"Ein Buch geht seinen eigenen Weg"

Interview28. Februar 2014, 22:01
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Der Schriftsteller Varujan Vosganian über die alten Anliegen der Armenier und sein neues Buch

Standard: Herr Vosganian, Ihr Roman "Buch des Flüsterns" über die Geschichte Ihrer Familie ist zugleich ein Buch über die tragische Geschichte des armenischen Volkes. Verstehen Sie sich als Chronist Ihres Volkes?

Vosganian: Literatur verfügt über eine überzeugendere Kraft als Geschichtsschreibung. Franz Werfel hat mit seinem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh mehr für die armenische Sache getan als alle diplomatischen Unterredungen. Die wahre Geschichte findet man nicht in Geschichtsbüchern, sondern in Romanen. Geschichtsbücher berichten von Siegern, Literatur erzählt von den Besiegten, den einfachen Menschen, jenen, die Geschichte nicht erlebt, sondern erlitten haben.

Standard: Werfels Roman erschien 1933, vier Jahre nach seiner Nahostreise. Wie bekannt ist er unter den Armeniern?

Vosganian: Er ist Pflichtlektüre in jeder armenischen Familie, sein Werk ist das bekannteste Buch eines fremdsprachigen Autors.

Standard: Sie erzählen aus der Perspektive des Kindes, das wiedergibt, was es gehört hat ...

Vosganian: Die Zeugenschaft eines Kindes ist die wertvollste. Ein Kind weiß nicht, was Sünde ist oder Vergebung. Es hat nicht die Absicht, etwas zu entstellen.

Standard: Ihr Buch steckt voll weiser Sprüche, etwa: "Wer gelitten hat, kann die Geschichte nicht so erzählen, wie sie sich zugetragen hat, sondern nur die eigene Geschichte." Sind das Sprichwörter oder spricht da der Dichter?

Vosganian: Manche Äußerungen kommen von meinen Großeltern. Andere entstammen der Welt der Symbolik. Die Ereignisse, von denen ich erzähle, haben alle stattgefunden, die Menschen wirklich gelebt. Dennoch ist das Buch ein Roman. Die Erinnerungen, die ich niederschreibe, sind nicht meine. Was das Wesen des Lebens von seinen äußeren Erscheinungen unterscheidet, ist die Sinnbildhaftigkeit. Die literarische Erfindung ist keine Unwirklichkeit. Es ist die selbe Wirklichkeit, aber behaftet mit jenen Sinnbildern, die aus dem Kern der Wirklichkeit hervorbrechen.

Standard: Im Mittelpunkt Ihres Romans steht der 1915 vom Osmanischen Reich verübte Völkermord an den Armeniern. Fast hundert Jahre ist das her. Keiner der Beteiligten lebt mehr. Dennoch ist den Armeniern die Anerkennung dieses Völkermordes ein tiefes Anliegen.

Vosganian: Tatsächlich ist es nicht leicht zu erklären, warum die Armenier immer noch von der ganzen Welt die Anerkennung des Völkermordes 1915 verlangen. Das armenische Volk zählte vor einem Jahrhundert nahezu drei Millionen. Während der Jahre 1915/1916 fanden eineinhalb Millionen den Tod. Sie wurden umgebracht, verhungerten, erlagen Krankheiten oder starben infolge von Gewalttaten und Grausamkeiten der osmanischen Armee oder kurdischer Banden. Heute leben rund acht Millionen Armenier verstreut in aller Welt. Hätte der Völkermord nicht stattgefunden, könnte das armenische Volk sechzehn Millionen zählen. Die Toten vervielfachen sich ebenso wie die Lebenden. Sie haben ihr eigenes Dasein. Vielleicht wurde, als ich auf die Welt kam, ein Kind mit demselben Namen in der Welt der Toten geboren.

Standard: Für Armenier ist das immer noch ein Trauma?

Vosganian: Es ist ein kollektives Trauma. Es gibt kaum eine Familie, die nicht ein Opfer zu beklagen hatte. Nichts von dem, was danach mit uns geschah, kann man verstehen, wenn man den Völkermord ignoriert. Wir Armenier sind in zwei Welten geteilt. Die Erinnerung ist für uns nicht nur mit der Vergangenheit verbunden, sondern auch mit der Gegenwart und Zukunft. Es ist uns unmöglich, uns die Zukunft vorzustellen, ohne darauf zu hoffen, die Wunden der Vergangenheit zu heilen. Wir müssen die abgerissene Hälfte wiederfinden, um ganz wir selbst zu werden. Die Anerkennung des Völkermordes hat für uns einen identitätsstiftenden Wert. In meinem Buch zeige ich, dass man sich dem Thema widmen kann, ohne eine feindselige Haltung einzunehmen.

Standard: Wie wird der Völkermord unter der jungen Generation der heutigen Armenier rezipiert?

