"Wegen ein paar Euro Abgabe gibt es lauter Freiheitskämpfer"

27. Februar 2014, 10:01
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Kunstschaffende kämpfen für die Einführung des Modells

Josef Ostermayer (SPÖ), der neue Kulturminister, lud kürzlich die österreichischen Berlinale-Teilnehmer in sein Büro ein. Bei diesem Empfang hielt er eine programmatische Rede - nicht nur über die Notwendigkeit, Filme zu fördern. Die Drehbuchautorin und Schauspielerin Eva Spreitzhofer war durchaus angetan: "Ostermayer sagte, dass er unsere Forderung, Geld für die Verwertung unseres geistigen Eigentums zu bekommen, unterstützen werde."

Das Wort "Festplattenabgabe" habe er dabei zwar nicht ausdrücklich erwähnt, aber: "Die Novellierung des Urheberrechts möchte der Minister, wie er sagt, noch im ersten Halbjahr abgeschlossen haben." Spreitzhofer gründete mit anderen Filmschaffenden 2009 die Akademie des österreichischen Films, die sich, wie so viele andere Interessenverbände der Kunstschaffenden, für die Einführung der Festplattenabgabe ausspricht. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, lud die Akademie zu einem Gespräch mit sechs namhaften Proponenten ein.

"Am Anfang war das Internet cool"

Spreitzhofer kann den "Hass" auf die Festplattenabgabe nicht verstehen: "Am Anfang war das Internet cool und frei, dann wurde es immer komplizierter: Datenweitergabe, Schutz der Privatsphäre. Natürlich will man, dass alles so bleibt, wie es gewesen ist. Aber das geht nicht. Als es noch keine Autos gab, gab es auch keine Straßenverkehrsordnung. Aber irgendwann musste man Regeln aufstellen und Ampeln installieren. So ist es auch beim Internet."

Respekt gehe verloren

Schauspielerin und Akademiepräsidentin Ursula Strauss ("Schnell ermittelt") ergänzt: "Man kann sich alles einfach aus dem Netz holen. Darüber vergisst man, dass in dem, was man aus dem Computer heraushören und herausschauen kann, sehr viel Arbeit steckt. Sie ist nicht spürbar, weil man nur auf eine Taste drücken muss. Man verliert daher den Respekt vor der Arbeitsleistung." Mitunter scheine es sogar, dass man der Tätigkeit der Kunstschaffenden die Bezeichnung Arbeit abspreche: "Das ist krass."

"Werte werden relativiert" Der Regisseur Karl Markovics, der die Hauptrolle im oscarprämierten Film "Die Fälscher" spielte, setzt nahtlos fort: "Der Wert eines künstlerischen Produkts, einer geistigen Leistung wird nicht mehr anerkannt. In der virtuellen Welt konsumiert man alles, ohne die Schöpfer zu beteiligen. Dass geht in eine gefährliche Richtung. Denn Werte werden völlig relativiert. Hauptsache, die Freiheit des Netzes ist gewahrt. Ob die Gedankenfreiheit, die individuelle Freiheit gewahrt ist, das ist nebensächlich. Wenn es um ein paar Euro Festplattenabgabe geht, gibt es lauter Freiheitskämpfer."

Bei Rot über die Ampel gehen

Für Strauss legt sich die Gesellschaft unwissend selbst Ketten an: "Wenn man anfängt, geistiges Eigentum nicht mehr wertzuschätzen, hat das Auswirkungen auf das Leben aller. Denn wenn man für Arbeit nicht mehr bezahlt wird, ist das Prekariat die Folge."

Der Schriftsteller Doron Rabinovici nimmt die Ampelmetapher wieder auf: "Natürlich gehe ich mitunter bei Rot über die Kreuzung. Aber das bedeutet nicht, dass ich dafür bin, die Ampeln abzumontieren. Denn ich weiß, dass es bestimmte Regelungen geben muss." Es gebe die Übereinkunft in unserer Gesellschaft, dass man für bestimmte Dinge zahlt, auch wenn man diese nicht verwendet, sagt Eva Spreitzhofer. "Menschen ohne Kinder zahlen für Schulen - und Autofahrer für den öffentlichen Verkehr. Daher sollte man eine Abgabe für eine Festplatte entrichten, auch wenn man auf dieser nur eigene Dateien speichert."

