"Theater ist mehr als metaphysisches Bodenturnen"

Interview28. Februar 2014, 17:35
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Thomas Glavinic schrieb einen Roman über einen gewissen Thomas Glavinic - Christian Dolezal spielt die Figur in einer Soloperformance

Wien - Man wird Schauspieler Christian Dolezal keine große Ähnlichkeit mit Thomas Glavinic nachsagen können. Nicht viel größer ist die Ähnlichkeit von Autor Glavinic mit sich selbst. Der Ich-Erzähler des Romans Das bin doch ich (2007) könnte aber jederzeit als Glavinic durchgehen.

Er nennt dieselben Freunde sein Eigen. Der Wiener Kulturstadtrat heißt wie in echt (Mailath-Pokorny) und sieht einem Laufvogel aus Neuguinea ähnlich, dem Kasuar. Der "Glavinic" aus Das bin doch ich ist die reinste Nervensäge. Als Hypochonder macht er eine ebenso zweifelhafte Figur wie als Zugreisender. Ab 12. März spielt Dolezal den Glavinic in einer Dramatisierung des Stoffes im Theater Rabenhof, Regie: Thomas Gratzer. DER STANDARD bat den echten wie den gespielten Glavinic zum Gespräch übers Theater.

Dolezal: Für mich ist der Stoff wie das Drehbuch eines "trippigen" Films. Wenn man einen Roman dramatisieren will, reicht es nicht aus, sich auf die Bühne zu stellen, einen schönen Text abzulassen und das ganze Rundherum fein zu arrangieren. Man muss eine theatralische Metaebene finden: eine Spielweise, die die theatralische Entsprechung zur Vorlage darstellt. Glavinics Roman birgt einen großen Wahnsinn, für den ich darstellerisch ein Äquivalent finden muss. Ich habe viele Situationen durcheinandergewürfelt, Stränge neu miteinander verknüpft.

STANDARD: Worin läge der Wahnsinn?

Dolezal: Im Druck, unter dem die Figur "Thomas Glavinic" steht. Ein Höchstneurotiker. Wenn eine Frau im selben Zugabteil Nudeln isst, spürt er sofort eine Bedrohung. Dabei eignet ihm eine mikroskopisch feine Beobachtungsgabe. Ich spiele eine Unzahl von Dialogen mit mir selbst. Die Figur ist auf dem Weg zum Familientreffen in Frauenkirchen, dabei begegnen ihr merkwürdige Gestalten, Erinnerungen suchen sie heim, das alles passiert in einem Höllentempo. Dadurch entsteht ein Ausgeflipptsein, dem ich theatralisch gerne nahekommen würde. Ich werde bestimmt nicht Glavinic darstellen, wie er leibt und lebt.

STANDARD: Aber der Witz basiert doch auf den Klarnamen? Es soll Literaturkritiker gegeben haben, die fieberhaft nach ihrem Namen in dem Buch gefahndet haben.

Dolezal: Es geht nicht um das Abliefern eines Pointenfeuerwerks. Ich muss dem Stoff den Kabarettzahn ziehen, bevor er noch wächst.

STANDARD: Sind Sie ein großer Theaterfreund, Herr Glavinic?

Glavinic: Das ist unterschiedlich. Ich habe jetzt erst wiederentdeckt, dass Theater etwas sehr Spannendes sein kann. Da, wo ich herkomme, bekam man einmal im Monat den Kleinen Prinzen oder Die Vögel von Aristophanes vorgesetzt. Das war im Schülertheater. Zunächst mal wurde ein Stück gezeigt, von dem ich nicht wusste, was es mit mir zu tun hatte, und dazu kam die überelaborierte Darstellung. Das nahm mir jede Lust am Theater. Jetzt merke ich allmählich, welche Dimension Theater haben kann, indem ich Stücke lese. Die schriftliche Fassung eines Stücks bietet mir einen Zugang, den ich im Theater oft nicht gefunden habe. Wenn ich irgendwo hingehen muss, wird es schon schwieriger.

STANDARD: Ihre Haltung ist die der interessierten Distanz?

Glavinic: Beim Lesen von Stücken merkt man, was für eine wunderschöne Kunstform das Theater ist. Manche Aufführungen rauben mir leider den Zugang. Ich bin dabei, ihn wiederzugewinnen.

Dolezal: Theater ist mehr als metaphysisches Bodenturnen.

Glavinic: Viel mehr. Der Ausdruck stammt ja von Werner Schwab. Ich war zweimal in Schwab-Aufführungen. Das eine Mal bin ich eingeschlafen, das andere Mal nach einer halben Stunde hinausgegangen.

STANDARD: Warum das?

Glavinic: Ich habe einfach nicht verstanden, was das soll. Ich fand die Sache einfach todlangweilig. Beim Abfassen eines Romans muss ein Grund vorliegen, warum man sich einer gekünstelten Sprache bedient. Der Autor muss eine Motivation haben für einen solchen Duktus. Beim Theater geht das offenbar auch so. Anna Karenina wird heute noch in jeder Bücherei permanent ausgeborgt. Weil es ein Klassiker ist, der die Bewährungsprobe der Zeit bestanden hat. Eines der Bücher, die man ewig lesen wird, weil sie so großartig sind. Es ist schon möglich, dass es sich bei Schwab um jemanden gehandelt hat, der wohl interessant gewesen ist, aber zu wenig Substanz hatte. Dinge mit Substanz bleiben und werden weiterhin gelesen und aufgeführt. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 1./2.3.2014)

Christian Dolezal (42) ist Gründungsmitglied der Sofa Surfers und spielt zurzeit in "Jägerstätter" im Wiener Josefstadt-Theater.

Thomas Glavinic (41) ist Grazer. Sein letzter Roman heißt "Das größere Wunder" (2013). "Das bin doch ich" war 2007 auf der Buchpreis-Shortlist.

  • Das Ego und sein Alter Ego. Autor Thomas Glavinic (re.) und Mime Christian Dolezal.
    foto: ingo pertramer

    Das Ego und sein Alter Ego. Autor Thomas Glavinic (re.) und Mime Christian Dolezal.

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