Keine Chance für Killerphrasen

28. Februar 2014, 12:13
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Erschlagen von zerstörerischem Gegenüber? Ausgeliefert einer Kommunikation, die schnell entgleist? Muss nicht sein, sagt Kommunikationsexpertin Tatjana Lackner, Direktorin der Schule des Sprechens in Wien

Wer schafft es, das Gegenüber in Gesprächssituationen auf die Palme zu bringen? Welche "Killerphrasen" regen auf oder versuchen zu schwächen?  Kommunikations-Profilerin Tatjana Lackner decodiert, was wann dahinter steckt und kategorisiert in Typen. Das mag beim Umgang in solchen Situationen, mit solchen Typen helfen.

Der "Gehtscho-gemma-Vollgas"-Typ:

Dem Proletariat anzugehören war historisch betrachtet zu manchen Zeiten möglicherweise erstrebenswert. Heute hat die Bezeichnung "Prolet" keine positive Konnotierung und beschreibt Menschen, die eher bildungsschwach, dafür aber milieuauffällig sind. Grammatik- und Fallfehler pflastern ihren Kommunikationsweg. Dabei sind diese Zeitgenossen mit ihrer einfachen Lebensform durchaus erfolgreich - sie kommen auch zu ihren Kindern, Häusern, Urlauben und Fun-Momenten.

Mit dem Brustton der Überzeugung vertonen sie ihre eher banalen Lebensformeln bei jeder Gelegenheit und geizen auch nicht mit kernigen Tipps, wie man wodurch zu seinem Recht kommt. Ihre bodenständige Natur lässt sie in den Niederungen des Alltags gar nicht dumm dastehen, sind sie doch weder entscheidungsschwach noch zögerlich. Ohne Lupe ist jedoch klar, dass die Basis ihrer Überlegungen zu den wesentlichen Fragen des Menschseins überschaubar bleibt. Sie sind hauptsächlich beschäftigt mit "Leben organisieren", nicht damit, über den Lebenssinn nachzudenken. Der Satz: "Gemmas an" fällt eher als "Überlegen wir mal". Diese Umsetzungsstärke wird geschätzt.

Den "Gehtscho-gemma-Vollgas-Typus" verrät seine Echauffiertheit, die gespickt ist mit grammatikalischen Ungereimtheiten wie: "Zu waas soll ich wählen gehen". Dieser Typ ist stolz auf seine hemdsärmeligen Äußerungen und die eher triviale Betrachtung der Welt: "Worüber du dir immer Gedanken machst - über so was denke ich gar nicht nach. Da ist mir meine Zeit wirklich zu schade! Im Leben geht's echt um andere Werte."

Der "Wieso"-Spalter

Das krasse Gegenteil dazu ist - sprachlich betrachtet - der "Wieso"-Typus. Er ist Frageweltmeister und ein Spalter. Um Menschen und ihre Meinungen unbemerkt "auseinander"nehmen zu können, muss er - oder sie - geistig rege und inhaltlich aufmerksam sein. Wie ein Fuchs liegen diese "Wieso-Typen" auf der Lauer, um im Redefluss des anderen einzuhaken. Gerne schwimmen sie thematisch gegen den Richtungsstrom der vorgebrachten Argumente. Das hilft zwar weder dem Gesprächsverlauf noch der Laune weiter, aber sie können durch unbequeme Fragen punkten und sich als "schwierig" oder "anspruchsvoll" positionieren. Diese Oppositionsrhetoriker sind geübte Redner, was sie gefährlich macht. Wenn sie in Fahrt sind, wird das Gesprächsklima schnell rauer, und der Konsens ist perdu.

Dieser Typ gibt vor, stets am Inhalt interessiert zu sein, doch seine vordergründige Kompromiss-Miene täuscht. Die Kommunikationslinie dient allein seiner persönlichen Eitelkeit. Der "Wieso"-Spalter fühlt sich erst dort zu Hause, wo sprachlich seziert wird und er andere verunsichern kann. Rein stimmlich wirken diese Menschen selten bedrohlich. Manchmal verrät sich dieser rhetorische Pedant durch eine eher hohe Stimme und durch seine schnarrende oder näselnde Sprechweise.

