Wie erkläre ich meinem Sohn den Tod

Glosse10. März 2014, 05:30
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Ich bin fünf und mein Opa trägt mich auf seinen Schultern den steilen Pfad zur Kapelle des Hl. Vinzenz auf dem Hügel über der Bucht von Majakovac. Meine unschuldige Frage, ob ich dem Opa eh nicht zu schwer bin, enthüllt mir zum ersten Mal die Tatsache unserer Sterblichkeit.

Der Opa sagt, dass er mich tragen kann weil ich noch klein bin. Nach mehrmaligem "Und dann?" meinerseits wird das Bild klar: Erst werde ich zu schwer für den Opa und dann ist der Opa alt und dann kann er mich nicht tragen und dann ist der Opa tot. Aber ich will nicht dass mein Opa tot ist! Und weine den Weg zur Kapelle und zurück.

Mutters Trost

Noch weinend schubst mich der Opa zu meiner Mutter, damit sie mich tröstet. Nach fünf Minuten Muttertrost weiß ich, dass auch Mama und Papa und die Oma und sogar ich, eines Tages sterben. Und weine noch mehr als zuvor. Der letzte Trostversuch meiner Mutter misslingt noch mehr. Sie sagt: "Du hast aber noch viel Zeit bis du tot bist. Mama hat nicht mehr so viel und der Opa noch weniger."

Es dauert noch einige Stunden, bis ich mich beruhige. Fünfundvierzig Jahre später wache ich jeden Morgen auf und weiß, dass mein Urologe schon bei der nächsten Zystoskopie eine schlechte Nachricht für mich haben kann. Und ich habe einen Sohn der viereinhalb ist, nichts von Papas Krebs und nichts vom Tod weiß. Bis gestern.

Was machen die Toten?

Im letzten Sommer beschließt meine Freundin mit unserem Sohn den Sonnenuntergang von einem der Hügel um Sutivan anzusehen. Meistens gehen wir auf den Hügel des Hl. Vinzenz, weil der Weg gleich hinter dem Haus beginnt. Ich trage unseren Sohn auf den Schultern und oft fällt mir dabei jener Tag auf den Schultern meines Großvaters ein. Diesmal jedoch beschließt meine Freundin auf den Hügel des Hl. Rochus zu gehen. Weil man vom Friedhof, der dort ist, weiter nach Westen sieht, sodass die Sonnenscheibe groß und rot wird, bevor sie im Meer versinkt.

Unserem Sohn ist die fette, rote Sonne vollkommen Wurscht, er ist vom Friedhof begeistert. Und fragt sich zu Sinn und Zweck durch. So erfährt er von seiner Mama, dass hier die Toten sind. Und Mama weiß die Antwort auf jede Frage, besonders die wichtigsten zwei. "Warum sind die Toten am Friedhof, Mama?" - "Weil sie zu Haus´ nur ´rumliegen und stören. Am Friedhof können sie ´rumliegen und stören niemanden!". "Was machen die Toten hier, Mama?". "Na sie ruhen in Frieden!".

Damit ist das Thema Tod zwar eingeleitet, aber nicht konsequent durchdacht. Bei vierjährigen dauert es eben. Bis gestern, wie gesagt.

Der Tod in der Badewanne

Gestern sitzt unser Sohn mit seiner Mama in der Badewanne und will wissen, warum seine Auweh-Oma so viel Auweh hat. Nach einigen "Und dann?" erfährt er, dass die Oma krank und alt ist und dass alte und kranke Menschen sterben. Aber er will nicht, dass die Auweh-Oma tot ist! Dann wird ihm das Gesamtkonzept klar, weil er schlussfolgert, dass auch die Mama und der Papa und Großvater Seltsam und sogar er, eines Tages tot ist.

Die Tränen unseres Kindes scheinen den Wasserstand in der Badewanne zu heben, während meine Freundin und ich verzweifelte Blicke austauschen. Es dauert nur Sekunden, aber in meinem Kopf rattern die verschiedenen Wahrheiten über den Tod wie ein Film durch. Die frage lautet: Welche dieser Wahrheiten soll unseren Sohn trösten?

Der Tod und die Wahrheit

Ich könnte sagen, die Toten kämen in den Himmel, wenn sie brav genug leben. Dort preisen sie einen bärtigen alten Mann an und singen viel. In den Gesangspausen können die Toten dann zum Rand des Himmels gehen und auf die Hölle hinabsehen. Wo auch Mama und Papa für immer und ewig Qualen erleiden, weil sie Atheisten sind. Und weil sie mal mit einem Pärchen was hatten.

Ich könnte sagen, die Toten kommen erst auf den Friedhof und müssen dort eine Weile im Grab liegen. Je nachdem wie brav sie leben, ist das Grab mehr oder weniger bequem. Und dann kommen die Toten in den Himmel wo es Datteln und haufenweise Jungfrauen gibt. Zuvor muss unser toter Sohn jedoch über eine Brücke unter der die Hölle sichtbar ist, wo seine atheistischen Eltern zusammen mit Juden, Christen und Homosexuellen für immer und ewig Qualen erleiden.

