Vom Hamsterrad des Sisyphus

Kolumne28. Februar 2014, 18:05
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Vom Hamsterrad des Sisyphus: Beobachtung im öffentlichen Raum - Von Julya Rabinowich

Der Mensch ist endlich. Das ist ein Faktum, das unserer Gesellschaft so gar nicht schmecken will – aus durchaus verständlichen Gründen. Sich damit zu arrangieren fällt vielen schwer.

Dass der Mensch endlich ist, wird etwas gemildert durch die Gewissheit, im Falle eines Falles gute medizinische Versorgung zu erhalten. In einem Land zu leben, in dem es gute medizinische Versorgung gibt. Ja, das sollte ein wenig Trost spenden. Blöd ist nur, wenn die Moiren, die am Lebensfaden schnippeln, bürokratische Verwalter sind, die ersatzlos Ärztedienste in der Notversorgung streichen, sodass das Schicksal alle Arten von Entfaltungsmöglichkeiten erhält. Daumen rauf, Daumen runter – alles bekommt mit solchen Kürzungen noch einen weiteren Aspekt von mehr oder weniger Glück.

Ob der OP-Tisch gerade verfügbar ist oder nicht, ob ein Anästhesist im Hause ist oder nicht. Ob der Arzt, der den Eingriff durchführt, schon die ganze Nacht ohne Ruhepause gearbeitet hat und eventuell sogar davor schon einen Tagesdienst erledigen musste. Nicht zuletzt ist dieser Zustand nicht nur für den passiven Part, nämlich die Patienten, nicht ohne Risiko, sondern auch für den aktiven Part selbst. Man stelle sich einmal vor, was das wirklich bedeutet: stundenlang in der Nacht zu operieren und zu behandeln. Wo schon eine falsche Entscheidung, eine falsche Bewegung die Schicksalsgöttinnen zu neuer Aktion hinreißen könnten.

Mit dieser Verantwortung leben müssen: täglich. Mit Schlaflosigkeit. Auch das Pflegepersonal stößt an seine Grenzen. Durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle landete ein Kollege im AKH, ich ging ihn besuchen und fand ihn verschanzt hinter den Papierstapeln seines neuen Romans. Die Stimmung auf der Station war bedrückend in einer Art, wie ich das noch nie erlebt hatte. Durchaus auch etwas Theatrales. Also fast Burgtheatrales. Ein Anästhesist! Ein Königreich für einen Anästhesisten! Diese Anspannung war auch im gesamten Haus zu spüren. Die berechtigten Proteste der Belegschaft hatten wenig genützt. Das ist fatal für Patienten und Belegschaft. Ebenso schlimm wie die Überforderung ist sicherlich auch die fehlende Wertschätzung der immensen Leistung.

Es ist ein Ding, eine herausfordernde, verantwortungsvolle Berufung zu haben und dieser nachzugehen. Es ist ein ganz anderes Ding, wenn man gibt, was man geben kann, und dafür keine Achtung erfährt. Diese Missachtung ist so demotivierend wie ernüchternd. Noch schlimmer: wenn man weiß, dass es zu Engpässen kommen kann und kommen wird, die man einfach nicht abfangen wird können, egal, wie man sich anstrengt. Was da verlangt wird, ist schlicht ein Hamsterrad des Sisyphos als neue Quadratur des Kreises. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 1./2.3.2014)

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