Dieser Typus arbeitet nicht mit beleidigenden Antworten oder anderen tönenden Killerphrasen. Nein, er arbeitet mit Killer-Fragen und beherrscht die Schwarzmalerei. Seine fast kindlich gestellten Fragen klingen harmlos, zielen jedoch gerne auf das Gewissen ab. Man merkt, dass er sein Visavis sanft zwingt, sich zu rechtfertigen oder sich zwischen einer Schwarz-Weiß-Antwort zu entscheiden.

Das hier sind "Wieso"-Spalter-Sätze: "Da musst du jetzt schon präzise in deinen Ausführungen bleiben. Du bist dir also sicher, dass du dieses Projekt unbedingt willst? Wieso ist dir egal, wie hoch der Preis dafür ist?" Oder: "Glaubst du nicht, dass das eine sehr kurzfristige Sichtweise ist - wenn wir so agieren, könnten wir ordentliche Probleme bekommen, wieso willst du das unbedingt riskieren?

Der Dampfplauderer

Im Vergleich zum Spalter sind dies keine Klartexter, sondern wilde Schwadroneure. Ihre Stimme ist meistens wohlklingend, aber viel zu laut. Schachtelsätze, Nebenanekdoten und Storytelling-Elemente bieten ein üppiges Buffet an sprachlichem Reichtum und inhaltlicher Leere. Manchmal finden sich unter den Dampfplauderern sogar charmante Schmeichler, die jedoch jedes Kompliment zur Strapaze für die Nerven werden lassen, weil sie peinlich lange huldigen. In Gesellschaft kann es sogar Image-schädigend wirken, von einem Dampfplauderer süßelnd und voller Sprachzucker anmoderiert zu werden. Ein klares Ja oder Nein gibt es bei diesem Typus selten. Alles "hängt davon ab" oder "kann man so einfach nicht sagen".

Der Dampfplauderer ist ein Relativierer. Ohne Mut zur öffentlichen Positionierung ist er der geborene Opportunist, der die Freunderlwirtschaft hochhält und mit "Eine Hand wäscht die andere"-Mentalität ausgestattet ist. Gerne behält er sich ein Eisen im Feuer und die berühmte Hintertür offen, während er lauthals über ungelegte Eier prahlt. Die Gesprächsanteile und -themen reißt er an sich und schmückt seine Reden mit Name-Droppers, die ihn wichtig erscheinen lassen. Seine Alleinunterhalter-Attitüde wird für andere zum Dialogkiller. Es mag erstaunen, aber man kann andere Menschen auch durch Zustimmung vom Gespräch abschneiden.

Geschicktes Loben, kräftige Übertreibungen und Smalltalk-Talent werden hier zur Kommunikationssperre und sichern dem Dampfplauderer Redeanteile: "Was Sie sagen, stimmt und erinnert mich an meine letzte Reise in die Toskana. Ich kann Ihnen sagen bla, bla"; oder: "Völlig richtig, mein Lieber, und ich habe das noch viel schlimmer erlebt ... damals, als ich ..."

Die "Geh bitte!"-Zicke

Die "Geh bitte"-Zicke ist kaum voll-, sondern eher schmallippig und unentspannt, was selten warme Gesprächsatmosphäre sichert. Die Stimmen dieser Frauen und Männer sind oft viel zu hoch bei der schnippischen Verwendung. Es geht ihnen offenbar darum professionelle Gestresstheit zur Schau zu stellen. Ihr Gesprächsmotto lautet: "Mit mir ist nicht gut Kirschenessen, ich nehme es im Leben peinlich genau".

