"Ehre den Helden!"

Kommentar der anderen28. Februar 2014, 18:04
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In der Ukraine hat die freie Zivilgesellschaft gesiegt, viele im Ausland haben sie dabei unterstützt - Aus Österreich aber kam wenig Solidarität

Am Euromaidan hat das Aufräumen begonnen. Die Barrikaden werden beseitigt, die Opfer der Massaker sind beigesetzt worden, die kriminelle Clique um den ehemaligen Staatspräsidenten Wiktor Janukowitsch ist Hals über Kopf geflüchtet, in Kiew und anderen Städten kehrt der Alltag ein. Ein Alltag, grau und düster. Das Land ist heillos abgewirtschaftet, dazu kommt, dass der Versuch der Machthaber, die Aufstandsbewegung in Blut zu ersticken, tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen hat, in den Köpfen und Herzen der Menschen. Trotzdem herrscht Aufbruchstimmung. Die Ukraine hat sich gründlich gewandelt.

Niemand kann heute sagen, wie dieses Experiment ausgehen wird. Es gibt verschiedene denkbare Szenarien, lichte und düstere. Aber bei aller nötigen Skepsis, eines steht fest: Die Ukraine hat keine bürgerkriegsähnlichen Szenen erlebt, keinen Putsch, sondern eine Volksrevolution, eine breite Protestbewegung gegen ein Regime der Willkür, der schamlosen Bereicherung, der Korruption und Lüge. Gegen ein Regime, das jede Legitimität eingebüßt hatte, lange bevor Janukowitsch den wahnwitzigen Befehl erteilte, gegen sein eigenes Volk zu schießen. Mit welchem Mut, welcher Entschlossenheit, welcher Würde die Menschen dem Regime die Stirn boten, um es schließlich wegzufegen, ohne jede Hilfe von außen, ist bewundernswert. Europa muss ihnen danken. Als die Toten auf dem Maidan in offenen Särgen aufgebahrt wurden, rief die Menge bei der Nennung jedes Namens: "Herojam slawa!" "Ehre den Helden!"

Was in der Ukraine geschah, war der Sieg einer freien Zivilgesellschaft - und eine empfindliche Niederlage für Wladimir Putin, der den "jüngeren Bruder", wie Russen die Ukraine gern abschätzig nennen, mit aller Macht in ein Nachfolgemodell der zerfallenen Sowjetunion zwingen wollte. Als einziges Mittel gegen Proteste kennt Putin Erpressung, Drohung - und schließlich nackte Gewalt. Damit ist er in der Ukraine zunächst gescheitert.

Aufflackernde Unruhen

Aber die nun aufflackernden Unruhen auf der mehrheitlich von Russen bewohnten Krim zeigen, dass er nicht gewillt ist, aufzugeben. Putin fürchtet, dass das Beispiel der Ukraine ausstrahlen könnte. Wenn die Menschen erst einmal die Angst ablegen, ist der autoritäre Herrscher am Ende. Daher greift Putin jetzt zu schärferen Maßnahmen gegen den Nachbarn. Der russische Duma-Abgeordnete Leonid Sluzki wurde in die ukrainische Stadt Sewastopol entsandt, wo die russische Schwarzmeerflotte stationiert ist, um dort zu erklären, wenn die Bewohner der Krim den Wunsch äußerten, die autonome Republik an Russland anzuschließen, würde Moskau dieses Ansuchen "sehr rasch behandeln".

Rabiater formulierte es Wladimir Schirinowski, Chef der rechtsradikalen Liberal-Demokratischen Partei Russlands, der Putin aufforderte, Kleinrussland dem Russischen Reich einzuverleiben, weil die Russen dort unter der russischen Fahne leben wollten, im übrigen seien das "unsere Gebiete". Wenn er das nicht machen wolle, würden das "russische Freiwillige" besorgen. Als Kleinrussland wurden unter dem Zaren weite Teile der Ukraine bezeichnet, deren eigenständige Existenz großrussische Nationalisten bis heute leugnen. Schirinowski ist nicht immer ernst zu nehmen, aber die Vermutung liegt nahe, dass er in diesem Fall vorgeschickt wurde - um offen zu verkünden, was der "Beton" im Kreml, dem auch Putin angehört, denkt. Die Lunte am Pulverfass glimmt.

