Das versunkene Land im Norden

1. März 2014, 18:00
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Die eiszeitliche Landbrücke zwischen Asien und Nordamerika könnte für Menschen weit mehr als nur ein Wegstück gewesen sein: Eine Heimat für Jahrtausende

Boulder - Ein riesiges Land, das über Jahrtausende hinweg von Menschen besiedelt war und schließlich im Meer versank: Das ist nicht der Mythos von Atlantis, sondern die Geschichte Beringias, der einstigen Landbrücke zwischen dem asiatischen und dem nordamerikanischen Kontinent. Zumindest wenn es nach einer alten Hypothese geht, die durch Erkenntnisse aus jüngerer Zeit neuen Auftrieb erhält.

"Brücke" als Heimat

Das Wort "Landbrücke" kann in die Irre führen: Man mag dazu unwillkürlich "schmal" assoziieren - tatsächlich handelte es sich um ein Gebiet, das eine größte Nord-Süd-Ausdehnung von ca. 1.600 Kilometern hatte. Insgesamt bildete Beringia eine Großregion, die sich vom Osten Sibiriens bis zu heute in Alaska und Kanada gelegenen Gebieten erstreckte und auch die dazwischengelegene Fläche umfasste, die heute vom Beringmeer und der Tschuktschensee bedeckt ist.

Außerdem impliziert "Brücke" etwas, das man überquert, um zu einem Ziel zu gelangen. Tatsächlich aber könnte Beringia das eigentliche Ziel der Menschen gewesen sein, die während der vergangenen Kaltzeit das nördliche Asien Richtung Osten verließen. Statt einer bloßen Etappe auf dem Weg in die Amerikas wäre Beringia für sie eine echte Heimat gewesen, bis zu 10.000 Jahre lang.

In ihren Ursprüngen geht diese Hypothese bis in die 1930er Jahre zurück, als Beringia (benannt nach dem dänischen Entdecker Vitus Bering) seinen Namen erhielt. Dass die Landverbindung für die Einwanderung des Homo sapiens in Amerika eine entscheidende Rolle gespielt hat, gilt seit langem als gesichert. In den vergangenen Jahren kam es dann zu neuen Erkenntnissen aus ganz verschiedenen Bereichen, die der Archäologe John Hoffecker von der Universität Colorado in Boulder in der aktuellen Ausgabe von "Science" zusammenführt, um die These von der Langzeitbesiedelung Beringias zu untermauern.

Genetische Erkenntnisse

Auf der einen Seite stehen Untersuchungen mitochondrialer DNA, denenzufolge sich das für amerikanische Ureinwohner typische Genom vor etwa 25.000 Jahren herausbildete und sich von dem ihrer asiatischen Ahnen abzugrenzen begann. Die älteste große Einwanderungswelle in Amerika, die archäologisch gesichert ist, fand aber erst vor etwa 15.000 Jahren statt.

Die lange Zeit dazwischen müssen die Ur-Amerikaner in relativer Isolation verbracht haben, anders hätten sich genetische Unterschiede nicht entwickeln können. Und für den Ort der Isolation wäre laut Hoffecker Beringia ein viel wahrscheinlicherer Kandidat als die gleichförmigen Weiten Sibiriens im Westen, in denen es wenige Hindernisse für Migration und Bevölkerungsaustausch gegeben hätte.

Überraschend angenehme Umgebung

Zu diesen genetischen Daten, die aus einer Studie aus dem Jahr 2007 stammen, sind inzwischen auch paläoökologische Erkenntnisse gekommen, wie der Anthropologe Dennis O'Rourke von der Universität Utah ebenfalls in "Science" berichtet: Bohrkerne vom Grund des Beringmeers zeigen, dass Beringia während der vergangenen Kaltzeit gebietsweise ganz anders aussah als gedacht. Statt auf eine bloße Fortsetzung der trockenen sibirischen Kältesteppe weisen Fossilien von Pflanzen, Pollen und Insekten darauf hin, dass es hier auch Gebiete gab, die von Bäumen und Büschen bewachsen waren.

