Experte sieht größte Revolution in Europa seit 1989

28. Februar 2014, 06:54
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"Spaltung der Ukraine unwahrscheinlich" - Botschafter: Chancen für österreichische Unternehmen

Kiew/Wien - "Der Zeitpunkt könnte nicht günstiger gewählt sein", eröffnet der Osteuropa-Experte Andreas Kappeler am Donnerstagabend die Vorstellung des Buches "Österreich-ukrainische Begegnungen". In der bereits zweiten Auflage soll der zweisprachige Sammelband, der von der Österreichischen Botschaft in Kiew herausgegeben wird, die Beziehungen von Österreich und der Ukraine beleuchten.

Europäer

Es seien dramatische Ereignisse, die sich derzeit in der Ukraine zutragen, sagt Kappeler weiter. Der Erfolg des Euromaidan sei die größte politische Revolution in Europa seit 1989. Die Ukrainer hätten gezeigt, dass sie Europäer sind. In diesem Punkt ist sich das Podium einig. Der österreichische Botschafter in der Ukraine, Wolf Dietrich Heim, sowie der ehemalige Vizekanzler Erhard Busek (ÖVP) deuten mehrmals auf die enge, historisch gewachsene Verbindung der Ukraine zu Europa und insbesondere Österreich hin.

"Wir müssen uns aus Solidarität engagieren, weil die Ukrainer unsere Nachbarn sind. Das darf man nicht an Brüssel abschieben. Bitte, wer ist Brüssel? Das sind wir!", betont Busek. Die Gefahr einer Spaltung des Landes sieht er nicht. "Die Oligarchen wissen, wenn sie nach Russland gehen, sind sie die zweite Geige." Eine Form von Föderalisierung hält der Vorstand des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa allerdings für sinnvoll, hier brauche es eine rationale Diskussion.

Die Krim passt nach der Meinung des ehemaligen Universitätsprofessors Kappeler eigentlich nicht zur Ukraine. "Ich als Schweizer Staatsbürger sage seit 20 Jahren, dass eine Abspaltung sinnvoll wäre, bin damit aber aufgrund der negativen Konnotation dieses Wortes immer auf Abneigung gestoßen."

NATO

Zur Rolle Russlands will Ex-Vizekanzler Busek am Freitag mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel sprechen. Die Frage der Integration der Ukraine sei eine Frage der Beziehung der EU zu Russland. Man müsse den Russen klarmachen, dass nicht alles, was EU ist, NATO ist und auch nicht morgen ein Krieg ausbreche.

In den Köpfen vieler Russen sei noch nicht angekommen, dass die Ukraine ein eigenständiges Land ist, führt Kappeler aus. Darin liege auch das Unverständnis für die Maidan-Revolution begründet. Die Propaganda in russischen Medien tut nach Meinung der Diskutanten ihr Übriges. Da würde ein völlig anderes Bild von der Revolution transportiert als in den westlichen Medien, berichtet Heim. Die Zukunft sieht der Botschafter positiv. Die neue Regierung sei sehr stark und Beschlüsse des Parlaments wären auf breite Zustimmung gestoßen, auch von Abgeordneten der "Partei der Regionen" des abgesetzten Präsidenten Viktor Janukowitsch. Damit sei eine hohe Legitimität gegeben, betont Heim.

Er hoffe auf vermehrtes Engagement österreichischer Firmen in der Ukraine, so Heim. In den nächsten Wochen würden sich viele neue Chancen eröffnen. Den Rückzug mancher Unternehmen, etwa der Erste Bank, im Zuge der Unruhen könne er nachvollziehen, das seien betriebswirtschaftliche Sicherheits- und Risikoüberlegungen gewesen. Nach Ansicht des Botschafters wird es in naher Zukunft eine Einigung mit dem Internationalen Währungsfonds geben, womit die Voraussetzung für Investitionen gegeben wäre. Eine der größten Herausforderungen sehen sowohl Heim als auch Busek im Gas- und Energiesektor. Hier sei eine EU-weite Linie notwendig, um neue Handlungsfelder zu erschließen und Korruption sowie die Abhängigkeit der Ukraine von Russland zu verringern. (APA, 28.2. 2014)

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