Maidan. Tahrir. Taksim.

Kolumne26. Februar 2014, 18:14
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Die revolutionären Umwälzungen der jüngsten Zeit sorgen für einen Imagewandel der betreffenden Länder

Maidan. Tahrir. Taksim. Das sind nicht nur die Namen von Plätzen in Kiew, Kairo und Istanbul, sondern Kürzel für revolutionäre Umwälzungen der jüngsten Zeit, die unser Bild von der Ukraine, von Ägypten und der Türkei grundlegend und bleibend verändert haben. Nicht nur siegreiche Revolutionen gehen in die Geschichtsbücher ein. Nachfolgende Generationen merken sich auch die Freiheitsbewegungen, Aufstände und Volkserhebungen, die niedergeschlagen wurden oder ihr Ziel nicht erreicht haben.

Was hat der europäische Durchschnittsbürger vor der Maidan-Bewegung und der Orangen Revolution mit dem Begriff Ukraine assoziiert ? Ein fernes Land irgendwo in der Nähe von Russland, eine Art Anhängsel an dieses. Kornfelder. Pelzmützen. Bauersleute in Stiefelhosen. Den Film "Panzerkreuzer Potemkin". Vielleicht die Hungersnot der Dreißigerjahre. Die Panzerschlachten des Zweiten Weltkriegs. Die galizische Hauptstadt Lemberg gehörte für unsereins schon nicht mehr dazu, sondern hatte in unseren Köpfen ihren Platz in der Abteilung Habsburgermonarchie.

Das ist anders geworden, seit die Bilder von den Barrikaden in Kiew über unsere Fernsehschirme geflimmert sind. Wir haben die Menschen gesehen und gehört, die hinter diesen Barrikaden standen. Alte und Junge, Studenten und Hausfrauen, viele Gebildete darunter, die allesamt nach Demokratie und Rechtsstaat verlangten. Europäer wie wir. Allerdings mit dem Unterschied, dass sie bereit waren, für diese Güter ihr Leben einzusetzen und wochenlang in der Eiseskälte zu kampieren. Ab jetzt werden sie, wenn das Wort Ukraine fällt, unausweichlich immer vor unserem geistigen Auge auftauchen, neben den Kornfeldern und den Pelzmützen.

Es ist natürlich und normal, dass die Menschen in Klischees denken, wenn von anderen Ländern die Rede ist. Bei England fallen uns rote Autobusse, Fuchsjagden und Shakespeare ein. Frankreich heißt Moulin Rouge, Champagner und Napoleon. Bei Italien denken wir an Spaghetti und Berlusconi. Deutschland war lange Zeit Mercedes-Autos und Auschwitz. Und Österreich? Ausländer verbinden damit einerseits Walzerklänge und schneebedeckte Berge, andererseits aber auch Nazis und Judenverfolgung. Es dauert im Allgemeinen lange, bis diese Klischees sich verändern und neuere Entwicklungen berücksichtigen. Deutschland hat in den letzten Jahren einen Imagewandel hin zum Positiven erlebt, Österreich eher zum Negativen.

Bei Ägypten, der Türkei und der Ukraine ist dieser Imagewandel in vollem Gange. Sie alle haben sich nicht über Nacht in liberale Demokratien verwandelt, aber neben Armut und Rückständigkeit assoziieren wir mit diesen Ländern neuerdings auch eine neu entstandene Zivilgesellschaft, die nach demokratischen Veränderungen strebt.

Was immer die kommenden Monate und Jahre bereithalten - dass die Ukraine kein Anhängsel von Russland ist, weiß inzwischen jeder. Der Begriff Maidan hat sich in den Köpfen der Menschen in aller Welt festgesetzt, ebenso wie die Begriffe Tahrir und Taksim. Sie sind nicht mehr wegzudenken. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 27.2.2014)

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