Umstritten: Organentnahme nach Kreislaufstillstand

3. März 2014, 11:54
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In vielen Ländern Europas sind Transplantationen aufgrund von Spenderknappheit nicht nur bei Hirntod, sondern auch bei Kreislaufstillstand möglich

Es ist eine kleine Zahl, aber eine nicht unumstrittene: 1 bis 2 Prozent der Menschen, die in Österreich pro Jahr zu Organspendern werden, sind zum Zeitpunkt der Organentnahme nicht hirntot, wie es die Definition in Ländern wie Deutschland verlangt. In Österreich dürfen nämlich bei Patienten auch im Fall eines anhaltenden und irreversiblen Kreislaufstillstandes die Organe entnommen werden. 

Doch auch wenn der Tod durch Kreislaufstillstand eintritt: "Es endet im Hirntod", stellt Michael Zink klar. Er ist Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin bei den Barmherzigen Brüdern in St. Veit an der Glan und im Krankenhaus der Elisabethinen in Klagenfurt sowie Transplantationsreferent der Region Österreich Süd. Denn wenn es keine Zirkulation mehr gebe, dann würde das Gehirn innerhalb von wenigen Minuten unwiderbringlich geschädigt. Die Diagnostik dieses "Hirntods nach Kreislaufstillstand" ist streng geregelt und in einer Empfehlung, die vom Obersten Sanitätsrat im November 2013 beschlossen wurde, festgeschrieben.

Zehn Minuten Kreislaufstillstand

Nach wievielen Minuten Kreislaufstillstand es keine Hoffnung mehr für die Patienten gibt, ist international unterschiedlich geregelt. Einige der umstrittensten Fälle kennt man aus den USA: 2008 war im renommierten "New England Journal of Medicine" die Rede von Kleinkindern, bei denen teilweise nur 75 Sekunden bis zur Einleitung des Organentnahmeprozesses gewartet wurde. "Da könnte ich nicht mitgehen", so Zink.

In Österreich ist die Dauer des Kreislaufstillstands vor der Organentnahme mit zehn Minuten weitaus strenger geregelt. "Aus Untersuchungen wissen wir, dass nach sieben Minuten komplettem Kreislaufstillstand das Gehirn so geschädigt ist, dass es nicht wieder in Funktion treten kann", erklärt Zink.

Der Kreislaufstillstand wird von einem Arzt, der nichts mit dem Transplantationsgeschehen zu tun hat, entweder über eine invasive Blutdruckmessung - also über einen Schlauch, der in einer Arterie steckt - oder mit einer Echokardiographie, bei der überprüft wird, ob sich die Aortenklappe noch öffnet, nachgewiesen. Außerdem muss man bei Organspendekandidaten laut Empfehlung nachweisen, dass ihre Körpertemperatur ein Minimum von 34 Grad hat, um eine Unterkühlung auszuschließen -  bei Kindern beispielsweise, die in einen zugefrorenen See fallen, fängt nämlich mitunter das Herz auch nach längerer Zeit wieder zu schlagen an. 

Nach der Feststellung des Kreislaufstillstands erfolgt eine Beobachtungszeit von zehn Minuten, in der keine Reanimationsmaßnahmen mehr durchgeführt werden. Im Anschluss daran wird der Funktionsausfall des Gehirns überprüft, indem unterschiedliche Reflexe getestet werden. "Allgemein kann man sagen, dass die Todesfeststellung vor einer Organspende sehr, sehr viel strenger ist als die Todesfeststellung in anderen Fällen", versichert Zink. "Aus meiner Sicht ist das die sicherste Diagnose in der Medizin: Wo sonst stellen mehrere Ärzte gleichzeitig qualifiziert eine Diagnose?"

