Hemingways Sensationsweib

28. Februar 2014, 17:18
8 Postings

Auf dem Kunstmarkt trifft man Josephine Baker selten, aber doch - 1928 herrschte ob der kecken "schwarzen Venus " helle Aufregung in Wien

Im Spätsommer 1927 war Ein Rutscher nach Paris (Originaltitel Die Frauen von Folies Bergères) in die Wiener Kinos gekommen, und "die Pariser Sensation" Josephine Baker war fortan in aller Munde. Sechs Monate später sollte in Wien der ruhmreiche Auftakt zu ihrer zweijährigen Tournee erfolgen. Der konservativen Hetze wegen kam es jedoch etwas anders als geplant. Die im Ronacher-Theater Anfang 1928 anberaumte sechswöchige Revue musste abgesagt werden, da der Magistrat die Konzession verweigerte, wie die Neue Freie Presse am 4. Februar berichtete.

Anderntags war der Star am Wiener Westbahnhof angekommen, mitsamt 15 großen Schiffskoffern: darin, neben dem legendären Bananenröckchen, 137 Kleider und Kostüme, 196 Paar Schuhe und kiloweise Schminkpulver. Die Medien berichten bis ins kleinste Detail, auch dass sie für ihre Vorstellung allabendlich 3000 Schilling (gemäß Verbraucherpreisindex: Gegenwert 9840 Euro) verdienen würde.

Während das Management und Veranstalter in Wien um eine Lösung rangen, begab sich die Baker zur Erholung an den Semmering und wagte dort ihre erste Rodelpartie. Die "schwarze Venus" wird dennoch zum Politikum, wovon Debatten im Nationalrat zeugen, als die Christlichsozialen vehement ein Auftrittsverbot forderten. Der Kompromiss: keine Solovorstellung, dafür ein Auftritt in der Revue Schwarz auf Weiß im Johann-Strauß-Theater. Ein Original, ja ein Ereignis sei sie auf der Bühne, "wenn sie den Gang der Tiere nachahmt, oder grotesk tanzt, wobei jeder Muskel des ganzen Körpers nach Art der Bauchtänzerinnen heftig mitarbeitet", berichtet beispielsweise eine Illustrierte.

Muse der Kreativen

Zeitgleich hielt man in Wien Sondergottesdienste als Buße für schwere Verstöße gegen die Moral ab. Die Fangemeinde wuchs dennoch, besonders unter den Kreativen, die in ihr die Gegensätze der Moderne vereint sahen: In Glas verewigte sie etwa Bimini mit der obligaten Bananenjustierung.

Karl Hagenauer widmet ihr dagegen eine kleine überaus elegante Standfigur aus (gegossenem) Metall, die zum Bestseller der Werkstätte(n) Hagenauer avancierte und deren Verve bis heute begeistert. Adolf Loos entwarf in seiner Pariser Zeit (1927) sogar eine Villa mit schwarz-weiß gestreifter Marmorfassade, die jedoch nie ausgeführt wurde. Und für Ernest Hemingway war Josephine einfach nur "das sensationellste Weib, das Menschenaugen je gesehen haben".

Vom damaligen Baker-Hype zeugen heute noch Dokumente, die sporadisch auch im Dorotheum versteigert werden, versteckt im Angebot der Sparten Fotografie oder Autografen. Die Bandbreite reicht dabei von Vintageprints aus den 1920er- und 1930er-Jahren (ca. 900 Euro) bis zu Autogrammen. 2009 wechselte beispielsweise eine am 10. April 1928 einer gewissen "Madame la Countesse Hilda Attems" gewidmete Porträtfotografie für 600 Euro den Besitzer. Interessant insofern, als besagte Gräfin später überzeugte Nationalsozialistin war und sich im Zuge der Arisierung 1939 um die Antiquitäten- und Kunsthandlung des Ignatz Pick bewarb.

International kommen ab und an Objekte aus Josephines persönlichem Besitz auf den Markt. Aktuell etwa bei Christie's in London (6. 3.), wo ein mit kitschigen Schäferszenen dekoriertes Klavier (30.000-40.000 Pfund) oder auch ihr vergoldetes Bett im Louis-XVI-Stil (4000-6000 Pfund) einen neuen Besitzer sucht. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 1./2.3.2014)

  • Anlässlich ihres Gastspiels in Wien signierte Josephine Baker im April 1928 einer gewissen "Madamae la Countesse Hilda Attems" eine Porträtfotografie, die 2009 im Dorotheum den Besitzer wechselte. Genannte Gräfin wurde später als (illegales Parteimitglied und) überzeugte Nationalsozialistin bekannt.
    foto: copyright dorotheum

    Anlässlich ihres Gastspiels in Wien signierte Josephine Baker im April 1928 einer gewissen "Madamae la Countesse Hilda Attems" eine Porträtfotografie, die 2009 im Dorotheum den Besitzer wechselte. Genannte Gräfin wurde später als (illegales Parteimitglied und) überzeugte Nationalsozialistin bekannt.

  • Kurzbericht zur "Verweigerung der Konzession für das Ronacher-Theater" aus der "Neuen Freien Presse" (4. Februar 1928), wo ursprünglich ein sechswöchiges Gastspiel Josephine Bakers geplant war.
    foto: archiv/der standard

    Kurzbericht zur "Verweigerung der Konzession für das Ronacher-Theater" aus der "Neuen Freien Presse" (4. Februar 1928), wo ursprünglich ein sechswöchiges Gastspiel Josephine Bakers geplant war.

  • Mit ihrem Tanz eroberte Revuestar Josephine Baker zuerst New York, dann Paris: Aufnahme um 1925.
    foto: christie´s dorotheum

    Mit ihrem Tanz eroberte Revuestar Josephine Baker zuerst New York, dann Paris: Aufnahme um 1925.

Share if you care.