Die Quadratur der Schlange

1. März 2014, 12:00
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Das Sheikh Zayed Desert Learning Center in Abu Dhabi ist ein technischer Kraftakt. Die Planung des Wüstenmuseums stammt von den beiden Wiener Architekten Talik und Jaafar Chalabi

50 Grad Celsius, Sand und trockenes Klima: Das ist das bevorzugte Habitat der Afrikanischen Hornviper. Ein besonders großes Exemplar dieser beige-braun geschuppten Wirbeltierspezies liegt in Al Ain auf der Lauer und wartet bereits gespannt auf die ersten Besucher. Das Sheikh Zayed Desert Learning Center (SZDLC) am Rande des neuen Wildlife-Parks ist nämlich nicht nur ein Wüstenmuseum samt Forschungszentrum und Kinosaal, sondern in erster Linie ein zeitgenössisches Stück Architektur, das die Aufgabe hat, Touristen aus den großen Städten der Vereinigten Arabischen Emirate ins Landesinnere zu locken.

Landmark

"Die Bauherren haben sich eine charakteristische Landmark, eine Art neues Wahrzeichen für das Emirat Abu Dhabi gewünscht", erinnert sich Talik Chalabi. "Daher war für uns klar, dass wir etwas Neues ausprobieren müssen, dass wir sowohl Entwurfsprozess als auch Bauweise ein bisschen strapazieren und bis an die Grenzen des technisch Machbaren gehen müssen." Die Herangehensweise überzeugte. Gemeinsam mit seinem Bruder Jaafar ging der Wiener Architekt (Chalabi Architekten & Partner) als Sieger aus einem geladenen Wettbewerb hervor, an dem sich insgesamt zwölf Büros aus aller Welt beteiligt hatten.

"Unsere Idee war, dass sich das Gebäude aus dem Gelände heraus entwickelt", sagt Chalabi. Und tatsächlich: Wie eine im Sand liegende Schlange steigt der rund 10.000 Quadratmeter große Bau allmählich an, legt sich in Schlaufen und windet sich zu einem 300 Meter langen Ding, das an seiner höchsten Stelle fast 20 Meter über den Wüstenboden ragt. Da, wo Mutter Natur die Augen vorsah, steht nun der Besucher und blickt nach Süden, direkt auf den felsigen Hausberg Jebel Hafid, dessen Rückseite sich bereits im Oman befindet. Mystisches Licht. Gewaltige Stimmung. Daran können auch die paar Dutzend Bauarbeiter nichts ändern, die in den Abendstunden, sobald die Luft wieder abgekühlt ist, aus ihren Verstecken emporklettern und die letzten Arbeitsschritte an der steinernen Fassade vornehmen.

75.000 Tonnen Beton

Dass sich im Inneren des Bauwerks, hinter den rautenförmigen Platten aus Giallo Samad, der aus einem Steinbruch im Oman von den Architekten und von Bauherr Scheich Sultan Bin Tahnoon Al Nahyan höchstpersönlich ausgesucht wurde, ein konstruktiver Kraftakt verbirgt, sieht man dem SZDLC erst auf den zweiten Blick an. Das gesamte Haus ist stützenfrei, nirgendwo klafft auch nur ein langweiliger rechter Winkel, die Innenräume winden sich in sanften Kurven dramatisch ums Eck, es ist, als würde man eine liegende Skulptur durchwandern. Dass man nach ein paar Metern bereits die Orientierung verloren hat, ist selbstredend. Insgesamt wurden hier mehr als 75.000 Tonnen Beton verbaut.

Zu verdanken ist die organisch wirkende Konstruktion der intensiven Zusammenarbeit mit den Bauingenieuren. "Die genaue Planung des SZDLC erfolgte anhand dreidimensionaler Computermodelle, die wir so lange variiert und adaptiert haben, bis es gepasst hat", erklärt Arne Hofmann, Projektleiter bei Bollinger+Grohmann Ingenieure. Rigid Finite Element Modelling (RFEM) und Evolutionary Structural Optimization (ESO) nennt sich das Ganze. "Anders hätten wir die komplexe Geometrie niemals bewältigen können, denn mit klassischem Ingenieursverstand kommt man bei so einem Projekt nicht weit."

Fünf Millimeter Maßtoleranz

Nicht von ungefähr erinnern die steinernen Schuppen und die Öffnungen in den Wänden und Decken an ein Schlangentier. Tatsächlich stand die Natur Pate: "Man muss sich die Betonkonstruktion wie ein schlauchförmiges Netz vorstellen", sagt Hofmann. "Die Linien in der Fassade und die Fensteröffnungen folgen haargenau den Kräftelinien. Einen Blick ins Freie hat man nur dort, wo es uns das algorithmische Modell erlaubt hat." Die Maßtoleranz im gesamten Gebäude beträgt fünf Millimeter. Alles andere würde die Statik nicht verzeihen.

55 Millionen US-Dollar (40 Millionen Euro) ließ sich der Scheich sein neues und überaus fotogenes Wüstenzentrum kosten, das aufgrund der noch nicht fertiggestellten Ausstellung nach wie vor Baustelle ist. Fragt sich nur: Wozu der ganze Aufwand? "Bauen in den VAE wird nicht als kultureller Beitrag und auch nicht als wertvolle geistige Ressource betrachtet, sondern als Werkzeug für die Verwirklichung finanzieller Interessen", meint Talik Chalabi. "Viele Projekte werden in erster Linie als Prestige- und Marketing-Tool genutzt. Das war's." Doch wo Geld fließt, vermag man zwischen den Zeilen zu lesen, könne man die Chance nutzen, um die Weiterentwicklung von Architektur voranzutreiben. Talik: "Wenn wir schon die Möglichkeit haben, mitten in der Wüste ein solches Ding zu errichten, dann erhebe ich auch den Anspruch, daraus etwas lernen zu können."

Die Mission scheint gelungen: Das Sheiks Zayed Desert Learning Center in Al Ain ist - neben all seinen anderen Talenten - ein nahezu autarkes Gebäude, das dank Solarthermie, Erdkühlung und Photovoltaik fast 95 Prozent der benötigten Primärenergie im Haus produziert. Es ist das erste Bauwerk im arabischen Raum, das mit der Green-Building-Bestwertung "Estidama 5 Pearls" zertifiziert wurde. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 1.3.2014)

Hinweis

Architekturfestival Turn On: Kommenden Samstag, 8. März, halten Chalabi Architekten & Partners im ORF-Radiokulturhaus in Wien einen Vortrag über das SZDLC in Al Ain. 13 bis 22 Uhr. Genaues Programm auf turn-on.at.

  • "Wenn wir schon die Möglichkeit haben, in der Wüste zu bauen, dann müssen wir auch zu einem gewissen Fortschritt beitragen." Wüstenforschungszentrum in Abu Dhabi.
    foto: antje hanebeck

    "Wenn wir schon die Möglichkeit haben, in der Wüste zu bauen, dann müssen wir auch zu einem gewissen Fortschritt beitragen." Wüstenforschungszentrum in Abu Dhabi.

  • Stützenfrei und ohne einen einzigen rechten Winkel: Zu verdanken ist dies der intensiven Zusammenarbeit mit den Bauingenieuren.
    foto: antje hanebeck

    Stützenfrei und ohne einen einzigen rechten Winkel: Zu verdanken ist dies der intensiven Zusammenarbeit mit den Bauingenieuren.

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