"Wird Gott mir verzeihen?"

28. Februar 2014, 14:24
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Islamische Gefängnisseelsorge folgt dem Beispiel der katholischen und evangelischen Vorbilder. Mittlerweile gibt es auch eine Ausbildung zum muslimischen Seelsorger an der Uni Wien

"Wird Gott mir verzeihen?" – diese Frage gehört zu den häufigsten, die der muslimische Seelsorger Ramazan Demir von den muslimischen Gefangenen gestellt bekommt. Der deutsche Migrant Demir ist Generalsekretär der Islamischen Seelsorge der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGIÖ) und betreut die muslimischen Gefangenen in der Justizanstalt Josefstadt. Das besondere an der Justizanstalt Josefstadt ist das Vorhandensein einer "Mescit", eines Gebetsraumes für Muslime.

Einmal in der Woche, natürlich stets an einem Freitag, können die muslimischen Gefangenen das Gemeinschaftsgebet verrichten. Ausgelegt ist die Mescit allerdings nur für 35 Personen. "Aufgrund der Nachfrage müssen wir per Liste bestimmen, wer zum Freitagsgebet kommen darf und wer nicht", sagt Demir. Natürlich achte man darauf, dass möglichst alle in regelmäßigen Abständen an die Reihe kommen würden. Nach dem Gebet gebe es dann die Möglichkeit Einzelgespräche zu führen und auf die individuellen Sorgen und Nöte der Gefangenen einzugehen.

Tabuisierung im familiären Umfeld

Manche Verbrechen werden im muslimischen Umfeld stärker tabuisiert als gewöhnlich. So können Drogen- oder Gewaltdelikte zu einem Kontaktabbruch mit der Familie führen. Demir weiß um diese besondere Problematik und wie sehr sie die Chance zur Rehabilitierung  beeinträchtigt. Denn das ist die Hauptmotivation für Demir: Dazu beizutragen, dass es immer weniger muslimische Gefangene gibt, dass die Entlassenen nicht rückfällig werden und dass er zukünftig keinem jungen Gefangenen zur Seite stehen muss, der es nicht verwinden kann, dass sich die Familie von ihm abgewendet hat. "Eines Tages will ich keinen mehr auf meiner Freitagspredigt-Liste stehen haben", so Demir abschließend.

Ausbildungssituation verbessert sich

Auf Initiative des Bundesinnenministeriums wurden 2010 einheitliche Standards für konfessionelle Seelsorger vereinbart. Damals wurde die Zahl muslimischer Gefangener in Österreich mit knapp 1.300 angegeben, womit sie sie die zweitgrößte Gruppe in den Gefängnissen waren. Da es damals nur punktuelle Kooperationen gegeben hatte, wollte man nicht nur flächendeckenden Service bieten, sondern auch die Ausbildung vereinheitlichen.

So bietet die Universität Wien, genauer gesagt das Institut für Islamische Studien unter anderem eine Ausbildung zum muslimischen Seelsorger an. Die Projektphase läuft bis ins Frühjahr 2014, doch die Ausbildung ist bereits angelaufen.

Einer der Referenten Ismayil Tokmak, ein sich in Ausbildung befindender Facharzt für Psychiatrie, ist erfreut über das rege Interesse: "Das Interesse ist erstaunlich groß und die Menschen stammen aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen." Ismayil Tokmak ist außerdem Obmann von "Friede – Institut für Dialog", einer Vereinigung, die der Gülen Bewegung zugerechnet wird. Die Zeitung "Zaman Österreich", die ebenfalls der Gülen Bewegung zuzurechnen ist, verteilt seit vielen Jahren Gratiszeitungen an muslimische Gefangene. (Rusen Timur Aksak, 28.2.2014, daStandrad.at)

  • Polizisten beim Betreten der Justizanstalt Wien-Josefstadt.
    foto: apa / helmut fohringer

    Polizisten beim Betreten der Justizanstalt Wien-Josefstadt.

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