Apotheken: Wollen wir wirklich alles günstiger?

Leserkommentar27. Februar 2014, 18:25
206 Postings

Eine Apothekerin über den freien Markt für Apotheken

In frei zugänglichen Regalen in Super- und Drogeriemärkte stehen Produkte für Geschirrspüler, die zwischen zwei und vierzehn Euro kosten. Marktführer sind die teuersten und am meisten beworbenen. Der Preis pro Waschgang steht am Regal.

Der L'Oréal-Konzern bietet Kosmetikprodukte in verschiedenen Preissegmenten in unterschiedlichen Vertriebswegen an. Wohl niemand glaubt, dass in diesen Produkten gänzlich verschiedene Inhaltsstoffe wären. Wir kaufen nach Gefühl, Werbung und Marketing: Luxus in der Parfümerie (Biotherm, Rubinstein), eher klinisch in der Apotheke (Vichy, La Roche-Posay) und wer es günstiger haben will, kauft L'Oréal-Cremen im Drogeriemarkt (Maybelline, Garnier).

Also ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Firma Bayer den Preis für die zwanzig Stück-Packung Aspirin innerhalb weniger Jahre von etwas über drei Euro auf über fünf Euro anheben konnte. Wirkstoffidente, wesentlich günstigere Präparate werden von den Kunden schief beäugt und nicht gekauft, auch wenn sie angeboten werden. Der Kunde vertraut der Werbung und dem Image der Marke.

Macht ein freier Markt alles günstiger?

Ein freier, liberalisierter Markt mit freien Unternehmen ist immer gewinnorientiert. Den Kunden wird nur dann etwas günstiger verkauft, wenn sich das Unternehmen davon einen geschäftlichen Erfolg verspricht. Sobald sich alle großen Anbieter in Position gebracht haben und die Konkurrenzvielfalt zerstört ist, wird alles teurer (Treibstoff, Lebensmittel; Telefonie wird folgen). Dann hat der Gesetzgeber alle Hände voll zu tun, die Produkte wieder für alle leistbar zu machen.

Liberalisierung des Medikamentenverkaufs oder Entstauben des Regelwerks?

Wer krank ist, ist auf Hilfe angewiesen. Das bedeutet, Selbstbestimmung abzugeben und Vertrauen in andere Personen zu legen -  für den modernen Menschen, der vermeintlich alles selbst unter Kontrolle hat, ein schwieriges Unterfangen. Dieser Mensch trifft dann auf etwas Antiquiertes wie eine Apotheke: jahrhundertelang voll von Arzneien, die alles andere als standardisiert, oft gänzlich unwirksam oder hochgiftig waren. Bis heute verbietet das Gesetz, Aspirin selbst aus dem Regal zu nehmen oder im Drogeriemarkt einzukaufen. Darf das noch sein?

Das umfangreichen Regelwerk für Apotheken ist zweifellos überdenkenswert

Das Rechenmodell, mit dem Bewohner und Einpendler eines zu versorgenden Gebiets ermittelt werden, ist hochkompliziert, öffnet Tür und Tor für unzählige Gutachten und bedarf einer Reform – ganz im Sinne des EuGH.  Beim Ansuchen um einen neuen Apothekenstandort geht es mitunter leider nicht um die bessere Versorgung der Bevölkerung, sondern einfach darum, einem Konkurrenten Geschäft wegzunehmen.

In Apotheken ist es verboten, rezeptfreie Medikamente ins Regal zur freien Entnahme für den Kunden zu stellen (Freiwahl), er darf sie nur sehen (Sichtwahl). Das mutet auch für viele ApothekerInnen als Schikane an, deren Sinnhaftigkeit zu überdenken ist.

Genauso die "Indikationsrezeptpflicht": Von zwei Wirkstoff-identen Präparaten kann eines rezeptfrei, ein anderes rezeptpflichtig sein. Das hängt – vereinfacht gesagt – davon ab, welches Anwendungsgebiet im Beipacktext steht. Betroffen ist z.B. der Wirkstoff Ibuprofen: Wenn ein Kunde das preisgünstiges 400mg-Ibuprofen-Präparat kaufen will, kann die Apotheke diesem Wunsch nur nachgehen, indem sie eine Gesetzesübertretung begeht und ein rezeptpflichtiges Präparat verkauft.

Eigenverantwortung

Vieles muss moderner und mit mehr Vertrauen auf die Eigenverantwortung des Kunden und die Beratungstätigkeit der Apotheke geregelt werden. Im Mittelpunkt aller Überlegungen haben aber die Bedürfnisse von gesundheitsbewussten und kranken Menschen zu stehen. Sind das aber wirklich die günstigsten Preise? Oder ist das nicht vielmehr bestmögliche Beratung und menschliche und persönliche Zuwendung zu garantierten Bedingungen? (Leserkommentar, Susanne Sinz, derStandard.at, 27.2.2014)

Susanne Sinz ist selbstständige Apothekerin in Leoben.

Share if you care.