Falls er mich dann fragt, was Juden sind, kann ich ihm sagen, es seien Leute, die glauben, dass wenn der bärtige Mann im Himmel böse auf Mama und Papa ist oder falls Mama und Papa auf einem Stück Land im Nahen Osten leben, dass der Bärtige anderen Leuten verspricht, er dann Mama und Papa und unseren Sohn und noch zwei weitere Generationen, tot macht. Und falls unser Sohn mich fragt, was Homosexuelle sind, kann ich ihm sagen, dass der bärtige Mann im Himmel sie hasst und sie nur geschaffen hat, damit die Anhänger von gleich drei verschiedenen bärtigen Männern sie quälen und tot machen können.

Wie ich ihm das Nirwana erklären soll oder was eine parasitäre Priesterkaste ist, fällt mir in der Gach´n nicht ein. Dafür fällt mir ein, dass es noch die Wahrheit gibt, es sei schlecht als Känguru wiedergeboren zu werden, weil man dann erst Katzenfutter und dann Katzenkacke wird.

Dem Tod den Stachel ziehen

Ich drücke den Stoppknopf und entscheide mich für eine ganz andere Wahrheit. Ich sage unserem Sohn, während ich ihn in einen großen Bademantel wickele, dass die Toten zu Sternenstaub werden. Mama, Papa, die Auweh-Oma und Großvater Seltsam. Und eines Tages auch er. Dann sind wir alle im Himmel. Ich verspreche auch, es ihm dann im nächsten Sommer in Sutivan zu zeigen. Wenn wir auf der Betonplatte vor dem Kamin liegen und der Mond schon untergegangen ist, können wir die Michstraße sehen, wo der ganze Sternenstaub herkommt und wieder hingeht. Weil wir alle aus Sternenstaub sind.

Noch eine Weile, fragt mich unser Sohn aus, was alles aus Sternenstaub ist: "Und die Häuser sind auch Sternenstaub, Papa? Und die Badewanne,? Und das Wasser? Und die Fische? Und die Tiere? Und der Autobus?" Und dann kommt Sponge Bob im Kinderprogramm. Gottseidank!

Rigor mortis

An dem Tag, als mein Opa mich auf seinen noch starken Schultern trägt und mir die Tatsache des Todes beiläufig mitteilt, ist irgendwie ein Stück meiner kindlichen Unschuld gestorben. Seitdem frage ich mich, wie man den Rest dieser Unschuld bewahren kann. Was uns die Anhänger der bärtigen Männer bieten, erscheint mir dafür wenig geeignet. Weil es ein All-Inclusive-Package ist, dass neben der Aussicht auf ewiges Leben auch Intoleranz, Homophobie und totale Unterwerfung enthält. Und Sex, Drugs und Rock ´n Roll total verteufelt. Das ist Bullshit. Mit tödlichen Nebenwirkungen. Dazu genau so wenig tröstlich wie der Versuch meiner armen, überforderten Mutter, mit nackter Empirie zu trösten.

Dass sogar Katzenkacke aus Sternenstaub ist und das das Nirwana bloß eine Metapher für Sternenstaub aus Katzenkacke ist, erkläre ich unserem Sohn erst, wenn er mich danach fragt. Inzwischen will er wissen, ob und wie er mit der Mama reden kann, wenn sie Sternenstaub ist. "Das ist ganz leicht" – sage ich – "Wenn in der Nacht keine Wolken da sind, gehst du auf den Hügel des Hl. Vinzenz. Dort legst du dich ins Gras und blickst in den Himmel, da wo es so aussieht, als ob jemand Glitzerstaub ausgestreut hat. Da ist dann die Mama und der Papa und die Auweh-Oma. Und sogar Großvater Seltsam."

Die Sternenstaub-Wahrheit scheint mir besser geeignet, um unser Kind über die erste, grundlegende Tatsache des Lebens, namentlich seine Endlichkeit, zu trösten. Einfach weil sie weitgehend Bullshit-frei ist. Und niemanden aus dem Himmel aussperrt.

  • Warum sind die Toten am Friedhof, Mama?" - "Weil sie zu Haus´ nur ´rumliegen und stören. Am Friedhof können sie ´rumliegen und stören niemanden!". "Was machen die Toten hier, Mama?". "Na sie ruhen in Frieden!".
    foto: apa

    Warum sind die Toten am Friedhof, Mama?" - "Weil sie zu Haus´ nur ´rumliegen und stören. Am Friedhof können sie ´rumliegen und stören niemanden!". "Was machen die Toten hier, Mama?". "Na sie ruhen in Frieden!".

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