Schatz hüten, weitergeben und vermehren

2. März 2014, 09:00
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Mitte März eröffnet Josef Zotters Schokoladentheater in Schanghai. Der Steirer gewann Einblicke in den Wandel der chinesischen Gesellschaft

Schanghai/Bergl/Wien - Die Generalprobe läuft gerade. Für das Publikum hebt sich der Vorhang des Zotter Chocolate Theatre in Schanghai am 14. März mit einem Tag der offenen Tür. Tags darauf startet im ersten ausländischen Flagship-Store des südoststeirischen Schokozauberers der normale Betrieb, einige Monate später als geplant.

"Zhen de" lautet der offizielle Name des Hauses. Dahinter steckt ein Doppelsinn. Das entsprechende chinesische Schriftzeichen bedeutet "Hüte den Schatz". Gewählt wurde es nicht nur, um die Qualität der angebotenen Produkte zu unterstreichen. "In der chinesischen Aussprache klingt es gleich wie Zotter", sagt der Namensträger im Standard-Gespräch.

Was Bürokratie und andere systemimmanente Hemmnisse im Reich der Mitte betrifft, ist auch die traditionell weltoffene Wirtschaftsmetropole keine Ausnahme. Aber die Verzögerung von einigen Monaten verschaffte Josef Zotter auch interessante Einblicke in die chinesische Gesellschaft, zumindest eines Teils von ihr. "Der Schanghaier weiß ja nicht, wie das Leben funktioniert", sagt Zotter - wobei er mit Leben jenes nach mitteleuropäischen Vorstellungen meint. "Der ist ja nur am Lernen, am Konsumieren und am Funktionieren."

Montessori-Boom

Das aber ändere sich nun. Immer mehr Familien des wachsenden Mittelstandes wollten das ihren Kindern nicht mehr antun: "Montessori-Schulen gehören hier zu den boomendsten Sektoren." In den nächsten zehn, 15 Jahren werde in Städten wie Schanghai eine neue Generation heranwachsen - mit unvermeidlichen Auswirkungen auf das politische System. Denn: "Wenn die Arbeiter einmal aufbegehren, wird's wahrscheinlich nicht mehr so lustig sein."

Diesen Prozess müsse auch China durchlaufen. Mit seinem zentralistischen Wirtschaftssystem und den klaren Entscheidungsstrukturen sei das Land für einen ausländischen Investor zwar an sich interessant. Aber: "Für mich war es auch deshalb so faszinierend, dorthin zu gehen, weil wir mit unserem Konzept einen ungeheuren Beitrag liefern können." Das betreffe die Inszenierung einer Marke, aber auch die Vermittlung des ökologischen Gedankens und des Konzepts von Fairtrade. Für Letzteres, also den Grundsatz gerechter Preise für landwirtschaftliche Produkte, gebe es in China überhaupt noch kein Verständnis.

Und so geht es im Schokoladentheater von Schanghai auch um einen ideellen Schatz. Dazu passt wiederum das Ambiente: eine adaptierte Hemdenfabrik aus den 1920er-Jahren im Stadtteil Yangpu am Huangpu-Fluss. Die restaurierte alte Aufschrift an einer Wand können die rund 70 Mitarbeiter, umgelegt auf die Schokolade, auch auf sich beziehen: "Gehe mit der Baumwolle gut um, denn sie ist dein Brot."

Allerdings wird hier nur verkauft, nicht produziert. Die Ware kommt ausnahmslos aus dem Stammhaus in Bergl bei Riegersburg, wie auch das gesamte Konzept, inklusive "Cabrio-Kino", dessen Decke sich bei Beginn der Vorstellung schließt. Der Verkaufsraum ist freilich doppelt so groß wie in der Steiermark. Daneben gibt es auch eine Kaffeerösterei und ein Eisgeschäft in einem ehemaligen Feuerwehrhaus. Fünfeinhalb Millionen Euro hat Zotter in sein China-Projekt investiert. Tochter Julia (27) leitet den Betrieb. Oder, gemäß der väterlichen Philosophie: Sie hütet den Schatz, um ihn weiterzugeben - und möglichst zu vermehren. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 1.3.2014)

  • Josef Zotter am Ufer des Huangpu in Schanghai: "Eine neue Generation wächst heran."
    foto: apa/wehap

    Josef Zotter am Ufer des Huangpu in Schanghai: "Eine neue Generation wächst heran."

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