Irrlichter für Investoren

28. Februar 2014, 16:05
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An den Finanzmärkten gibt es so manche kostspielige Irrfahrt. Regelmäßig bringen betörende Renditeversprechen die Finanzkapitäne kleiner und großer Schiffe vom Kurs ab. Eine wiederkehrende Sirene, die Sparer und Anleger in ihren Bann zieht, ist "Wachstum". Ein Beispiel: Jahrelang haben Finanzberater und -marketer Schwellenländer als Wachstumsstory verkauft. Anleger könnten am Erfolg der Emerging Markets verdienen. Hohes Wirtschaftswachstum versprach hohe Aktienrenditen.

Das Problem mit der Gleichung Wachstum=Profit liegt aber auf der Hand: Sie trifft einfach nicht zu. Drei Wirtschaftsforscher der London Business School, Elroy Dimson, Paul Marsh und Mike Staunton haben in einer Studie für die Großbank Credit Suisse (Global Investment Returns Yearbook 2014) einen negativen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Aktienrenditen gefunden. Ihre Meinung hat Gewicht, analysierten die britischen Forscher doch Finanzmärkte seit 1900 und blicken damit deutlich über den Tellerrand der typischen Studien, in denen die Wirtschaftsgeschichte wegen der Datenlage erst mit dem Jahr 1990 ihren Lauf nimmt.

Dimson und Co zeigen, dass die Tendenz von Investoren, in besonders schnell wachsende Volkswirtschaften zu investieren, eher Enttäuschung als Erfolg gebracht hat. Seit 1972 hätte ein Investment in die zuletzt am schnellsten gewachsenen Ökonomien immerhin zehn Prozentpunkte weniger Rendite gebracht als die Anlage in die am wenigsten dynamischen Volkswirtschaften. Die Schnecken schlagen die Rennpferde wohl auch wegen wegen eines "Value-Effekts". Stark wachsende Volkswirtschaften locken heißes Geld an und werden damit teuer - Anleger bekommen für jeden investierten Euro weniger Unternehmensgewinn.

Langfristig sind die Bewertungsniveaus aber wichtiger als die volkswirtschaftliche Dynamik. Wenn die Kurse bereits das hohe Wachstum mit ebenso gestiegenen Kursen widerspiegeln, heißt es oft Hände weg. Gerade wenn Faktoren wie Rechtssystem oder Gewinnmargen nicht passen.

Daher sollten Investoren von der Mythologie lernen. Der Irrfahrer Odysseus hat sich selbst an den Mast binden lassen, um dem betörenden Gesang der Sirenen zu widerstehen, während er seinen Begleitern die Ohren mit geschmolzenem Wachs verschließen ließ. Wenn also wieder ein neues Schlaraffenland, in dem Wachstum und Gewinne fließen, angeworben wird, helfen Ohrenstöpsel - und ein kritischer Blick auf den Kurs. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 21.2.2014)

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