"Niemand, der den Krieg überlebt hat, ist normal"

28. Februar 2014, 17:12
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Was machte den Osten Europas aus? Die Historikerin Marci Shore legt eine beeindruckende persönliche Bilanz vor

Es begann mit einer Reise nach Prag vor mehr als 20 Jahren, mit nicht viel mehr als einem Essayband von Václav Havel im Gepäck. Es folgten viele weitere Fahrten zu den Ländern des neuen Ostens, Studienaufenthalte, Konferenzen, ganze Lebensabschnitte. Nun legt Marci Shore eine sehr persönliche Zwischenbilanz über Das Nachleben des Totalitarismus in Osteuropa vor.

Shore, Historikerin an der Yale University, kannte die "allgemeinen" Daten und Dokumente, die die Geschehnisse vor, im und seit dem Zweiten Weltkrieg festhalten. Was sie suchte, waren die Verwerfungen in den Schicksalen der Menschen, die Spuren der weltgeschichtlichen Traumata in intellektuellen, künstlerischen oder einfach alltäglichen Lebensgeschichten.

Für diese Suche war sie wahrscheinlich besser vorbereitet und geeignet als viele andere. Als College-Studentin und danach wurde sie zu Forschungsreisen freigestellt, von den Unis Stanford, Toronto, Indiana und Yale unterstützt. Zurzeit ist sie zum dritten Mal als Fellow am Wiener Institut für die Wissenschaften von Menschen (IWM). Sie lernte die Sprachen der besuchten Länder, bewegte sich als Gast und Freundin in den unterschiedlichsten Milieus und hatte doch die nötige Distanz, um ungewöhnliche Fragen zu stellen - wie es sich eigentlich nicht gehörte. "Was wie Mut aussah", schrieb sie einmal über ihre Art, die Dinge anzugehen, war "nur fehlende Vertrautheit mit der Kultur."

Tatsächlich aber wird sie, wie man mitverfolgen kann, immer vertrauter. Der Geschmack von Asche wäre ein klassischer Bildungsroman, würde das Buch nicht auf Tatsachen beruhen. Vor allem in Polen und der CSSR bzw. ihren Nachfolgestaaten, aber auch in Ungarn, Rumänien, Russland und Österreich lernt sie Menschen kennen, die ihr helfen zu verstehen: Was heißt es, Demokratie, Faschismus, Holocaust, Stalinismus, Frühling, Rückfall und schließlich die Wende mitzumachen? "Niemand, der den Krieg überlebt hat, ist normal", zitiert sie den jüdischen Schriftsteller Arnost Lustig, der auch sich selbst damit meinte.

Das andere 1968

Er und viele andere Zeitzeugen tragen zu dem Mosaik bei, das Shore zusammengesetzt hat und das sich zu keinem Gesamtbild fügen will, es nicht kann. Der Totalitarismus in seinen (post)faschistischen Spielarten wird in vielen Lebensgeschichten reflektiert. Details aus den Biografien von Milan Kundera, Wladyslaw Bartoszewski, Marek Edelmann werfen immer neue Schlaglichter auf ein Kapitel Geschichte, das sich nicht den simplen Ost-West-Schemata fügen will. Shores Begegnungen auch mit weniger bekannten, aber nicht minder signifikanten Zeitgenossen hat ihre Skepsis insbesondere gegenüber amerikanischen "TV-Pundits" und Welterklärern geschärft.

Marci Shore ist mit dem Historiker Timothy Snyder verheiratet, der in Bloodlands die Tragik des mittel- und osteuropäischen Raums vor und nach dem Zweiten Weltkrieg umfassend dargestellt hat. Dieses Werk ergänzt Der Geschmack von Asche auf beeindruckendste Weise wie Nahaufnahmen zu einem Panoramabild.

Nicht zuletzt trägt das Buch dazu bei, die Chiffre "1968" in ihrer Bedeutung insbesondere für Polen und die ehemalige Tschechoslowakei neu zu entschlüsseln. Schon der viel zu früh verstorbene Tony Judt, Mentor und Freund der Autorin, hatte auf diesen blinden Fleck der westlichen 68er hingewiesen. Sie füllt ihn in nuancierten Farben aus.

Auf einer Diskussionsveranstaltung vor wenigen Jahren reagierte Shore auf das Lob, hier habe endlich jemand das Engagement der marxistischen Intellektuellen gewürdigt, mit der Feststellung, deren Geschichte sei allerdings eine Tragödie. Worauf ein junger Mann in der ersten Reihe sagte: "Ich lese sie als eine märchenhafte Romanze."

Dies als Schlussakkord des Buches klingt wie ein Eingeständnis, dass man Geschriebenes, einmal aus der Hand gegeben, ähnlich schwer nur kontrollieren kann wie den Lauf der Geschichte im Großen. Sie fallen Bewunderern und Gegnern, Realisten und Romantikern in die Hände. Auch davon vermittelt Der Geschmack von Asche mehr als eine Ahnung. (Michael Freund, Album, DER STANDARD, 1./2.3.2014)

Die Autorin wird das Buch am kommenden Dienstag, 4. März, 18 Uhr, mit Martin Pollack im IWM vorstellen. 1090, Spittelauer Lände 3

  • Marci Shore:  "Der Geschmack von Asche. Das Nachleben des Totalitarismus in Osteuropa". Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf. € 27,80 / 376 Seiten. C. H. Beck, München 2014.
    foto: h. beck verlag

    Marci Shore: "Der Geschmack von Asche. Das Nachleben des Totalitarismus in Osteuropa". Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf. € 27,80 / 376 Seiten. C. H. Beck, München 2014.

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