Freier Markt für freie Apotheken

Kommentar der anderen26. Februar 2014, 18:14
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Mehr Liberalisierung im Arzneimittelmarkt würde den Apothekern und deren Kundschaft guttun. Eine flächendeckende wie hochwertige Versorgung mit Medikamenten wäre viel günstiger zu haben

Einer Apothekerin aus Oberösterreich wurde im Dezember 2011 seitens des Bezirkshauptmanns die Eröffnung einer Apotheke mit der Begründung mangelnden Bedarfs gemäß § 10 Apothekengesetz (ApG) verwehrt. Mehr als zwei Jahre später urteilte der Europäische Gerichtshof nun, dass die Regelung, "die als essenzielles Kriterium bei der Prüfung des Bedarfs an einer neu zu errichtenden öffentlichen Apotheke eine starre Grenze von 'weiterhin zu versorgenden Personen' (5.500 gemäß § 10 ApG, Anm.) festlegt, dem Grundrecht auf Niederlassungsfreiheit entgegensteht, weil die nationalen Behörden keine Möglichkeit haben, von dieser Grenze abzuweichen, um örtliche Besonderheiten zu berücksichtigen".

Eine Aufhebung der Bedarfsprüfung hat der EuGH damit nicht verlangt, vielmehr nur eine Flexibilisierung in der Begründung des Bedarfs im Sinne der "Berücksichtigung örtlicher Gegebenheiten". Das wird sich - nach entsprechender "Überzeugungsarbeit" der Apothekerkammer - durch eine kleine Reparatur der einschlägigen Gesetzesstelle problemlos und schnell "reparieren" lassen. Damit bliebe alles beim Alten.

Monopolrenten

Aus ökonomischer Sicht aber bedürfte der ganze Apotheken- und Arzneimittelvertriebsmarkt einer umfassenden Wettbewerbsintensivierung - die Bedarfsprüfung ist nur eine von vielen wettbewerbsbeschränkenden Regulierungen, die es Einzelnen auf Kosten der Allgemeinheit erlauben, Monopolrenten zu lukrieren.

Ansetzen könnte eine Wettbewerbsbelebung - über die Abschaffung der Bedarfsprüfung hinaus - an folgenden fünf Punkten:

  • Freigabe des Internethandels von Arzneimitteln mit zur Sicherung der Qualität und Versorgung notwendigen Auflagen, die für alle Marktteilnehmer gelten.
  • Freigabe des Verkaufs von rezeptfreien Arzneimitteln in Drogerien. In Österreich ist die Abgabe von Arzneimitteln nur über Apotheken zulässig. Diese Vertriebsrestriktion gilt für rezeptpflichtige als auch rezeptfreie Arzneimittel. Zumindest für rezeptfreie Arzneimittel ist dieser gesetzliche Eingriff in die Wahlfreiheit des Konsumenten bezüglich der Bezugsquelle nicht konsistent.

    Durch legale Umgehungskonstruktionen ist es in Österreich bereits seit 2011 möglich, rezeptfreie Arzneimittel außerhalb von Apotheken einzukaufen. So bietet die Drogeriekette DM in Kooperation mit der Internetapotheke "Zur Rose" in Österreich zugelassene rezeptfreie Arzneimittel über eine Apotheke in der Tschechischen Republik im Versandhandel an. Obwohl die Kosten für diese Umgehungskonstruktion beträchtlich sind, liegt die Preisersparnis bei gängigen Selbstmedikationspräparaten bei bis zu 40 Prozent im Vergleich zum Verkaufspreis einer österreichischen Präsenzapotheke.

