Revolutionär mit zwiespältigen Erfahrungen

Kopf des Tages27. Februar 2014, 18:00
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Der 39-jährige Arseni Jazenjuk wurde schon einmal Opfer eines Machtkampfes

Wie ein Revolutionär und Barrikadenbauer sieht Arseni Jazenjuk nicht aus. Mit seiner Brille, der hohen Stirn und den schmalen Schultern ist er geradezu die Verkörperung eines Intellektuellen in der Ukraine. Tatsächlich stammt der 39-Jährige aus einer Gelehrtenfamilie: Vater Geschichtsprofessor, Mutter Fremdsprachenlehrerin.

Doch eine Universitätskarriere strebte Jazenjuk nicht an: Noch während seines Jusstudiums in Czernowitz gründete er seine eigene Kanzlei, anschließend arbeitete er als Konsulent für die ukrainische Großbank Aval, die später von der Raiffeisenbank übernommen wurde.

Bald zog es Jazenjuk auch in die Politik. Sein erstes Amt war das des Wirtschaftsministers auf der Krim. Dann übernahm er in Kiew den Posten des stellvertretenden Nationalbankchefs. Auch nach der Orangen Revolution fand sich Verwendung für den aufstrebenden und ehrgeizigen Politiker, zumal er sich ganz in den Dienst der neuen Herren stellte. In verschiedenen "orangen" Regierungen war er Wirtschafts- und Außenminister, zwischenzeitlich auch stellvertretender Kanzleichef von Präsident Wiktor Juschtschenko. Vorläufiger Höhepunkt seiner Karriere war allerdings 2007 die Wahl zum Vorsitzenden des ukrainischen Parlaments, der Werchowna Rada.

Doch die Querelen zwischen Juschtschenko und Julia Timoschenko, die nach dem gemeinsamen Sieg bei der Orangen Revolution später versuchten, sich gegenseitig beim Kampf um Ämter, Einfluss und wirtschaftliche Macht auszustechen, kosteten Jazenjuk als erstes Opfer bereits nach einem Jahr seinen Posten.

Mit der von ihm gegründeten "Front der Änderungen" versuchte Jazenjuk einen Neuanfang, fernab der Streithähne im orangen Lager. Bei der Präsidentenwahl trat er daher als eigenständiger Kandidat an, konnte aber nur knapp sieben Prozent der Wähler auf sich vereinen.

Erst nach dem Sieg Wiktor Janukowitschs fand Jazenjuk den Weg zurück zur Opposition. Nach der Inhaftierung Timoschenkos übernahm er den Fraktionsvorsitz ihrer Partei, später, auf dem Maidan, war er einer der Führer der Revolte gegen Janukowitsch und die unter ihm grassierende Korruption. Seine eigenen Ambitionen auf das Präsidentenamt hat er zugunsten des Premierspostens aufgegeben. Nun muss er hoffen, dass sich die neuen Führer des Maidan nach ihrem Sieg nicht ebenso im Machtkampf aufreiben wie die alten. (André Ballin, DER STANDARD, 28.2.2014)

  • Arseni Jazenjuk, neuer Regierungschef der Ukraine.
    foto: epa

    Arseni Jazenjuk, neuer Regierungschef der Ukraine.

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