Destillat aus Essenz und Essenzen

28. Februar 2014, 17:07
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Mit "Belagerung der Welt" liegt nun eine lesenswerte Auswahl der Journale des in Paris lebenden Schweizer Autors Paul Nizon vor

"Die Wirklichkeit, die ich meine, ist nicht ein für alle Mal abzuziehen oder abzufüllen und in Tüte, Schachtel oder Wort mitzunehmen. Sie ereignet sich." Festgehalten hat Paul Nizon dies 1962, nachzulesen in Die Belagerung der Welt, einer jüngst erschienenen Auswahl aus Nizons Journalbänden, die Notate aus einem halben Jahrhundert versammeln.

Nicht von ungefähr trägt der von Martin Simons editierte Auswahlband den Untertitel Romanjahre, viele Aufzeichnungen verweisen auf das in fünf Jahrzehnten entstandene Werk, andere zeugen von der Atmosphäre des Schaffensprozesses. Wegbegleiter tauchen auf, Canetti, Frisch, Dürrenmatt, Privates kommt zur Sprache. Zur verdichteten Sprache, denn Nizons Journaleinträge sind Literatur. Diese verdankt sich der Kompromisslosigkeit eines Schriftstellers, der unerschrocken seinem Leitspruch folgt: "Das Leben ist zu gewinnen oder zu verlieren."

Wer mit solch einer Losung antritt, lässt dem Mittelmaß keinen Raum, der geht aufs Ganze, ohne Rücksicht auf sich und andere. Der Preis ist hoch, und Nizon bezahlt ihn mit Zeit, mit geschriebenem Leben. Das spiegelt sich wider in einem Werk, in dem die Wirklichkeit Satz um Satz aufblüht, ein schöpferischer Akt, der nicht in Inhalten, sondern ausschließlich in Sprache sichtbar wird. "Ich bin ein Sprachmensch, kein Inhalteverteiler. Nur die sprachgewordene ist an sich gebrachte Wirklichkeit", heißt es in Nizons Poetikvorlesungen, die er 1984 in Frankfurt abhält.

Und: "Nur im Schreiben kommt zustande, was im Leben nie möglich ist: eine Anschauung des Ganzen." Bereits Mitte der 1980er-Jahre gilt er als Geheimtipp. Heute sehen manche in Nizon einen Literaturheiligen, andere wiederum einen versnobten Alten mit fragwürdigem Frauenbild, der seine Erfolglosigkeit mit Dünkel kompensiere. Dabei beginnt seine Karriere hoffnungsvoll: 1959 erntet er für seinen Erstling Die gleitenden Plätze die Anerkennung der Bachmann, von Frisch und Dürrenmatt. Siegfried Unseld nimmt ihn unter Vertrag, Canto entsteht, Autor wie Suhrkamp-Verleger träumen von hohen Verkaufszahlen und Welterfolg. Beides bleibt aus. Auch viele Bücher später hat sich daran wenig geändert. Warum? Ein Destillat aus Essenz und Essenzen habe ein Buch zu sein, Lebensessenz, Lust- und Leidessenz, aber auch Erinnerungs- und Vorstellungsessenz. Zudem eine Neuschöpfung, eine Einmaligkeit.

Hier manifestiert sich sein Anspruch, hochfahrend und elitär mag man diesen nennen, radikal allemal. Denn Nizon macht sich selbst zum Versuchskaninchen seiner Suche nach dem Leben - und von nichts anderem handeln seine Bücher. Ob in Das Jahr der Liebe, in Hund oder Das Fell der Forelle, seine Romane kreisen um das Ich in all seinen Facetten, vom Ich-Dunkel als Jagdgebiet spricht Nizon, stöbert Unbekanntes auf. Kommt er sich selbst auf die Spur, so auch anderen, dem Leser. Keine Nabelschau, nur Selbstausbeutung, angetrieben von der Überzeugung: Das Leben ist kein Besitz, es ist ein Geschenk, das auf der Bühne des eigenen Ich anzunehmen ist, will man nicht Zuschauer bleiben.

Der rigorose Verzicht auf die Zugkraft gängiger Themen und das Fiktionalisieren machen den 1929 in Bern Geborenen zu einer Randexistenz im literarischen Betrieb. Zumindest im deutschsprachigen Raum, bis heute muss Nizon auf die ihm gebührende Anerkennung warten. In Frankreich indes, wo er seit 1976 in Paris lebt, ehrt man ihn längst als "Chevalier des Arts et des Lettres", als Poesie-Puristen. Als solcher erweist er sich auch in den Journalen. Er kann nicht anders.

Dabei ist er sich zunächst nicht sicher, ob die Journale zur Publikation taugen würden, sie seien ihm lange nichts anderes als ein Haufen ungelesener Blätter gewesen. Auch fürchtet er die Überfülle des Materials, er sucht Hilfe und findet sie in Maria Gazzetti, derzeitige Leiterin der Casa di Goethe in Rom, und in Wend Kässens, viele Jahre an der Spitze der Literaturredaktion des NDR. Seit 1995 sind fünf Bände erschienen, tagebuchähnliche Aufzeichnungen, Selbstvergegenwärtigung in Sprache. Blind- oder Warmschreiben nennt Nizon seine täglichen Fingerübungen, sie gewähren Einblick in ein Poetenleben, ein Wort, das er gern verwendet in Hochachtung Robert Walsers.

Aus bereits publizierten Büchern eine Auswahl zu treffen ist ein schwieriges Unterfangen, das nur gelingen kann, wenn man Nizons Postulat folgt: Ein Destillat aus Essenz und Essenzen habe ein Buch zu sein. Und genau dieser Forderung kommt Herausgeber Martin Simons nach. Seine Auswahl ist kein Best-of. In Abstimmung mit Nizon redigiert und verdichtet er Textpassagen abermals, ein Drama entsteht, dessen Hauptfigur die Zeit ist: fünf Jahrzehnte der Sprachwut in bedingungsloser Hingabe zur Literatur.

Die hoffnungsvollen Anfänge in der Schweiz, das Verzweifeln am Unverständnis von Publikum und Kritik, der radikale Bruch mit der bürgerlichen Existenz als Kunstressortleiter bei der Neuen Zürcher Zeitung. Der Umzug nach Paris, der einer Flucht gleicht, die gescheiterten Beziehungen, am Ende das Alleinsein, das alles infrage stellt. Freilich - und auch das verdeutlicht Die Belagerung der Welt -, eine späte Anerkennung im deutschsprachigen Raum würde es nicht erst legitimieren: Nizons Werk ist einzigartig, einem schonungslos für die Kunst gelebten Leben geschuldet. Sosehr seine Sätze in und aus der Zeit entstehen, sie sind zeitlos. (Christoph W. Bauer, Album, DER STANDARD, 1./2.3.2014)

Paul Nizon: "Die Belagerung der Welt. Romanjahre". € 20,60 / 350 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2013

Der Schriftsteller Christoph W. Bauer (Jg. 1968) lebt in Innsbruck. Zuletzt erschien von ihm der Erzählband "In einer Bar unter dem Meer" (Haymon, 2013).


  • "Das Leben ist zu gewinnen oder zu verlieren": Paul Nizon.
    foto: marko lipus

    "Das Leben ist zu gewinnen oder zu verlieren": Paul Nizon.

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