Die Festung, in die man sich selbst hineinbaut

27. Februar 2014, 18:08
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In ihrem neuen Roman "London N-W" folgt die britische Schriftstellerin Zadie Smith den divergierenden Lebensbahnen zweier Freundinnen - Ein experimentierfreudiges Buch über Selbstentwürfe und die Tücken moderner Lebensführung

Wien - Die Zahl 37 bleibt eines der Mysterien in Zadie Smiths neuem Roman. Gleich mehrere mit 37 überschriebene Kapitel finden sich im ersten Teil des Buches. In einem davon ist dann auch von der Zahl die Rede: Eine Freundin von Leah Hanwell, einer der zentralen Figuren, "hatte die Theorie, dass die 37 einen Zauber besitzt, der uns einfach zu ihr zieht. Ganze Webseiten widmen sich dem Phänomen. Die Fantasiehäuser im Kino, im Roman, auf Gemälden und im Gedicht: fast immer Nummer 37." Das wirkte. Leah war sofort angefixt.

Im längsten, dritten Teil von London N-W (erschienen bei Kiepenheuer & Witsch) fehlt die Zahl 37 dagegen ganz. 185 Momente und Schlaglichter - kaum eines länger als eine Seite - führen ausschnitthaft durch das Leben von Keisha Blake, der besten Freundin Leahs seit Kindheitstagen. Doch eine Erinnerung fehlt. Warum ist bei Keisha kein Platz für die magische Nummer? War es nicht sie, die Leah davon erzählt hat?

Keine Sorge, man muss kein Zahlenmystiker sein, um das Prinzip von Differenz und Wiederholung in Smiths jüngstem, vielleicht ambitioniertesten Buch zu verstehen. Der vierte Roman der britischen Schriftstellerin, die mit ihrem Debüt Zähne zeigen 2000 auf Anhieb zum Star der Weltliteratur wurde, ist ein Buch über den von kultureller Diversität gekennzeichneten Londoner Stadtteil Willesden. Es geht um den Lebenslauf zweier Freundinnen, die trotz vieler Parallelen letztendlich mehr trennt als verbindet.

In Willesden ist Zadie Smith selbst aufgewachsen, von hier haben auch Leah und Keisha (die zur Autorin einige Ähnlichkeiten aufweist) ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft angetreten, und von hier werden Nathan und Felix, welche die Wege der beiden Frauen wiederholt kreuzen, nie wirklich weg gelangen.

Zadie Smith ist eine Realismusskeptikerin. Dies hat sie auch in ihren Essays in der New York Review of Books, etwa in einer pointierten Verteidigung ihres Landsmannes Tom McCarthy, immer wieder zum Thema gemacht. In London N-W spiegelt es sich in der Bemühung, den Blick auf die Figuren perspektivisch weit zu fassen. Mit Spaß an sprachlichen Experimenten öffnet sich der Text hin zum Spontanen, will die Unterscheidung zwischen Innen- und Außenwelten, zwischen den Wahrnehmungen der Figuren erschweren.

Leben als Problem

Statt Charakteren zu folgen, geht es in London N-W mehr um deren Gemachtheit: um die Durchlässigkeit von Persönlichkeiten, die Eigenschaften ihrer Umgebung annehmen und verwerfen. "Das Leben hielten sie für ein Problem, das sich mit der richtigen akademischen Ausbildung lösen ließ", heißt es einmal über Keisha und ihren Mann. Doch lösen lässt sich natürlich nichts: Smith umzirkelt Mechanismen, mit denen sich die Freundinnen von Karriere, Ehe, Mutterschaft und nicht zuletzt ihrer Kultur kompromittieren lassen - selbst, wenn sie sich dem widersetzen.

Im ersten Teil, der vor allem Leah gewidmet ist, eilt die Form dem Gehalt des Erzählten jedoch ein wenig voraus. Die Handlung wird durch zwei Vorfälle bestimmt, die die dem Anschein nach glückliche Frau in eine Krise stürzen. Zum einen wird sie durch die Begegnung mit einer Drogensüchtigen, die ihre Gutmütigkeit ausnützt und ihr Geld nicht zurückgibt, in ihrem Selbstwertgefühl verletzt - ein Einfall, den Smith überspannt, mit dem sie zu viel auf einmal abhandeln will. Daneben ist es der Kinderwunsch ihres Freundes, der Leah zusetzt. Anders als ihre Freundin Keisha kann sie sich auf keine bürgerliche Erfolgsformel festlegen.

Leah ist jene Figur des Romans, die sich am hartnäckigsten in der Gegenwart einzurichten versucht. Wohl deshalb ist ihr Teil auch im Duktus eines Bewusstseinsstroms verfasst, der Smith von der Kritik Vergleiche mit James Joyce eingebracht hat. Leahs Welt ist immer noch stark über ihren engeren Lebensraum Willesden definiert. Er ragt mitunter bis ins Schriftbild hinein (ein Apfelbaumpoem hat auch die Form eines solchen). Ein Ist-Zustand, der wie eine Festung der Zeit erscheint.

Doch jede Figur des Romans bewohnt ihre eigene Realität. Nathan, der ehemalige Schulkollege, der auf der Straße lebt; Felix, der im geradliniger erzählten, zweiten Teil des Romans an einem einzigen Tag den Absprung in einen neuen Lebensabschnitt versucht und dabei leider etwas zu forciert scheitert; und schließlich Keisha, die sich zwar erfolgreich entwickelt, der aber irgendwo auf ihrem eiligen Weg ihr altes Selbst abhandenkommt. London N-W ist hinter dem Frohsinn ein eigentlich bitteres Buch über Zufallsgemeinschaften in einem Viertel, das keine übergeordnete Identität stiftet. Es ist ein Buch über Menschen der Großstadt, die ein paar Erinnerungen teilen. Aber denen nicht ganz klar ist, warum sie ihr Leben so führen, wie sie es seit geraumer Zeit tun. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 28.2.2014)

  • Ein Buch über Biografien, in denen ein jeder sich selbst der Nächste bleibt: Die britische Schriftstellerin Zadie Smith behandelt in "London N-W" mehrere Lebensentwürfe in einem Großstadtviertel, ohne diese in einem übergeordneten Ganzen zusammenführen zu müssen.
    foto: ap

    Ein Buch über Biografien, in denen ein jeder sich selbst der Nächste bleibt: Die britische Schriftstellerin Zadie Smith behandelt in "London N-W" mehrere Lebensentwürfe in einem Großstadtviertel, ohne diese in einem übergeordneten Ganzen zusammenführen zu müssen.

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