Zeitung und ihre Zukunft: Nachrufe auf die Verkündigung

Rezension28. Februar 2014, 17:39
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Freitag starb eine der 15 Kauftageszeitungen Österreichs. Zwei Bücher sagen, warum es Blättern schlechtgeht - und was Medien tun könnten

Das fängt doch gut an. "Es gibt Gründe, an eine Renaissance der Offline-Medien zu glauben - in erster Linie an die Tageszeitung, die zur informatorischen Grundausstattung unserer Gesellschaft gehört. Während der Rundfunk zum internetabhängigen Digitalmedium mutiert, bleibt die Tageszeitung ein in sich geschlossenes Produkt, selbst wenn sie eines Tages ausschließlich als eine App verbreitet werden sollte."

So freundlich macht Michael Haller nicht weiter. Der emeritierte Professor der Uni Leipzig und Direktor des Instituts für Journalismusforschung gründet Befund und Rat auf zehn Jahren, in denen er Medienkonsumenten und Medienmacher befragt hat, Zeitungen und ihre Wirkung abgetestet. Er konzentriert sich hier auf Regionalblätter in Deutschland - wo es übrigens keine wesentlichen Gratistageszeitungen gibt. Was er als Fehler beschreibt, unterläuft auch anderen.

Etwa: "Immer mehr Menschen finden in der Zeitung nicht das, was sie suchen und brauchen - nicht weil die Zeitung gedruckt daherkommt, sondern weil es die Zeitung nicht bringt. Stattdessen bietet die Zeitung (zu) viel Lesestoff, von dem (zu) viele Leser nicht wissen, warum sie diesen eigentlich lesen sollten."

Formalistisch, belehrend und unecht

"Ein beachtlicher Teil der Leserschaften unterstellt Regionalzeitungen PR-Gefälligkeit, Unsachlichkeit, Besserwisserei, unangemessene Selbstbelobigung." Und: "Aus Sicht der Befragten repräsentieren die Regionalzeitungen in Inhalt, Sprache und Stil quasi das System; es ist die 'institutionelle Sicht' mit der 'Logik abstrakter Zuständigkeiten', die auf junge Menschen formalistisch, belehrend und unecht wirkt." - Der Verdacht, Zeitungen beschrieben "die wahren Interessen verdeckt und meist nur Fassaden und Inszenierungen", informierten PR-getrieben. "Umgekehrt rechneten sich viele Zeitungsjournalisten zur Welt der Etablierten. Sie wollten miterleben und berichten, was die Macht- und Funktionsträger tun. Die Nähe zu den Machtträgern schien erwünscht, bedeutsam - und war auch prickelnd. Die ganz anderen Informations- und Beteiligungswünsche junger Leute interessierten nicht." Diese beiden Welten seien "auseinandergedriftet, lange bevor Internetnutzung alltäglich war".

Für viele junge Menschen seien Zeitungen sehr glaubwürdig. Doch sie zeigten "Respekt wie vor einer Autoritätsperson, die man kennt, der man aber wenn möglich aus dem Weg geht".

Die Befunde, etwa auch dass Redaktionen gern Innovationen verweigerten, verweisen schon auf Hallers nicht sämtlich neue Ratschläge. Dialog mit Userinnen und Usern empfiehlt er etwa, medienübergreifende Berichterstattung, Geld für Inhalte, Dienstleistungen auch mit Userdaten. In der digitalen Welt empfiehlt er etwa App-Ausgaben, in sich geschlossen und gewichtet wie eine Zeitung. Und er betont besonders die Bedeutung von Lese- und Medienvermittlung in den Schulen. "Vorschläge, die verhindern sollen, dass sich die Zeitungen selbst zugrunde richten", hofft er. Viele Ratschläge klingen, jedenfalls hier verknappt, bekannt - ausführlich empirisch begründet, erinnern sie manche Medienmacher womöglich, was sie nicht nur wissen, sondern auch leben können. Wenn sie jene für richtig halten.

Manche Passagen klingen wie eine überraschende Erwartung, wenn er von der "festen Überzeugung" schreibt, "dass die Qualität auch des klassischen Offline-Mediums Zeitung nach Abklingen des Internetbooms wieder nachgefragt und als Qualitätsmarke weiter kultiviert werden kann, ja muss".

Fleischhacker-Nachruf auf gedruckte Zeitung

Das Web sieht Michael Fleischhacker eher nicht abklingen. Er führte "Die Presse" acht Jahre als Chefredakteur. Bis 2012, als er auf Wunsch des Mutterkonzerns ein neues Konzept lieferte - ein recht radikales und digitales, orientiert an inhaltlichen Stärken und ihren Zielgruppen. Das Konzept erinnerte manche an Ideen von Horst Pirker für die "Presse", der 2010 ging und künftig die News-Gruppe führt. Fleischhacker wird für ein Auslandsportal der "Neuen Zürcher" gehandelt.

Er schreibt der gedruckten Zeitung einen "Nachruf" - umfassend und lesenswert prägnant unterlegt mit Zeitungs- und Mediengeschichte. Die führe nun zurück, vor Gutenberg, weg von medialer "Verkündigung" allgemeiner Information von wenigen für möglichst viele. Er erwartet "viele kleine, ihre Zielgruppen gegen Entgelt mit hochwertigen Inhalten versorgende Gesprächsangebote". Diese Communitys hätten gemeinsam mehr Potenzial zum öffentlichen Kontrollorgan der staatlichen Autoritäten "als die selbsternannten Ausüber der vierten Gewalt in den vergangenen Jahren".

Michael Hallers Buch liest sich übrigens sehr gut auf dem Smartphone Google Nexus 5. Michael Fleischhackers Abgesang harmoniert, trotz Titeln in bewusst weit vordigitaler Fraktur, mit mobilen Endgeräten von Apple. Womöglich ist es Zeit für einen Nachruf auf das gedruckte Buch. (Harald Fidler, DER STANDARD/Album, 1./2.3.2014)

Hinweis: Am Montag ist Michael Fleischhacker zu Gast im derStandard.at/Etat-Chat und beantwortet von 11 bis 12 Uhr Fragen der Userinnen und User.

  • Michael Fleischhacker, "Die Zeitung. Ein Nachruf". 19,90 Euro/208 Seiten. Christian-Brandstätter-Verlag, Wien 2014
    foto: christian-brandstätter-verlag

    Michael Fleischhacker, "Die Zeitung. Ein Nachruf". 19,90 Euro/208 Seiten. Christian-Brandstätter-Verlag, Wien 2014

  • Michael Haller, "Brauchen wir Zeitungen? Zehn Gründe, warum die Zeitungen untergehen. Und zehn Vorschläge, wie dies verhindert werden kann". 18,00 Euro/248 Seiten. Herbert-von-Halem-Verlag, Köln 2014.
    foto: herbert-von-halem-verlag,

    Michael Haller, "Brauchen wir Zeitungen? Zehn Gründe, warum die Zeitungen untergehen. Und zehn Vorschläge, wie dies verhindert werden kann". 18,00 Euro/248 Seiten. Herbert-von-Halem-Verlag, Köln 2014.

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