Gleichzeitig forderte der russische Außenminister die OSZE auf, "das Erstarken des Nationalismus und neofaschistischer Strömungen in der Westukraine" zu verurteilen. Die Russen einmal als säbelrasselnde Militaristen, dann als Verteidiger demokratischer Werte. Und viele Intellektuelle im Westen nehmen ihnen das ab. Diesen Eindruck bekam man, wenn man die Berichterstattung über die Protestbewegung verfolgte. Da war unablässig von rechtsradikalen, antisemitischen Elementen die Rede, die angeblich den Maidan beherrschten. Natürlich gibt es in der Ukraine solche Strömungen, und die gab es auch auf dem Maidan, aber sie spielten keine führende Rolle.

Ich kann mich nicht erinnern, dass etwa der Korrespondent des ORF, der nicht müde wurde, vor dem antisemitischen "Rechten Block" zu warnen, je Beweise für einschlägige Aktivitäten geliefert hätte, etwa Bilder von antijüdischen Schmierereien, antijüdische Slogans und Ähnliches. Der gegen die Protestbewegung gerichtete Vorwurf, diese sei von nationalistischen, judenfeindlichen Elementen gesteuert, stammt aus der Propaganda-Kiste Putins. Dass viele westliche Beobachter die schrillen russischen Anschuldigungen kritiklos aufgriffen, ist erstaunlich. Umso mehr, wenn die Beobachter aus Österreich stammen, wo man allen Grund hätte, vor der eigenen Tür zu kehren.

Waren es solche Überlegungen, die dazu beitrugen, dass die Reaktionen in Österreich auf die Ereignisse in der Ukraine eher verhalten waren? Von einer begeisterten Welle der Solidarität kann jedenfalls keine Rede sein. Ganz anders zum Beispiel in Polen. Kaum waren die ersten Schüsse auf dem Maidan gefallen und die ersten Toten und schwer Verwundeten zu beklagen, erklärte der polnische Premierminister spontan, sein Land öffne die Grenzen für Verwundete, jeder werde in Polen kostenlos behandelt. Als der polnische Außenminister nach Verhandlungen mit Janukowitsch nach Warschau zurückkehrte, ordnete er an, alle freien Plätze in seiner Maschine Verwundeten zur Verfügung zu stellen, um sie nach Polen zu bringen.

Österreichische Solidarität?

Und im reichen Österreich? Hat die Regierung Faymann Ähnliches verkündet, hat sie verwundete Ukrainer ins Land geholt, um sie hier behandeln zu lassen? Gab es Worte der Solidarität, die über billige Phrasen hinausgingen?

Es sind zwar Ukrainer nach Österreich gekommen, aber die waren keine Opfer des Willkürregimes, sondern Angehörige desselben, die hier ihr schmutziges Geld gebunkert haben und Firmen und Villen besitzen. Multimillionäre, die ihr Volk buchstäblich bis auf den letzten Tropfen ausgepresst haben. Natürlich sind solche Vermögen auch in andere Länder geflossen, aber Österreich ist vorrangiges Ziel für Gelder, denen oft der Geruch von Blut anhaftet.

Und was machen unsere Behörden, angesichts der Flucht der kriminellen Clique, deren Angehörige hier auftauchen, um nach ihren Konten und Firmen zu schauen? Haben sie Anweisung erteilt, anrüchige Vermögenswerte einzufrieren? Keineswegs. Sie reagieren wie immer in solchen Fällen: mit Wegschauen, und wenn das nicht mehr geht, mit leeren Worthülsen. Uns sind die Hände gebunden. Wir wissen von nichts. Wir wollen nichts überstürzen.

Die Ukraine hat sich grundlegend gewandelt, Österreich ist geblieben, wie es war. Das ist bedrückend. (DER STANDARD, 1.3.2014)

Martin Pollack (Jg. 1944) ist Journalist, Autor und Übersetzer.

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