Rückblickende Ehrung eines Visionärs

27. Februar 2014, 18:17
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Der Künstler und Kurator Peter Weibel ist Oskar-Kokoschka-Preisträger 2014

Wien - Als Nachwuchsförderung kann man es nicht bezeichnen, wenn heute, Freitag, der Oskar-Kokoschka-Preis an den multimedialen "Polyartisten" Peter Weibel verliehen wird. Visionär sind die Ideen des Geehrten, nicht unbedingt ist es die Entscheidung der Jury, die damit "hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der bildenden Kunst" auszeichnet. Aber gut, von jungen Talenten konnte auch etwa bei Yoko Ono (2012), Günther Brus (2004) oder Maria Lassnig (1998) keine Rede sein.

Seit 1981 vergibt die Bundesregierung den Preis, den Juryvorsitz hat jeweils der Rektor der Universität für angewandte Kunst inne. Peter Weibel (geb. 1944 in Odessa) erhält das Preisgeld in der Höhe von 20.000 Euro für sein "künstlerisches Gesamtwerk", mit dem er "stets am Puls der Zeit" gewesen sei, so die Jury.

Weibel war der Zeit sogar immer ein Stückchen voraus. Mit ihm wird ein wacher Geist geehrt, dem es über die Maßen um die Zukunft geht, ob er nun als Künstler, Kurator, Medientheoretiker, Regisseur oder Lehrender – unter anderem an der Angewandten – in Aktion tritt.

Ästhetik und Politik

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn die Wirklichkeit hinter ihren Abbildern zu verschwinden droht? Diese Frage treibt Denker seit den Anfangstagen der Fotografie um. Und dass das fortwährende Hinterfragen moderner Kulturtechniken wichtig ist, daran kann es gerade heute keinen Zweifel geben. Als Aufgabe der Künstler erachtet es Weibel dabei, die "Bürger" auf ihre eigene "Handlungsfähigkeit" hinzuweisen. Sie sollten sich also mit ihrem Publikum solidarisieren, frei nach Joseph Beuys' Diktum, jeder sei ein Künstler.

Seine eigene Fähigkeit zu Handeln erprobte Weibel jeweils an modernsten Technologien: Anfang der 1980er-Jahre befasste er sich mit der digitalen Nachbearbeitung von Videos, 2013 eröffnete er das Donaufestival mit einer Bildschirm-Oper aus dem iPhone. Dazwischen erforschte er interaktive Installationen oder computergenerierte 3-D-Grafiken, lange bevor sie salonfähig wurden.

Eine autobiografische Signatur in seinen Werken zu hinterlassen, war Weibel dabei weniger wichtig als die gründliche Erschließung und Vermittlung seiner Forschungsgegenstände. Vielleicht kommt es daher, dass Weibel auch als Kurator umtriebig ist. Seit 1999 leitet der 69-Jährige das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Ab 1989 war Weibel Chefkurator der Neuen Galerie in Graz. Als diese 2011 im neu gegründeten Universalmuseum Joanneum aufging und damit ihre Autonomie verlor, distanzierte sich Weibel nachhaltig von Joanneum-Intendant Peter Pakesch.

Einige seiner ersten künstlerischen Schritte legte Weibel übrigens auf allen Vieren zurück: als er nämlich in der berühmt gewordenen Kunstaktion Aus der Mappe der Hundigkeit 1968 von Valie Export an einer Leine durch Wien geführt wurde. Weibel, der Medizin studiert hatte, schließlich aber zu Logik und Kybernetik wechselte, brauchte damals die Körperlichkeit des Aktionismus als Ausgleich zum allzu Abstrakten seines Fachs. (Roman Gerold, DER STANDARD, 28.2.2014)

  • Die Wirklichkeit und ihre medialen Abbilder: Peter Weibels "Parenthetische Identität" aus dem Jahr 1973.
    foto: zkm

    Die Wirklichkeit und ihre medialen Abbilder: Peter Weibels "Parenthetische Identität" aus dem Jahr 1973.

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