffel abgeben, noch einmal das Paradies auf Erden erleben. Das Paradies soll etwas mit "Liebe" zu tun haben. Leider wähnen die beiden den Sitz des Paradieses im Einzugsgebiet ihrer Geschlechtsteile. Das Imposanteste an ihnen sind die Namen, "Gito Spaiano" und "Morris Wine".

Erfunden hat sie der US-Filmemacher John Cassavetes 1987, eineinhalb Jahre vor seinem frühen Tod. Zu flackerndem Gespensterleben erweckt hat sie jetzt Regisseur Jan Lauwers im Wiener Akademietheater. Gott sei Dank, wie man erschöpft, aber befriedigt zugeben muss. Die beiden Hauptrollen in Begin the Beguine, so der Titel des nachgelassenen Werkes, waren Abschiedsgeschenke an die befreundeten Lieblingsschauspieler Peter Falk und Ben Gazzara. Und in dem Stück kann man noch einmal einige der klassischen Cassavetes-Zutaten bewundern, die man aus flirrenden Filmen wie Opening Night, Husbands (mit Gazzara und Falk!) oder A Woman under the Influence kennt.

Jazz aus vielen Worten

Die Figuren stehen andauernd unter Strom. Das, was sie zu sagen haben, fließt in nicht abreißenden Tonketten aus ihnen heraus. Das einzig denkbare Äquivalent zu Cassavetes-Figuren sind Jazz-Instrumente. Das Zeitalter dieser Art von Artikulation ist die Hardbop-Ära, von den mittleren 1950ern an aufwärts. Man muss sich diese Wortmusik mit modalen Jazzspielarten (Miles Davis und die Folgen) vermischt vorstellen. Und man darf ruhig wissen, dass Begin the Beguine der Titel einer Komposition von Cole Porter ist.

Die beiden Helden sind wie Saxofone. Gito (Falk Rockstroh) wäre das melancholisch näselnde Altsaxofon. Dieser Mann hütet seine Altersdepression wie einen kostbaren Schatz. Sein Gegenüber Morris (Oliver Stokowski) handhabt die Tenorsaxofonstimme. Als bulliger Enthusiast sprüht er vor Unternehmungsgeist. Die beiden hausen in einem "Appartement am Ende einer Küstenstraße".

Um nicht über das Wesen der Liebe ständig miteinander in Streit zu geraten, bestellen sie bei einem Escortservice Prostituierte. Und weil sie zwar über die Liebe improvisieren, von ihr aber nicht das Geringste verstehen, sind die beiden die albernsten Philosophen seit Wladimir und Estragon. Vor allem verwechseln sie die Annehmlichkeiten einer Kreditkarte mit einem Freifahrtschein ins Glück.

Auch ohne Needcompany behält Lauwers wesentliche Kennzeichen seiner Arbeit bei. In seinem Theater wird in der Bildmitte auf scharf gestellt. An den Rändern zeigt er die Mittel der Illusionskunst bereitwillig her. In wechselnde Prostituiertenrollen schlüpfen Inge van Bruystegem und Sung-Im Her: groß und blond die eine, von asiatischem Liebreiz die andere. Ihre Einsätze bereiten die Damen an Schminktischen vor. Dass sie sich dabei wiederholt splitternackt zeigen, mag besonders peniblen Parteigängern der politischen Korrektheit gegen den Strich gehen. Aber Lauwers (Bühne, Licht) demonstriert eben auch, dass in der Hölle für alle Platz ist, außer für die Schamhaften.

Irgendwo in den Köpfen der beiden Männer spukt die Idee der Ekstase herum. "Liebe" übersetzen sie in Begriffe der Verfügbarkeit. Die Partnerinnen sollen ihnen Zuneigung vorgaukeln. Der Mensch wünscht von seinesgleichen betrogen zu werden. Wie die beiden ein Zerrbild der Würde abliefern, mit und ohne Unterhosen, das ist große Schauspielkunst. Mittendrin setzt das Stück aus. In der Hölle gibt es keinen Anfang und kein Ende. Verdienter Jubel für alle Beteiligten. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 3.3.2014)

9., 10. 3.

  • In Panik: Oliver Stokowski (li.), Falk Rockstroh.
    foto: werner

    In Panik: Oliver Stokowski (li.), Falk Rockstroh.

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