"Wolfenstein: The New Order" angespielt: Unglorreicher Bastard

2. März 2014, 12:00
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Die Neuinterpretation des Kult-Shooters lockt mit spielerischer Abwechslung und einer Prise Tarantino

1992 erblickte mit "Wolfenstein 3D" der erste Ego-Shooter das Licht der Videospielwelt und sorgte mit der Nazijagd nicht nur technisch für Aufsehen. 22 Jahre später spinnt "The New Order" die satirische Dystopie weiter.

Dass B. J. Blazkowicz, der bekannteste Nazijäger in der Geschichte der Videospiele, Ende März auf PC und Konsole sein Comeback feiert, haben seine Fans zwei Faktoren zu verdanken: zum einen dem nach wie vor aufrechten Kult um den ersten je entwickelten Ego-Shooter und zum anderen Filmemacher Quentin Tarantino, dessen meisterliches "Inglourious Basterds" (2009) die satirische Abrechnung mit dem Regime der Nationalsozialisten wieder in Mode brachte.

Schmaler Grat zwischen Schaudern und Schmunzeln

Denn Blazkowicz' jüngste Mission Wolfenstein: The New Order, die der GameStandard auszugsweise in einer Vorabversion spielen konnte, versteht sich im Angesicht eines futuristischen Albtraums und grotesker Widersacher genau als solches. Eine klare Kampfansage an den Faschismus, die den schmalen Grat zwischen Schaudern und Schmunzeln sucht. Ein Abenteuer, das in den Schuhen des Alliierten Übersoldaten 1946 mit der letzten Großoffensive gegen das Dritte Reich anstimmt und in einer 1960er-Jahre-Horrorvision mündet.

In MachineGames' Neuinterpretation von "Wolfenstein" haben die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen und den Planeten mithilfe monströser Kampfroboter und Superwaffen unterjocht. Ganz im Sinne der Neuzeit beherrscht der technologische Fortschritt und der Drang, überlegen zu sein, das Geschehen - immerzu angetrieben von wahnsinnigen Wissenschaftern und Ärzten, die vor Gräueltaten nicht zurückschrecken.

Abenteuer für Einzelkämpfer

Als Held des Widerstands verpasst man im Wachkoma liegend den tristen Wandel der Zeit und kommt erst wieder zu Bewusstsein, als alles zu spät erscheint. Die unerträgliche Ungerechtigkeit, der eiserne Wille und die schönen Augen der Pflegerin sind dann jedoch Anreiz genug, passiv gealtert den Kampf wieder aufzunehmen und die Mitstreiter im Untergrund zu mobilisieren.

Ungewöhnlich für die Serie und den allgemeinen Branchentrend, ist es eine Erzählung, die als streng lineares Einzelspielererlebnis ausgelegt wurde. Die rund 15-stündige Tour de Force kehrt dabei genauso zu ihren schrulligen Wurzeln zurück, wenn man etwa Wachen und Soldaten vor ihrer Beseitigung bei ihrem Getratsche belauscht, wie zu moderneren, genreübergreifenden Ansätzen des Mediums.

Taktieren und Springen

Blazkowicz versteht sich zwar gern als furchtloser Rambo, der den offenen Schusswechsel sucht, muss aber beispielsweise beim Sprung aus dem Flugzeug auch koordinatives Geschick beweisen. Zudem kann man sich entscheiden, ob man Situationen brachial oder taktisch angeht. So ist es Spielern auf leisen Sohlen möglich, Kommandanten auszuschalten, bevor nach Verstärkung gerufen werden kann.

Nicht unwesentlich für den Erfolg ist überdies die Erkundung des Terrains nach Waffen und Munition. Im Stile des 2013er-Blockbusters "Bioshock Infinite" vertiefen Rollenspielelemente das Erlebnis, weshalb es sich auch auszahlt, nach Geheimwegen und versteckten Schätzen zu suchen. Über den sukzessiven Ausbau von Fähigkeiten darf man seine individuellen Spielgewohnheiten unterstützen.

Schwer verdaulich

Den gewaltvollen Bildern, die einen nicht vor Enthauptungen und herausquillenden Gedärmen verschonen, ist ein gewisses Maß an Komik nicht abzustreiten, wenn überdimensionierte Maschinen, die nach den Vorlagen arischer Idealvorstellung geformt wurden, wie stupide Laufburschen den Kommandanten nachstapfen. Ein Lachen, das einem im nächsten Moment allerdings wieder im Hals stecken bleibt, wenn man von General Totenkopf mit der Pistole an der Schläfe gezwungen wird zu entscheiden, welchem Kameraden die Augen herausgeschnitten werden sollen.

Schwarzer Humor

Ein Stimmungswechsel, der den Einfluss Tarantinos Erzählkunst offenlegt, aber nicht aufgesetzt wirkt. "Wolfenstein" war schließlich nie eine Serie, die sich selbst zu ernst nimmt, wenngleich in der Vergangenheit nicht allen Iterationen die Kunst des schwarzen Humors gleich gut gelang. Doch wenn der geschundene Blazkowicz im Zug von einer markerschütternd kichernden Frau Engel und ihrem Begleiter Bubi für die ach so arischen Züge bewundert wird und einem die Wahl zwischen Tod oder Psychospielchen gelassen wird, hat es zumindest den Anschein, als würde MachineGames diese Kunst beherrschen.

Fraglich ist gewiss, ob die Zusammensetzung dieser Puzzleteile im finalen Gesamtwerk konsequent gelingt. Denn der Unterschied zwischen guter Satire und lose aneinandergereihter Groteske ist, dass man am Ende trotzdem und nicht darüber lacht. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 2.3.2014)

Trailer: "Wolfenstein: The New Order"

"Wolfenstein: The New Order" erscheint am 23. Mai für PC, PS4, PS3, XBO und X360 im Handel.

  • "Wolfenstein: The New Order" erscheint am 23. Mai für PC, PS4, PS3, XBO und X360 im Handel. Im Bild: B. J. Blazkowicz
    foto: bethesda softworks

    "Wolfenstein: The New Order" erscheint am 23. Mai für PC, PS4, PS3, XBO und X360 im Handel. Im Bild: B. J. Blazkowicz

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  • General Totenkopf
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    General Totenkopf

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  • Frau Engel
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    Frau Engel

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