Thomas-Bernhard-Archiv: Eine Auslöschung

28. Februar 2014, 17:31
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Vor drei Wochen schrieb Hans Höller an dieser Stelle über das Thomas-Bernhard-Archiv - Eine Ergänzung aus der Sicht eines Betroffenen

Mögen Besorgnis und Irritation verständliche Reaktionen auf die eigenartigen Vorgänge um die Destruktion des Thomas-Bernhard-Archivs sein, die idealen Begleiter für eine angemessene Reflexion sind sie nicht. Erst recht, wenn man, wie ich, ein direkt Betroffener der zu erwartenden Folgen ist, haben persönliche Befindlichkeiten hintergründig zu bleiben.

Es geht hier auch nicht um die konkreten, von Hans Höller im STANDARD vom 8. 2. 2014 geschilderten Verhaltensweisen der an der Auslöschung eines international bedeutenden Literaturarchivs Beteiligten. Die Motive für diesen holzfällenden Kahlschlag mögen andere, befugte, in die Vorgänge selbst Involvierte erhellen. Hier geht es ausschließlich um die zu erwartenden Folgen für das offene Feld noch anstehender archivologischer Forschungsarbeiten an den Nachlassdokumenten Thomas Bernhards.

Dass der Archivdiskurs, und nicht erst seit Michel Foucaults Archivkonzeption, inzwischen weit über die Metaphorisierung des Archivs als kulturelles Gedächtnis hinaus verweist, ist längst an den kultur- und medienwissenschaftlichen Praktiken der Archive nachvollziehbar abzulesen. Der Wandel des Archivs vom Speichergedächtnis zum Funktionsgedächtnis kann grosso modo als vollzogen angesehen werden. Als zeitgemäße Archivpraxis ist sie eine zutiefst archäologische, die über die Praktiken der Textsicherung und Erschließung der Nachlassbestände weit hinausreicht.

Mediale Verfügbarkeit der Nachlassbestände mag einen wesentlichen Aspekt einer modernen Archivpraxis darstellen, der wichtigste ist sie meinem Dafürhalten nach nicht, solange es nur bei der bloßen Verfügbarkeit bleibt. Der Sprung zur Pantheonisierung der Handschriften und Typoskripte ist ein nur kleiner, unterdrückt man die latenten, in jedem Nachlassdokument verborgenen Informationen. Was man sich unter dem Begriff des archäologischen Archivs vorstellen kann, möchte ich hier kurz an einem Teilaspekt der Archivpraxis exemplifizieren.

Der Archivbegriff ist unlösbar mit dem Konzept der Spur, das jedem archivierten Dokument und somit dem Archiv selbst eingeschrieben ist, verbunden. Die Spuren - es sind dies durch den Autor, die Autorin in den Vorstufen vorgenommene Textinterventionen wie Korrekturen, Streichungen, Überschreibungen - bilden u. a. die Grundlage für die Textgenese und die Analyse des Schreibaktes an sich.

Die Methoden der Textanalyse umfassen sowohl empirische als auch poetologisch begründete Vorgehensweisen. So etwa können individuelle poetische Verfahren eines Autors, einer Autorin in ihrer Entstehung erfasst und rekonstruiert werden. Der Buchtext selbst, Walter Benjamin bezeichnet ihn als die Totenmaske des Schreibaktes, beschränkt sich auf die Wirkung von Schreibweisen, kann jedoch nichts über den mühevollen Findungsprozess der poetischen Verfahren durch den Autor, die Autorin aussagen. Was sich jetzt durch die Infragestellung der Existenz des Thomas-Bernhard-Archivs abzeichnet, ist der bewusste Verzicht auf die erst am Beginn stehende Spurenauswertung hinsichtlich der Schreibprozessanalyse, ganz abgesehen von anderen archivologischen Forschungsvorhaben, auf die ich hier nicht eingehen kann.

Die beabsichtigte Faksimilierung der Nachlassdokumente Thomas Bernhards durch die Österreichische Akademie der Wissenschaften wird dem Grunde nach kaum von jemand der Beteiligten in Zweifel gestellt. Sie ist längst geübte Archivpraxis. Auch gegen eine eventuell vorgesehene "korpuslinguistische" Erschließung gäbe es nichts einzuwenden, wenn es nicht bei einer einseitigen, empirisch sprachwissenschaftlichen Aufarbeitung bleibt. Und hier liegt der Grund meiner Besorgnis.

Mit dem Einscannen der Dokumente ist nicht mehr als die mediale Verfügbarkeit gewährleistet, eine übrigens zutiefst archivologische Praxis. Löst man sie aus dem Archiv heraus, weil man, wie im Anlassfall, der irrigen Auffassung anhängt, das Thomas-Bernhard-Archiv habe mit der Edition der Werkausgabe seine Schuldigkeit getan, bleiben die archivologischen Vorhaben auf der Strecke.

Von den wissenschaftlichen Erkenntnismöglichkeiten poetologischer Untersuchungen der Nachlassdokumente scheint man seitens der Akteure der Thomas-Bernhard-Stiftung nicht wirklich überzeugt zu sein. Anders ist diese Auslöschung nicht erklärbar. Wieder einmal, wie mir vorkommt, begibt sich eine philologische Nachlasspraxis auf dunkle Abwege des minotaurischen Labyrinths, indem sie den Ariadnefaden des Thomas-Bernhard-Archivs unwiederbringlich hinter sich durchtrennt. (Alfred Gelbmann, Album, DER STANDARD, 1./2.3.2014)

Alfred Gelbmann, Autor, Schreibprozessforscher, Wels, 13. 2. 2014

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