Für ein Nato-Angebot an Russland

Kommentar27. Februar 2014, 17:58
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Die Ukraine-Krise macht klar, wie notwendig neues Denken und Handeln sind

Der erste Nato-Krieg heißt offiziell Krimkrieg. Er dauerte von 1853 bis 1856 und wurde, unter anderem, mit äußerst verlustreichen Schlachten auf der Halbinsel am Schwarzen Meer ausgetragen.

Natürlich gab es damals noch keine Nato. Die ironische Bezeichnung kommt von der Frontstellung: England, Frankreich und später das Königreich Sardinien (Vorläufer Italiens) kämpften aufseiten des Osmanischen Reichs gegen Russland. Es ging darum, das Zarenreich - das sich zulasten des zerfallenden türkischen Imperiums ausdehnen wollte - in die Schranken zu weisen. Russland sah den Krieg auch als Kreuzzug zur Wiedereroberung Konstantinopels als Hort des östlichen - und wahren - Christentums. England ging es vor allem um die freie Handelsroute nach Indien.

Mit dem Umsturz in der Ukraine ist die Krim nicht nur symbolisch zum Schauplatz einer neuen Ost-West-Konfrontation geworden. Die Gefahr, dass sich die Spannungen zwischen der großen russischsprachigen Mehrheit und den entschieden prowestlichen Krimtataren in gewaltsamen Zusammenstößen entladen, denen dann fast unweigerlich ein Eingreifen Russlands folgt, ist real.

Dass Russland von Feinden umgeben sei und nur auf sich selbst zählen könne, gehört zu den historischen Konstanten im russischen Selbstverständnis. Der Westen wolle den Russen die Ukraine "wegnehmen", hieß es schon bei der Orangen Revolution 2004 und heißt es auch jetzt wieder. Als ausführendes Organ dieser vermeintlichen Einkreisungspolitik gilt noch immer die Nato. Sie bleibt das Lieblingsfeindbild Moskauer Geostrategen bis an die Kreml-Spitze.

Und das, obwohl es seit 2002 den Nato-Russland-Rat als vertrauensbildendes Gremium gibt. Aber der neoimperiale Kurs Wladimir Putins verhinderte Vertrauensbildung ebenso, wie er neuen und alten Kalten Kriegern im Westen willkommene Argumente lieferte. Dagegen hatten mutige Vorstöße in die Gegenrichtung bisher keine Chance. Vor vier Jahren etwa plädierte eine Gruppe prominenter deutscher Politiker, Militärs und Diplomaten öffentlich für eine volle Nato-Mitgliedschaft Russlands.

Wäre ein solcher - sicher sehr langwieriger und schwieriger -- Prozess bereits eingeleitet, hätte dann die Entwicklung in der Ukraine eine andere Richtung genommen? Das weiß niemand. Was man hingegen weiß, ist, dass sich der Showdown in Kiew nicht im luftleeren Raum vollzieht.

Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs heißt es vielfach, die damit ausgelöste Entwicklung sei erst mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 zu Ende gegangen. Gerade die Ukraine-Krise zeigt, dass sowohl 1914 als auch 1989 als historische Zäsuren überbewertet sind. Was bis heute in dieser geopolitisch so sensiblen Region nachwirkt, reicht weit länger zurück. Auch der Krimkrieg war nur eine Etappe.

Der ging quasi unentschieden aus. Einen Sieger kann es auch in der neuen Auseinandersetzung zwischen dem Westen und Russland nicht geben, für welche die Ukraine symbolhaft steht. Wenn dem aber so ist, kann, ja muss man diese Krise als Chance für den Beginn eines umfassenden - ideologischen, politischen und wirtschaftlichen - Friedensprozesses nutzen, bei dem es nur Gewinner gibt. Gefragt sind mutige Visionäre und Akteure, die Geschichte gestalten, statt sie geschehen zu lassen. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 28.2.2014)

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