    Wenn allerdings solche Umgehungskonstruktionen zulässig sind, kann auch gleich der direkte Weg, d. h. Verkauf von rezeptfreien Arzneimitteln in Drogerien in Österreich, gestattet werden. Genauso, wie Hartlauer Optiker in seinen Filialen beschäftigt, könnten auch Drogeriemärkte Pharmazeuten anstellen, die auf Wunsch den Konsumenten bei ihrem Selbstmedikationskauf beratend zur Seite stehen.
  • Verpflichtung zur Preisauszeichnung und Angabe des preisgünstigsten Alternativpräparats auf der Rechnung. Da Arzneimittel vom Apothekenpersonal ausgehändigt werden, ist ein Produktvergleich nur erschwert, bloß auf Nachfrage, möglich. Durch eine vergleichsfördernde Preisauszeichnung (Euro/Wirkstoffeinheit) und Angabe des preisgünstigsten Alternativpräparats auf der Rechnung wäre zumindest ex post (aber: ex ante bezogen auf den nächsten Einkauf!) ein Preisvergleich möglich.
  • Aufgabe der Regulierung der Spannen im Selbstmedikationsmarkt. Obgleich der Schwerpunkt der staatlichen Preiskontrolle auf den durch die Krankenversicherungsträger erstatteten Medikamenten liegt, unterliegen auch rezeptfreie Arzneimittel einer umfassenden Preisregulierung. Im Jahr 2006 betrug die durchschnittliche Apothekenspanne für den Gesamtmarkt rund 28 Prozent, für den Erstattungsmarkt lag diese acht Prozentpunkte niedriger.

    Dieser substanzielle Unterschied ist nicht zuletzt auch der Tatsache geschuldet, dass den Apotheken im "Privatbereich" ein zusätzlicher einheitlicher "Privatkundenaufschlag" von 15 Prozent gewährt wird. Diese Spannen mögen relativ zu den Spannen in anderen Branchen niedrig erscheinen, gemessen an der hohen Umschlagshäufigkeit sind sie aber hoch: Apotheken werden mehrmals täglich beliefert, die Nachbestellung von Produkten mit geringen Restbeständen erfolgt automatisiert. Die Lagerkosten sind in diesem Bereich zum Großteil an den Großhandel ausgelagert, die Kapitalbindung der Apotheken gering.
  • Neuregelung der Vergabe von "Apothekenkonzessionen". Eine Apothekenkonzession ist ein knappes und wertvolles Gut, das "ewige Monopolrenten" garantiert. Mobilfunklizenzen sind auch ein knappes Gut und werden von der öffentlichen Hand in der Zwischenzeit erfolgreich versteigert, Apothekenkonzessionen dagegen werden noch immer in anachronistischer Weise gratis (für den Apothekenbetreiber) erteilt. Wenn man sich schon nicht zur Abschaffung der Bedarfsprüfung durchringen kann, sollte zumindest die Vergabe von Apothekenkonzessionen nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten durch einen transparenten Auktionsmechanismus erfolgen.

    Dieses Verfahren hätte den Effekt, dass für umsatzstarke "Hotspots" Monopolrenten abgeschöpft werden, die wiederum (falls notwendig) zur Subventionierung umsatzschwacher Standorte genutzt werden könnten. Auf diese Weise könnte eine flächendeckende Versorgung mit Arzneimitteln zu höchsten Qualitätsstandards weitaus günstiger als derzeit sichergestellt werden.

Radikalkur

Wer glaubt, mit dieser wettbewerbsbelebenden Radikalkur nahe das Ende der "guten, alten Apotheke", irrt: Vom marktwirtschaftlichen Wettbewerb in der Existenz bedroht ist nur derjenige, der für dasselbe Produkt/dieselbe Dienstleistung im Vergleich zur Konkurrenz überhöhte Preise veranschlagt. Wer (gemäß selbstbewusster Eigenwerbung) nicht teurer, sondern besser ist, braucht sich vor dem freien Wettbewerb nicht fürchten, oder? (Michael Böheim, DER STANDARD, 27.2.2014)

Michael Böheim arbeitet als Industrie- und Wettbewerbsökonom in Wien.

  • Michael Böheim: Es gibt bereits Arzneimittel außerhalb von Apotheken zum günstigeren Preis.
    foto: privat

    Michael Böheim: Es gibt bereits Arzneimittel außerhalb von Apotheken zum günstigeren Preis.

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