Die Zeit läuft 

Der Zeitrahmen, in dem dann Organe entnommen werden können, ist knapp: Wird zu lange gewartet, können die Organe nicht mehr verwendet werden. "Das ist total stressig", räumt Zink ein. Wenn der Tote einfach liegen gelassen werde, sinke die Chance, dass die Organe noch verwendbar sind, mit jeder Minute. Bei künstlicher Durchblutung können die Funktionen laut Zink aber über einige Stunden erhalten bleiben. Dafür würden gezielt jene Organe, die transplantiert werden sollen, mit einer künstlichen Blut- und Sauerstoffpumpe von außerhalb des Körpers versorgt. Dadurch gewinne man Zeit, notwendige Untersuchungen durchzuführen. Trotz Zeitdruck müsse der Spender nämlich auf etwaige Krankheiten getestet und abgecheckt werden, ob sich der Tote ins Nichtspenderregister eingetragen hat.

Prinzipiell werde auch immer versucht, Angehörige des Toten zu erreichen und sie über die geplante Organentnahme zu informieren - das Einverständnis der Angehörigen ist dafür aber nicht nötig. Im Gespräch werde aber nach dem Willen des Verstorbenen gefragt. Wenn von diesem eine Ablehnung gegen Organspende vorhanden war, wüssten das Angehörige  meistens: "Das  respektieren wir dann selbstverständlich", so Zink.

Für eine Entnahme nach Kreislaufstillstand würden sich die Niere oder die Leber eignen. Weltweit werde fallweise auch die Lunge entnommen. Herz, Darm und Bauchspeicheldrüse könnten bei Menschen mit Kreislaufstillstand nicht entnommen werden.

Mangel an Spendern

Zink hofft, dass sich die Zahlen von momentan 1 bis 2 Organspendern, bei denen nach einem Kreislaufstillstand Organe entnommen werden, bis 2015 auf 10 bis 20 erhöhen.  "Wir haben in Österreich eine sehr hohe Organknappheit", so Zink. Man benötige ein Verhältnis von 30 Organspendern pro Million Einwohner um den Bedarf zu decken - in vielen Teilen Österreichs liege man aber weit unter dem Wert.

Auch Florian Iberer, Leiter der klinischen Abteilung für Transplantationschirurgie an der Medizinischen Universität Graz, wünscht sich diese Form der Organspende in seinem Krankenhaus: Die Vorarbeiten dafür würden schon laufen. Noch heuer oder Anfang nächsten Jahres könnte es in Graz soweit sein. Ein großer Nachteil der Methode ist aber für Zink, dass man dafür eine hohe Verfügbarkeit von Spezialisten benötige. "Das wird wahrscheinlich nur in den großen Zentren in Frage kommen", räumt er ein.

Unbegründete Ängste

Die Organentnahme nach Tod durch Kreislaufstillstand ist wohl noch kontroversieller als jene nach dem Hirntod: "Die Emotionen sind sicher noch stärker, weil die Zeit noch geringer ist", räumt auch Zink ein. Bei der herkömmlichen Organspende nach Hirntod gebe es meist eine längere Leidensgeschichte. Die Situation bei einer Organspende nach Kreislaufstillstand sei eine andere, etwa bei Unfallopfern: "Da ist  es für Angehörige natürlich noch schwieriger zu begreifen, dass jemand gestorben ist." 

Die Angst vieler Menschen, dass Patienten bei Kreislaufstillstand sofort die Organe entnommen werden, ist unbegründet: "Im Normalfall reanimiert man 45 Minuten, bevor man sich einmal mit der Situation auseinandersetzt, ob man aufhören soll", beruhigt Zink. Selbst wenn das Herz, wie es immer wieder heißt, wie durch ein Wunder nach viel längerer Zeit wieder zum Schlagen anfängt, sei der Patient trotzdem tot, weil die Gehirnzellen irreversibel geschädigt seien.

Und auch wenn die Organe nicht entnommen werden, werde irgendwann mit Wiederbelebungsversuchen aufgehört: "Es ist nicht so, dass man diesen Patienten etwas vorenthält. Die Frage ist: Schieben wir diesen Patienten in den Leichenkeller oder kommt vorher noch eine Organspende?" (Franziska Zoidl, derStandard.at, 3.3.2014)

 

  • Niere und Leber eignen sich am besten für eine Entnahme nach Kreislaufstillstand.
    foto: apa/jan-peter kasper

    Niere und Leber eignen sich am besten für eine Entnahme nach Kreislaufstillstand.

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