Vosganian: Die Jungen, die im Respekt vor den traditionellen Werten erzogen wurden, setzen den Kampf ihrer Eltern und Großeltern um die Anerkennung des Völkermordes fort. Darüber hinaus gibt es zwei Tendenzen. Die eine geht dahin, sich seinen Wurzeln anzunähern und die armenische Sprache zu erlernen. Die andere zielt in Richtung Assimilation. Das ist schwer zu vermeiden. Wir leben in einer Zeit des freien Verkehrs und des Internets.

Standard: Welche Rolle spielt der Völkermord in der armenischen Gegenwartsliteratur?

Vosganian: Das Thema existiert. Aber es nimmt keinen beherrschenden Stellenwert ein.

Standard: Und innerhalb der türkischen Literatur?

Vosganian: Türkische Bücher, die sich des Themas annehmen, sind eher wissenschaftliche oder dokumentarische Werke. In der Türkei ist der Völkermord weniger ein Gegenstand der Literatur als der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. So versammeln sich am 24. April, dem Tag, an dem in Konstantinopel die Verhaftungen armenischer Intellektueller begannen und der als Gedenktag des armenischen Volkes gilt, auf den zentralen Plätzen der Städte Jahr für Jahr viele Menschen, vor allem Intellektuelle und junge Leute.

Standard: Warum weigert sich die Türkei, den Völkermord als solchen anzuerkennen?

Vosganian: Für die Türkei ist die Verleugnung des Völkermordes eine Frage der nationalen Souveränität. Die Menschen in der Türkei vertreten mittlerweile eine andere Meinung. Sie scheinen mir für ernsthafte Debatte über die Anerkennung bereit.

Standard: Ein Aspekt Ihres Romans ist das "unserem Schicksal gegenüber so gleichgültig gebliebene Europa". Gilt das immer noch?

Vosganian: Das Europäische Parlament hat den Völkermord als solchen anerkannt. Das Problem der Anerkennung wurde während der Gespräche über den EU-Beitritt der Türkei zur Sprache gebracht. Die EU verhält sich also nicht gleichgültig in dieser Frage. Es wäre schwer vorstellbar, dass die Türkei EU-Mitglied wird und an der Haltung, den Völkermord nicht anzuerkennen, festhält.

Standard: Nehmen wir an, die Türkei anerkennt den Völkermord.

Vosganian: Die armenischen Behörden haben sich darauf vorbereitet, diplomatische Beziehungen mit der Türkei aufzunehmen. Vor einigen Jahren hatten wir, die Vertreter der armenischen Diaspora, ein Treffen mit dem Präsidenten der Republik Armenien, in dem er uns diese Entscheidung mitteilte. Auch das armenische Parlament genehmigte diese Lösung. Aber das türkische Parlament wollte sie nicht akzeptieren. Es sind die türkischen Autoritäten, die ein Problem mit der Aussöhnung haben.

Standard: Kann Ihr Buch zur Versöhnung beitragen?

Vosganian: Zur Versöhnung kann nur Wahrheit beitragen. Als ich das Buch schrieb, achtete ich sehr darauf, dass alles auf Tatsachen und Dokumenten von Zeugen basiert. Ich recherchierte mit großer Sorgfalt, ich wollte mich nicht dem Vorwurf der Übertreibung aussetzen. Mein Buch steht in einer Reihe mit Werfels Roman und den Berichten von Henry Morgenthau, der von 1913 bis 1916 unter der Regierung von Woodrow Wilson amerikanischer Botschafter in Konstantinopel war und anschließend niederschrieb, was sich vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges ereignet hatte.

Standard: Ihr Buch erzielte einen großen Erfolg, nicht nur unter den Armeniern in Rumänien. Es ist bereits in mehrere Sprachen übersetzt worden. Warum dieses Echo?

Vosganian: Ein Buch geht seinen eigenen Weg, egal wer es geschrieben hat. Mein Buch ist bereits ins Spanische, Armenische, Hebräische und Französische übersetzt worden. Nach der deutschen Ausgabe folgen Übersetzungen ins Schwedische, Ungarische, Tschechische und Bulgarische. Es ist ein Buch über Armenien, aber es ist auch ein Buch über das 20. Jahrhundert, das mit all seinen Kriegen, Konzentrationslagern, Völkermorden und Flüchtlingen kein gutes war. Wo immer mein Buch bisher erschien, hat es unter Lesern eine Auseinandersetzung mit den dortigen Traumata ausgelöst.

Standard: Soeben erschien in Rumänien ein Band mit Erzählungen von Ihnen. Ist davon auch eine deutsche Übersetzung geplant?

Vosganian: Das Spiel von hundert Blättern und andere Geschichten ist ein Buch über die Traumata Rumäniens. Es handelt von der Geschichte der Rumänen während der Dekaden nach der Revolution 1989. Ich hoffe, dass es auf Deutsch übersetzt wird. (DER STANDARD, 1.3.2014)

  • Varujan Vosganian, Schriftsteller
    foto: zsolnay

    Varujan Vosganian, Schriftsteller

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    Armenischer Gedenktag: Am 24. April versammeln sich vor allem in der Türkei Jahr für Jahr Menschen und erinnern an den Völkermord.

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