"Gegner agieren mit blanker Leidenschaft"

Zumal, so Rabinovici: "Die Festplattenabgabe schränkt die Freiheit und Datensicherheit im Netz nicht ein." Für ihn verbirgt sich hinter der Ablehnung ein Ressentiment: "Die Gegner agieren mit blanker Leidenschaft. Sie wenden sich gegen die Menschen, die Kunst betreiben. Es ist natürlich nicht fein, wenn man sagt, man mag Kunst und Künstler nicht. Daher sagt man: 'Ich bin gegen die Abgabe.' Obwohl es keinen wirklichen Grund gibt."

Eines der dümmsten Argumente sei, dass die Festplattenabgabe nicht mehr up to date sei: "Solange Festplatten gekauft werden, ist die Abgabe nicht obsolet." Natürlich könne man, so Spreitzhofer, über andere Modelle nachdenken, zunächst müsse aber die seit Jahren geforderte Festplattenabgabe kommen: "Wir brauchen das Geld, das uns zusteht, jetzt." Die Abgabe sei ohnedies nur eine Ausweitung der Leerkassettenvergütung.

"Teil meiner Entlohnung"

"Recht auf Privatkopie" Der Musiker Andy Baum führt aus: "Ein Teil meiner Entlohnung waren die Tantiemen aus der Leerkassettenvergütung. Mit diesem Gesellschaftsvertrag kamen beide Partner gut aus, die Kunstschaffenden und die Konsumenten. Die technischen Entwicklungen haben an den inhaltlichen Dingen nichts geändert. Mit der Vergütung ist ja das Recht auf Privatkopie gegeben. Und das wäre auch bei der Festplattenabgabe so."

Das Argument der Gegner, das Geld würde in den Verwertungsgesellschaften versickern, lässt der Filmregisseur Michael Kreihsl nicht gelten: "Keiner von uns kann als Einzelner beobachten, welche unserer Filme irgendwo gespielt werden. Das heißt: Wir brauchen Strukturen. Die Verwertungsgesellschaften, wie die VDFS für uns Filmschaffenden, sammeln für uns international das Geld ein."

Andy Baum ergänzt: "Die Gesellschaften arbeiten nicht gewinnorientiert - und sorgen dafür, dass ich das Geld, das mir zusteht, auch wirklich bekomme. Der Verwaltungsaufwand bei der AKM beträgt etwa 14 Prozent. Hinzu kommt, dass die Gesellschaften einer Kontrolle durch den Staat unterworfen sind. Die bösen Gesellschaften: Das stimmt nicht! Wir sind die Verwertungsgesellschaften!" Ob zu viel Geld in die Struktur fließt, könne den Konsumenten egal sein: "Es ist nicht notwendig, sich für uns den Kopf zu zerbrechen", sagt Rabinovici. "Das machen wir schon selber!" (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 27.2.2014)

  • Fordern die Festplattenabgabe: Doron Rabinovici, Karl Markovics, Michael Kreihsl, Ursula Strauss, Andy Baum und Eva Spreitzhofer.
    foto: trenk

    Fordern die Festplattenabgabe: Doron Rabinovici, Karl Markovics, Michael Kreihsl, Ursula Strauss, Andy Baum und Eva Spreitzhofer.

  • Zankapfel Festplatte: Die Kunstschaffenden verlangen eine Ausweitung der Leerkassettenvergütung auf moderne Speichermedien.
    foto: istock

    Zankapfel Festplatte: Die Kunstschaffenden verlangen eine Ausweitung der Leerkassettenvergütung auf moderne Speichermedien.

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