Bäume und Büsche bedeuten Holz, und das wiederum die Gelegenheit Feuer zu machen: Holz ist ein besseres Brennmaterial als Knochen, die damals ebenfalls zu diesem Zweck verwendet wurden. Eine wichtige Ressource für eine langfristige Besiedelung war damit gegeben. Zudem war das Klima in diesen Gebieten, begünstigt durch Strömungen im Nordpazifik und eine relativ hohe Feuchtigkeit, überraschend milde: Laut den Forschern dürften die Winter grimmig kalt, die Sommer aber mit denen in der aktuellen Warmzeit vergleichbar gewesen sein.

Ein guter Ort also, um den Höhepunkt der Kaltzeit, das sogenannte Letzteiszeitliche Maximum vor etwa 25.000 bis 18.000 Jahren, zu überdauern. Die tiefliegenden, feuchteren Regionen Beringias boten den Menschen Schutz und sorgten zugleich für deren Isolation. Zusätzlich waren aber Jagdexpeditionen in diejenigen Regionen Beringias möglich, die tatsächlich dem alten Bild von Steppenlandschaften entsprachen und vor Herden großer Grasfresser wie Mammuts, Pferden und Bisons wimmelten.

Das Ende

Bis zu 10.000 Jahre könnte diese Ära gedauert haben. Dann wurde es allmählich wärmer, die Gletscher des nordamerikanischen Eisschilds zogen sich zurück und gaben eine Passage auf den Kontinent frei. Die - vorerst noch hypothetische - Bevölkerung Beringias könnte damit gemäß Hoffecker zum Ursprung der ersten bzw. einer der ersten Einwanderungswellen geworden sein. Der Archäologe spricht in Anlehnung an die "Out of Africa"-Theorie zur globalen Ausbreitung des Menschen von "Out of Beringia" in Bezug auf die Amerikas.

In Beringia selbst hingegen wurde es zeitgleich dazu immer ungemütlicher: Auf dem Höhepunkt der Kaltzeit war so viel Wasser in den Eisschilden gebunden, dass der Meeresspiegel um etwa 125 Meter tiefer lag als heute. Das Abschmelzen führte zur allmählichen Überflutung Beringias - vor etwa 15.000 Jahren trennte das Meer Asien und Nordamerika wieder. Durch Klimafluktuationen mögen Teile der Landverbindung in den folgenden Jahrtausenden noch mehrfach neu aufgetaucht und wieder versunken sein, ihre Zeiten als langfristiges Siedlungsgebiet waren aber vorbei.

Leider bedeckte das Meer aber auch alles, was es an archäologischen Beweisen für die Richtigkeit der Hypothese gegeben haben könnte, wie Hoffecker und O'Rourke einräumen. Um "Out of Beringia" tatsächlich zu bestätigen, muss nach menschlichen Hinterlassenschaften aus der Eiszeit gesucht werden: Entweder in tiefgelegenen Küstenregionen Alaskas und Sibiriens oder gleich unter Wasser. (Jürgen Doppler, derStandard.at, 1. 3. 2014)

  • Karte des versunkenen Landes: Hellgrün mit schraffierten Umrissen entlang der heutigen Küstenlinien Sibirien (links) und Alaska (rechts). Dazwischen in sattem Grün die heute überfluteten flachen Gebiete Beringias, in denen über Jahrtausende hinweg Menschen gelebt haben könnten.
    illustration: william manley, institute of arctic and alpine research, university of colorado

    Karte des versunkenen Landes: Hellgrün mit schraffierten Umrissen entlang der heutigen Küstenlinien Sibirien (links) und Alaska (rechts). Dazwischen in sattem Grün die heute überfluteten flachen Gebiete Beringias, in denen über Jahrtausende hinweg Menschen gelebt haben könnten.

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