Leasingtöchter: Hypo-Prüfer zeigten Mängel auf

2. März 2014, 17:16
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Spätestens ab September 2009 wusste der Aufsichtsrat der Hypo, wie hoch das Ausfallsrisiko in den Leasingtöchtern war

Wien - Im Streit BayernLB gegen Hypo Alpe Adria haben die Münchner vorige Woche einen Punkt gemacht. Die (nicht rechtskräftigen) Verurteilungen der Exbankchefs wegen Bilanzfälschung unterstützen die Argumentationslinie der Bayern, beim Hypokauf 2007 falsch informiert worden zu sein. Sie haben auf Rückabwicklung des Kaufvertrags geklagt.

Die Österreicher wiederum zahlen ihre Kredite an die Bayern nicht zurück, weil sie darin Eigenkapitalersatz sehen - und fühlen sich ihrerseits bei der Verstaatlichung von den Bayern über den Tisch gezogen. Laut Gutachten des Grazer Wirtschaftsprüfers Fritz Kleiner und der Linzer Beratungsgesellschaft AKKT lag der Kapitalbedarf damals bei mindestens fünf Mrd. Euro; und nicht, wie von der Hypo prognostiziert, bei zwei Mrd. Über eine Anfechtung des Verstaatlichungsvertrags wird derzeit aber nicht nachgedacht - weil ja noch offen ist, wie die Bank abgewickelt wird. Die Ukraine-Tochter macht der Hypo übrigens, anders als in der Samstagsausgabe dargestellt, keine Sorgen mehr. Ihre Bilanzsumme lag zuletzt nur noch bei 17 Mio. Euro, die Leasing-Forderungen sind bereits zu 60 Prozent wertberichtigt.

Auch Österreicher informiert

Wie marod und gefährdet die Bank vor der Verstaatlichung war, das kann Mehrheitseignerin BayernLB (und den Aktionären Land Kärnten und Grawe) kaum verborgen geblieben sein. Mitte 2008 beauftragten Hypo-Aufsichtsrat und Vorstand PricewaterhouseCoopers Frankfurt (PwC), die Leasingtöchter auf Betrugsanfälligkeit und Risiko abzuklopfen. Am 31. August 2009 lag die "Fraud-Gefährdungsanalyse" vor.

Elf Tage später wurde der äußerst kritische Bericht im Aufsichtsrat besprochen; auch die österreichische Staatskommissärin und der Aufsichtskommissär des Landes Kärnten waren dabei.

Zur Einordnung: Drei Monate später musste die Bank von der Republik gerettet werden. Ende 2008 hatte die Nationalbank die Hypo noch als "not distressed" eingestuft; sie bekam 900 Mio. Euro an staatlichem PS-Kapital. Das Leasinggeschäft unterliegt nicht der Bankenaufsicht; die Leasingtöchter wurden zur Gänze von Mutter Hypo Alpe Adria finanziert. Konnten sie diese Kredite nicht zurückzahlen, bekamen sie neue.

Vor Ort geprüft hat PwC fünf südosteuropäische und die österreichische Leasinggesellschaften; die Zustände dort waren zum Teil höchst fragwürdig. Vor allem Bulgarien und Kroatien fielen negativ auf. Ein Auszug aus der Liste der dortigen "Risikokonstellationen": Lieferanten bzw. Kunden standen auf "Blacklists" der Bank; es fehlten Unterlagen zur rechtlichen Identifizierung der Kunden; Lieferanten wurden "trotz Warnsignalen" bezahlt; Kreditanträge wurden gesplittet, um bankinterne Limit-Regeln zu umgehen; Anschaffungswerte und Zahlungspläne wurden manipuliert. In manchen Fällen wurden die Vermögenswerte, für die die Finanzierungen gedacht waren, dann gar nicht erworben, in anderen fanden sie nie den Weg vom Lieferanten zum Kunden.

Das höchste Schadenspotenzial aus den Leasingtöchtern ortete PwC in den Bereichen Kundenbetreuung, Bonitätsprüfung, Sicherheitenbewertung sowie bei Überwachung und Risikovorsorge. In geografischer Hinsicht verorteten sie die Gefährdung so: Die größte Schadenseintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe drohten in Bulgarien und Kroatien (wo später auch hohe Wertberichtigungen anfallen sollten), in allen anderen Ländern wurde das "Restrisiko" als "mittel" eingestuft, Österreich inklusive. Bei keiner einzigen Gesellschaft wurde das Risiko als "gering" eingestuft.

Der damalige Hypo-Vorstand unter Franz Pinkl und der Aufsichtsrat und dem Bayern Michael Kemmer bekamen damals, im Spätsommer 2009, jede Menge Zahlenmaterial auf den Tisch. In einer der gewichtigsten Leasing-Töchter, jener in Kroatien, betrug das gesamte Finanzierungsvolumen Ende Juni 2009 fast 1,4 Milliarden Euro. Allerdings: Bei 64 Prozent davon waren die Kunden mit ihren Zahlungen im Rückstand, also mit 900 Mio. Euro. Auf 47 Prozent der Summe warteten die Hypobanker schon mehr als 90 Tage. Entsprechende Rückstände bei Krediten machen selbige zu "non performing loans".

Allein die zehn größten Schuldner standen bei der Leasinggesellschaft mit 113 Mio. Euro in der Kreide; 88 Prozent davon waren notleidend. Besonders skeptisch zeigten sich die Prüfer bei Bonitätsprüfungen in der kroatischen Leasingtochter. Da sei das Manipulationsrisiko hoch, der Schadenseintritt liege bei einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent. Es bestehe "mittleres Risiko" für Betrugsschäden. Schlecht fiel auch das Zeugnis bei der Sicherheitenbewertung aus. In der Vergangenheit seien "auch überhöhte Bewertungen" angesetzt worden, "es bleibt fraglich, ob diese Praxis fortgesetzt wird". Und: "Aus unserer Sicht liegt hier ein hohes Risiko für Schaden durch betrügerische Handlungen vor."

Geldwäscherei-Risiko

Doch selbst wenn die Kunden ihre Leasingschulden zurückzahlten, barg das Risiko. Das bestand laut den Beratern von PwC vor allem in "potenziellen Schäden der Gesellschaft durch Geldwäsche". Kontrollen gegen selbige seien nämlich "erst im Aufbau". Fragen, die laut PwC "weiterhin zu beachten sind": "Passt die Rückzahlung zur Einkommenssituation des Kunden? Woher kommt die Transaktion? Löst der Kunde häufig Verträge frühzeitig ab?" Tipps wie für Anfänger im Geldgeschäft.

Mit den Ratschlägen von PwC (etwa: Überprüfung von Kunden und Mitarbeitern oder Implementierung eines Notfallsplanes und Optimierung des internen Kontrollsystems) mussten sich die Hypo-Eigentümer dann nicht mehr lang herumschlagen. Drei Monate später überließen sie die Bank dem österreichischen Steuerzahler. (Renate Graber, DER STANDARD, 3.3.2014)

  • Ein Betrug-Gefährdungsbericht vom Sommer 2009 wirft weitere Schatten auf die Vergangenheit der Hypo in der Ära BayernLB. Drei Monate nach dessen Vorlage wurde die Bank verstaatlicht.
    foto: ap/uwe lein

    Ein Betrug-Gefährdungsbericht vom Sommer 2009 wirft weitere Schatten auf die Vergangenheit der Hypo in der Ära BayernLB. Drei Monate nach dessen Vorlage wurde die Bank verstaatlicht.

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