Dahinter liegt neben Unsicherheit auch häufig eine sehr einfache Herkunft, von der man sich durch alleiniges "Ärmelaufkrempeln" hochgearbeitet hat. Manche haben sich auch wahlweise gescheit studiert, woraus sie keinen Hehl machen. Überhaupt passt Understatement nicht unbedingt zu ihr, lieber brüskiert die "Geh bitte"-Zicke das Gegenüber durch völlig distanzlose Fragen im Oberlehrerton. Ihre pseudotaffe Art, anderen auf den inhaltlichen Zahn zu fühlen, wirkt recht ruppig, manchmal sogar unhöflich. Mit Humor kann - besonders Mann - die "Geh bitte"-Zicke manchmal aus ihrer Inquisitorinnen-Rolle holen.

Sie behandelt Rangniedrigere grundsätzlich wenig wertschätzend. Fast jede Gelegenheit ist recht, um sich kapriziert zu geben. Die "Geh bitte"-Zicke hat Sympathiefaktoren, die gleich neben ihrem Humor im Keller geparkt sind. Vorsicht vor ihren Killerfragen! Die haben es in sich. Stimmt man der G'schnappigen zu, verwendet sie Ihr Zitat ungeniert dort, wo sie es braucht. Enthalten Sie sich jedoch der Aussage, dann empfindet sie das als illoyal und wird nachbohren. Oft häkelt sie Fangfragen in ihre scheinbar harmlosen Motzereien und geht dabei suggestiv vor: "Na, finden Sie das hier ein krasses Ambiente? Ich meine, wir zahlen 3000 Euro für den Abend. Da kann sich meine Firma schon etwas anderes erwarten. Na sagen S', finden Sie das denn gelungen?"

Der "Schau ma mal"-Typ

Dieser Typ ist Marke: ordentlich, brav und farblos. Das Einzige, was ihn oder sie nicht zum viel glamouröseren "Wieso"-Spalter werden ließ, ist seine Langeweile. Er ist ein braver Techno- oder Bürokrat, der stets sein eigenes Süppchen kocht und sich gerne mit dem Nimbus umgibt, privat anders und vielschichtiger zu sein. Seine Sprache wirkt unlebendig und bildleer, eines hat er jedoch kultiviert: Er widerspricht, um zu verharmlosen: "Na, so arg hab ich das aber gar nicht erlebt." Nachdem er selbst wenige inhaltliche Reißer zu berichten weiß, macht er wenigstens den anderen - die für die Gesprächsatmosphäre verantwortlich zeichnen - die Buchstabensuppe salzig, indem er relativiert. Er klinkt sich dabei nicht deshalb ins Gespräch ein, um Inhalte voranzutreiben oder ergänzende Bonmots abzugeben, sondern um andere Beiträge runterzuspielen und die Fremdperformance mieszumachen. Sein Vorteil: Er wirkt dabei grundsätzlich höflich, neutral, objektiv und genießt diesen Status sichtlich. In Wahrheit stellt er Kommunikationssperren auf, die andere wieder umschiffen müssen, um das Gespräch erneut in Gang zu bringen.

Der "Schau ma mal"-Typ unterbricht allein deshalb, um Belangloses entgegenzustellen. Er ist der geborene Mittelwegsfanatiker - im Vergleich zur "Geh bitte"-Zicke hat er sogar selbst für das Z'widersein zu wenig Power. Gerne korrigiert er und stellt jene Informationsfragen, die weder dem Gesprächsverlauf helfen, noch von allgemeinem Interesse sind. Am liebsten formuliert er No-na-Aussagen und versorgt andere mit ratgebenden Binsenweisheiten. Von ihm könnten folgende Sätze kommen: "Geh, du übertreibst wieder. Wir waren auch schon in Südtirol, und es hat gar nicht geregnet. Außerdem mein Tipp an dich: Man kann sich ja auch drinnen erholen."

Der "Schau ma mal"-Typ ist vordergründig selten neugierig und verkauft seine niedrige Betriebstemperatur in Sachen Temperament und Emotionen als reife Gelassenheit: "Ich rede mit meinen Mitarbeitern gar nicht über Privates. Jeder soll tun, was ihn glücklich macht."  (red, 28.02.2014)

  • Dahinter schauen hilft.
    foto: istock/caracterdesign

    Dahinter schauen hilft.

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